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15. Dezember 2008

Kein Konsumterror!

In dieser Familie wird das Fest auch ohne teure Geschenke zum schönen Erlebnis – und das völlig stressfrei / Von Jutta Bissinger

  1. Eine von nicht wenigen Familien in Deutschland, die keinen Wert auf große Geschenke, teure Dekorationen und aufwendige Menüs legen: Die Günthers aus Prestewitz in Sachsen. Foto: oliver killig

Sie gehen in den Wald und schneiden Tannenzweige für die Weihnachtsdekoration. Sie sammeln duftende Tannenzapfen, schön geformte Rindenstücke und weiches Moos. Sie basteln und backen zusammen. "Und dabei singen wir ohne Unterlass: ,In der Weihnachtsbäckerei‘", erzählt Nora Günther.

In den Wochen vor Weihnachten war der fünfköpfigen Familie aus Prestewitz in Sachsen nur eines wichtig: das Zusammensein, die Gemütlichkeit und die Vorfreude aufs Fest. Große Geschenke, teure Dekorationen und aufwendige Menüs spielen dagegen keine Rolle. Nicht mehr. Die 41-jährige Mutter von drei Kindern hat vor Jahren dem Konsumterror zu Weihnachten ganz bewusst abgeschworen. Und das weder aus ökologischen noch ökonomischen Gründen, nicht aus politischer Überzeugung oder weil die Günthers besonders gläubig wären.

"Der ganze Stress wurde mir einfach zu viel: Jedes Jahr mussten es mehr Geschenke, eine tollere Dekoration, ein größeres Festmahl sein. Es hat sich immer mehr hochgeschaukelt. Irgendwie ganz von selbst, weil alle anderen es auch so machten." Denn nach der Wende hieß es im Osten: Auch zu Weihnachten wird nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt.

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Einige Jahre spielte Nora Günther dabei mit. 800 Mark hat sie einst für ein Weihnachtsfest ausgegeben. Doch vor acht Jahren kam ihre persönliche Wende: Sie sah es nicht mehr ein. "Ich hab’ die Notbremse gezogen." Selbst wo sie es sich finanziell leisten könnte – sie ist Schriftstellerin, ihr Mann Gerd arbeitet bei der Denkmalschutzbehörde. Auch die Besuche weit entfernter Verwandtschaft waren irgendwann nur noch anstrengend, die Kinder jammerten, niemand hatte mehr richtig Spaß. "Da haben wir uns von Jahr zu Jahr mehr auf unsere Kernfamilie besonnen."

Seitdem geht es bei Günthers in dem 423-Seelen-Dörfchen mitten im Wald beschaulich zu. Die Devise lautet: Gemeinsamkeit, aber bloß kein Stress. Nora backt mit den Kindern – aber mit ganz einfachem Teig. Etliche verschiedene Plätzchensorten nach komplizierten Rezepten? Fehlanzeige bei den Günthers. Dafür singen sie allesamt aus vollem Halse Weihnachtslieder, haben sichtlich Spaß an gemeinsamen Werkeln in der duftenden Küche.

Bei der Dekoration geht es ähnlich unkompliziert zu. "Dieses Jahr blaue Kugeln, nächstes Jahr silberne, bloß um im Trend zu liegen und die tollere Deko zu haben als die Nachbarn? Nee, das machen wir nicht mehr mit", sagt Nora. Die Günthers sammeln das Zubehör für ihren Weihnachtsschmuck im Wald gleich hinterm Haus. Zusätzlich verwenden sie Dinge, die sie das Jahr über gesammelt haben: Dekomaterial oder schönes Papier. Geschmückt werden nur Wohnzimmer und Küche, und das keinen Tag vor dem ersten Advent. "Ich bin total dagegen, schon vorher mit der ganzen Weihnachtsdeko anzufangen", sagt Nora Günther. "Das verdirbt einem doch die ganze Stimmung."

Ist der Weihnachtsabend dann da, wird der Baum in Rot und Gold geschmückt und mit echten Kerzen bestückt – schön traditionell und jedes Jahr gleich. Das gefällt auch dem Großvater, der als einziger Gast jedes Jahr zu Besuch kommt. Zu essen gibt es "nur" Kartoffelsalat mit Würstchen – weil’s nicht so viel Arbeit macht. "Da staunen manche Nachbarinnen, wie bescheiden es bei uns zugeht. Aber wir sind wirklich alle zufrieden damit – auch die Kinder. Und mein Mann ist froh, wenn ich nicht solchen Aufwand treibe wie manch andere, sondern ganz entspannt bin!"

Auch an den folgenden Weihnachtstagen kommen bei den Günthers keine Fünf-Gänge-Menüs auf den Tisch, sondern "einfach das, worauf wir gerade Lust haben. Manchmal lassen wir eine Mahlzeit sogar ausfallen."

Geschenke gibt es natürlich trotzdem: Die Kinder präsentieren kleine, selbst gebastelte oder gemalte Sachen, die Eltern schenken ihnen etwas Kleines oder Praktisches. So bekommen die siebzehnjährige Astrid und die dreizehnjährige Sara meist etwas zum Anziehen. Der achtjährige Marc wünscht sich Spielzeug und bekommt es auch. Aber nur einen Teil. Die Erwachsenen schenken einander nichts. Und dann wird wieder gesungen und musiziert. "Ich singe für mein Leben gern, bin in drei verschiedenen Chören", gesteht Nora.

In die Christmette geht die Familie auch, obwohl sie nicht kirchlich geprägt ist – doch die Günthers schätzen die schöne Stimmung dort. Anderntags gucken sie zusammen Familienfilme auf Video.

Seit die Günthers so feiern, sparen sie nicht nur eine Menge Geld, sondern sind auch über die Weihnachtszeit viel besser gelaunt. Nora sagt nachdenklich: "Früher dachte ich, dieser Weihnachtskommerz muss einfach so sein. Aber heute sagt mir mein Gefühl etwas anderes."

Autor: Jutta Bissinger