Vorsorge

10.000 Babys pro Jahr von Alkohol in der Schwangerschaft geschädigt

dpa

Von dpa

Mi, 05. September 2018 um 19:03 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Der Tag des alkoholgeschädigten Kindes macht auf die anhaltenden Folgen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft aufmerksam. Er soll darauf hinweisen, das bereits ein Schluck Sekt oder ein Glas Wein gefährlich sind.

"Schwanger. Natürlich ohne Alkohol" steht auf dem Plakat mit dem kugelrunden Babybauch, den die Mutter zärtlich umfasst. "Mein Kind will keinen Alkohol" lautet der Titel einer anderen Aufklärungskampagne. Lange war der Irrglaube verbreitet, dass in der Schwangerschaft ein Schluck Sekt oder ein Glas Wein ab und an dem Ungeborenen nichts ausmacht. Dabei dringt jeder Tropfen des Zellgifts durch die Plazenta zum Kind und kann seine Organe beeinträchtigen, besonders das Gehirn. Nach Schätzungen kommen pro Jahr etwa 10 000 Babys mit einer unheilbaren Fetalen Alkoholspektrum-Störung (FASD) zur Welt. Der Tag des alkoholgeschädigten Kindes am 9. September soll darauf aufmerksam machen.

"Das Gehirn ist während der gesamten neun Monate empfindlich", Andrea Benjamins
Einige Mütter sind alkohol- oder drogenabhängig, andere wissen nicht, dass sie schwanger sind, und machen noch monatelang am Wochenende Party. Zwischen der dritten und zwölften Schwangerschaftswoche werden die Organe des Babys im Mutterleib angelegt und können durch Alkohol bleibend geschädigt werden. "Das Gehirn ist während der gesamten neun Monate empfindlich", sagt Andrea Benjamins, die im Sozialpädiatrischen Zentrum Hannover kleine Patienten betreut, die im Bauch ihrer Mütter einen Vollrausch erleben mussten. Schwangere sollten komplett auf Alkohol, Drogen und bestimmte Medikamente verzichten, betont die Kinderärztin.

Die Kinder vergessen viel

Einige Kinder mit FASD leben in Pflegefamilien oder Heimen. "Sie sind schnell überfordert, aggressiv und vergessen viel", sagt Psychologe Klaus ter Horst vom Eylarduswerk in der Grafschaft Bentheim. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung betreut derzeit rund 40 Mädchen und Jungen mit der Störung. Man sieht ihnen die Gehirnschädigung nicht an. Mit entsprechend wenig Verständnis reagieren Eltern, Lehrer oder Gleichaltrige, solange FASD noch nicht diagnostiziert ist. "Meinem Adoptivsohn habe ich viel Unrecht angetan, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er mit seiner hohen Intelligenz einfachste Dinge wie Aufräumen nicht hinbekam", sagt Gisela Michalowski. Als bei ihm im Alter von 19 Jahren FASD festgestellt wurde, entschuldigte sich die Mutter.

Nach Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marianne Mortler, ist Deutschland mit einer 2016 entwickelten Leitlinie zur Diagnostik der Störung international Vorreiter.