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26. November 2012 14:36 Uhr

Caritas-Einrichtung

14 Menschen sterben bei Brand einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt

Bei einem der schlimmsten Brandkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland sind in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt 14 Menschen ums Leben gekommen. 300 Feuerwehrleute, Katastrophenschützer, Rettungskräfte und Polizisten waren im Einsatz.

Unter den Toten sollen nach bislang unbestätigten Informationen 13 Menschen mit geistiger Behinderung sowie eine Betreuerin der Einrichtung sein.

Die Opfer seien vermutlich an einer Rauchvergiftung gestorben, sagte Einsatzleiter Alfred Oschwald von der Freiburger Polizeidirektion. "Bei einer starken Rauchentwicklung reichen vier Atemzüge, um sein Leben zu verlieren", hatte Ralf-Jörg Hohloch, Chef der Freiburger Feuerwehr, vor drei Jahren nach einem tödlichen Brand in Freiburg erklärt.

Neun Verletzte liegen in Krankenhäusern

Angaben zur Identität der Opfer machten Polizei und Feuerwehr am Montag nicht. "Wir wollen erst die Familien unterrichten", sagte ein Polizeisprecher. 25 Seelsorgerteams wurden zum Unglücksort entsandt, um die Betroffenen psychologisch zu betreuen.

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Neun Menschen wurden nach Polizeiangaben vom späten Montagabend verletzt und befinden sich in Krankenhäusern. In Lebensgefahr schweben sie nicht.

Um 14 Uhr war bei der Neustädter Feuerwehr am Montag der Notruf eingegangen: In der Caritas-Werkstatt für Menschen mit Behinderung brennt es. Noch auf dem Weg der Feuerwehr zu der Einrichtung wurde den Einsatzkräften klar: Hier muss Schlimmes geschehen sein. Weitere Menschen riefen in der Notrufzentrale an, berichteten von massiver Rauchentwicklung, von Frauen und Männern, die hinter Fenstern um Hilfe schrien, von einem lauten Knall.

Feuerwehr rettet 14 Menschen aus dem brennenden Gebäude

120 Menschen befanden sich zum Zeitpunkt des Brandausbruchs in dem Gebäude. Der Großteil konnte selbständig aus den Werkstatträumen flüchten. Feuerwehrleute aus Titisee-Neustadt, Feldberg und Löffingen durchsuchten mit Atemschutzgerät und Infrarotkameras das brennende Gebäude. 14 Menschen – einige der Behinderten saßen hilflos im Rollstuhl – konnten die mutigen Einsatzkräfte so das Leben retten.

Ob tatsächlich – mehrere Zeugen haben einen lauten Knall gehört – eine Explosion oder Verpuffung das Unglück ausgelöst hat, ist noch unklar: Die Brandursache liegt noch völlig im Dunkeln. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft untersuchen nun Brandsachverständige den Unglücksort.

Detonationen als Auslöser oder Folge des Feuers?

Die Polizei bestätigte derweil, dass es in einem Lagerraum zu einer oder mehreren Detonationen gekommen ist – wobei aber nicht feststehe, ob diese Auslöser oder Folge des Feuers waren. Kreisbrandmeister Alexander Widmaier von der Feuerwehr betonte am Montagabend, es sei noch nicht klar, dass etwas explodiert sei. Es habe ein "explosionsartiges Geräusch" gegeben. Der Brand soll sich sehr schnell ausgebreitet haben. In der Werkstatt wird viel mit Materialien wie Holz und Farben gearbeitet.

Egon Engler, Geschäftsführer des Caritasverbandes Freiburg-Stadt, sagte am Abend im SWR-Fernsehen, das erst vor sechs Jahren gebaute Gebäude – betroffen ist der Erweiterungsbau eines schon länger bestehenden Hauses – entspreche den in Baden-Württemberg geltenden Bestimmungen. Es gebe Brandschutzabschnitte, Brandschutztüren und eine Brandmeldeanlage. Diese habe auch ausgelöst. "Wir können überhaupt nicht erklären, wie zu der Tragödie kommen konnte."

Hilfsbereite Nachbarn packen an

Eine Augenzeugin berichtet, dass mit dem Brandalarm Panik unter den Menschen mit Behinderung ausgebrochen sei. Nachdem sie von Feuerwehrleuten und Helfern aus dem Gebäude gebracht wurden, hätten einige von ihnen versucht, in das brennende Haus zurückzukehren.

Die meisten Überlebenden fanden Zuflucht in der schräg gegenüberliegenden Lagerhalle der Firma Bächle Event & Media. Dort wurde ein provisorisches Versorgungszentrum eingerichtet.

Die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter und umliegenden Firmen war enorm. Sie halfen Menschen, die nicht laufen können, in die Halle zu tragen. Sie organisierten Bänke, die in der Halle aufgebaut wurden, besorgten Getränke oder gaben Halt. Aus Bühnenteilen wurden Krankenliegen, Mikrofonständer wurden zu Infusionshaltern umfunktioniert.

Ministerpräsident Kretschmann eilt in den Hochschwarzwald

Es ist der verheerendste Brand, den der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald je erlebt hat. Die politische Spitze der Stadt, des Landkreises und des Landes Baden-Württemberg drückten ihre Bestürzung und Anteilnahme aus. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Innenminister Reinhold Gall reisten mit dem Helikopter an und überbrachten auch die Beileidsbekundungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf der Pressekonferenz galt den Helfern der Feuerwehren und Rettungsdienste und den vielen Freiwilligen besonderer Dank.

"Wir sind unendlich traurig." Egon Engler, Caritas
In der Caritas-Werkstätte Hochschwarzwald arbeiten nach Angaben des katholischen Wohlfahrtsverbandes 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. In der Einrichtung geht es unter anderem um die Verarbeitung von Metall und Holz, um Elektromontage, Konfektionierung und Verpackung.

"Wir sind unendlich traurig", sagt Egon Engler vom Caritasverband Freiburg-Stadt. "Unsere Gedanken und Gebete gelten den Verstorbenen und Familien – und den Mitarbeitern vor Ort, die helfen wollten."

Gauck und Barroso drücken ihr Mitgefühl aus

Auch Bundespräsident Joachim Gauck und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso haben der Opfer der Brandkatastrophe im Schwarzwald gedacht. "Ich denke an die armen Menschen, die Opfer zu beklagen haben", sagte Gauck am Montagabend. Er habe mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann telefoniert und sein Beileid ausgedrückt.

"Die Neuigkeiten von dem Feuer in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt erfüllen mich mit Kummer und Trauer", ließ Barroso am Montagabend in Brüssel mitteilen. Sein Beileid gelte den Familien und Freunden der Opfer und ganz Deutschland.

Die Stadt Titisee-Neustadt hat eine Hotline für Angehörige eingerichtet, die unter der Nummer 07651/2060 zu erreichen ist.

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Autor: Sebastian Wolfrum, Karl Heidegger, Oliver Huber, Alexamdra Sillgitt mit dpa, afp, kna – Video: Florian Kech mit Kamera24