Unbeliebte Berufe

5 Tage pro Woche im 40-Tonner: Dieser Trucker liebt seinen Job

Bettina Schaller

Von Bettina Schaller

Do, 06. September 2018 um 16:54 Uhr

Lahr

Dumpingpreise auf den Straßen, Gefahr auf den Parkplätzen – Berufskraftfahrer haben keinen beliebten Beruf. Heiko Posselt liebt es trotzdem, in seinem Lkw unterwegs zu sein.

Es gibt immer wieder Umfragen, welche Berufe am unbeliebtesten sind. Die Liste wechselt, manche Berufe tauchen so gut wie immer auf den Spitzenplätzen auf, manche kommen neu hinzu, andere verschwinden wieder. Die Badische Zeitung stellt in einer Serie Menschen vor, die in unbeliebten Berufen arbeiten – heute: der Fernfahrer.

Seine offizielle Bezeichnung ist Berufskraftfahrer. Wenn man Heiko Posselt allerdings Kapitän der Landstraße nennt, lächelt er und winkt ab. So seien Fernfahrer bezeichnet worden, über die man sich gefreut habe, wenn sie die ersehnte Ware gebracht haben. "Das ist lange her", sagt er. Vielleicht sei sein Vater, der über 35 Jahre in der Lkw-Kabine saß, damals noch ein Kapitän der Landstraße gewesen sei.

Heute seien die Trucks eher ein rollendes Lager, die Fahrer unter Druck, die Speditionsunternehmen im Stress und der Zeitdruck viel höher. Trotzdem findet Heiko Posselt seinen Beruf schön. "Man ist frei, niemand sitzt dir im Nacken, man sieht etwas, sitzt nicht in vier Wänden und ist völlig strukturiert. Wenn ich Lust auf einen Kaffee habe, lege ich einen Stop ein."

Heiko Posselt ist für die Lahrer Spedition Lipsdorf auf der Rhein-Ruhr-Strecke mit seinem 40-Tonner unterwegs. Sonntagabends startet er in seinem bereits beladenen Lkw zu seiner Tour, am Freitagmorgen kehrt er wieder zurück. Er ist verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn. "Als meine Frau schwanger war, wollte ich nicht mehr Fernverkehr fahren, weil ich für meine Familie da sein wollte." Doch dann habe es ihn wieder auf den Truck gezogen.

Meistens weiß Posselt nicht, wo es ihn auf seiner Fahrt hinverschlägt

Seit fast zwölf Jahren ist er nun auf den Schwergewichten unterwegs. Angefangen hat er 2006. "Zuerst bin ich mit allem unterwegs gewesen, was fährt." Erst später hat er den Führerschein für Berufskraftfahrer gemacht und ist auf den Sattelzug umgestiegen. Spannend und immer eine Herausforderung sei es, mit einem 40-Tonner zu fahren, sagt Posselt.

"Ich weiß vorher meistens nicht, wo es hingeht", sagt der Fernfahrer. Die Spedition weiß aber immer, wo sich die Laster gerade befinden, damit nach dem Entladen gleich der Anschlussauftrag erteilt werden kann. Posselt fährt so unter der Woche von Termin zu Termin.

Seine Lkw-Kabine ist sein kleines Hotel. "Es ist fast wie ein kleines Wohnmobil." Er hat einen Gas- und Wasserkocher, einen kleinen Kühlschrank. Mit seiner Frau kauft er am Wochenende seine Essenrationen für die laufende Woche ein. Nur wenn ihn die Lust auf ein Schnitzel mit Pommes überkommt, geht er zum Essen in ein Restaurant. Doch in der Regel ist er Selbstversorger – schon aus Kostengründen.

Auf den Raststätten wird um jeden Parkplatz gekämpft

Denn schon das Duschen an Raststätten oder das Parken an Autohöfen ist kostenpflichtig. Auch wegen der Kosten bevorzugten die meisten Fernfahrer die Rastplätze zum Ausruhen, sagt er. Angesteuert werden diese mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg: "Es ist ein richtiger Kampf um einen Platz, der auch manchmal in Streit ausarten kann." Der Grund: Park- und Rastplätze sind ständig überbelegt.

Nach Posselts Überzeugung sind zu viele Trucks auf den Autobahnen unterwegs. Gewerbegebiete dürfen als Ausweichquartiere nicht mehr angesteuert werden, weil die Kommunen nicht mehr wollen, dass die Trucks dort parken. Posselt hat dafür ein gewisses Verständnis. Häufig ließen Fernfahrer ihre Standplätze ziemlich verschmutzt zurück.
Der Berufskraftfahrer


Ausbildung
: Tätig werden kann man im Güter-, Reise- und Personennahverkehr. Erwartet wird ein Hauptschulabschluss. Die dreijährige Ausbildung beginnt aufgrund der Führerscheinregelungen mit 16 (Lkw) bzw. 18 (Omnibus).
Gehalt: Das unterscheidet sich je nach Region und Unternehmen. Beim Güterverkehr gilt: Wer in Südbaden im Verdi-Tarif beschäftigt ist, erhält in der Ausbildung erst 920, 960, dann 995 Euro, danach 15,21 Euro pro Stunde bei zirka 38 Stunden pro Woche. Allerdings, schätzt Franz-Xaver Faißt, stellvertretender Bezirksgeschäftsführer von Verdi Südbaden, sind nur rund 20 Prozent der Speditionen im Tarifvertrag.
Zukunftschancen: Nachwuchs wird händeringend gesucht. Derzeit fehlen laut des Deutschen Speditions- und Logistikverbands in Deutschland bis zu 45 000 Fahrzeugführer, obwohl der der Güterverkehr wächst – 2017 wurde ein Höchststand beim Transportaufkommen erreicht. Aufstiegsmöglichkeiten sind über Weiterbildungen und Studium möglich.

Überhaupt, so Posselt, sei das Fahren inzwischen zum Elefantenrennen verkommen, nicht nur wegen des Termindrucks. Für Posselt gehört auch die Masse der Berufskraftfahrer dazu, die zum Teil aus Osteuropa kommend vier bis fünf Wochen auf Tour sind, mit einem Reisebus eingesammelt und gegen ein neues Team ersetzt werde. "Die sind für Dumpingpreise unterwegs."

Posselts Arbeitgeber zahlt 2600 Euro plus Zulagen und Spesen. Nach der Probezeit steigt das Gehalt, je nach Betriebszugehörigkeit auch. Allerdings gibt es in Südbaden auch Speditionen, die weniger zahlen, in Ostdeutschland bekommen Kraftfahrer zum Teil 1000 Euro weniger Lohn.

Ein Umdenken im Warentransport ist nötig

Der Deutsche Speditions- und Logistikverband sieht mehrere Ursachen für die fehlende Attraktivität des Berufs: das niedrige Lohnniveau, der Fahreralltag oder die unsichere Umgebung auf Autobahnparkplätzen. Das habe sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert. Ein gesellschaftliches Umdenken sei nötig.

Trotz fortschreitender Digitalisierung und Automatisierung des Verkehrs müsste man allen Lieferempfängern bewusst machen, dass Warentransporte immer noch von Menschen ausgeführt werden und Logistik und Transportdienstleistungen nicht zum Spottpreis eingekauft werden können.



Für Heiko Posselt sind neben dem Geld aber auch ganz andere Kriterien wichtig: Begeisterung für Trucks, die neuen Techniken, große Verantwortung und großer Reiz – "anders als acht Stunden am Fließband". Deswegen sitze er auf dem Bock.

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