Aargau

Blind vor Liebe fällt eine Frau auf einen Betrüger herein

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 15. Mai 2013

Aargau

200.000 Franken ärmer: Der Fall aus dem Aargau zeigt, wie gewiefte Betrüger mit einer herzerweichenden Masche ihre Opfer hereinlegen

WALDSHUT/AARAU (pk). Die Suche nach der wahren Liebe im Internet ist nichts besonders mehr. Doch dort tummeln sich auch Betrüger, die die Gefühle von einsamen Herzen skrupellos ausnutzen. So ging es einer gut 50-jährige Frau aus dem Aargau, die ihren Traummann über eine Internet-Partnerbörse kennenlernte. Am Ende war der Mann weg. Und die 200 000 Franken (162 000 Euro), die sie ihm überwiesen hatte, auch. Kein Einzelfall, sagt die Polizei.

Antonio nannte sich der Betrüger, den die Frau Ende 2012 im Internet kennenlernte. Er gab sich als reicher Geschäftsmann aus dem Kanton Zürich aus. Charmant und aufmerksam war er: Er sandte nicht nur Tag für Tag Liebesgrüße via Chat, als Zeichen seiner Zuneigung schickte er auch Blumen. Auch die erwachsenen Töchter, die Kontakt mit Antonio hatten, fanden den Mr. Right aus dem Internet rundum vertrauenswürdig.

Noch bevor das erste Rendezvous stattfand, schreibt Antonio, dass er geschäftlich nach China reisen müsse. Damit beginnt die Abzocke: Ein Geschäft sei schief gelaufen, er brauche dringend Geld, bittet wenig später er um Hilfe. Wer die rosarote Brille aufhat, ist bekanntlich blind: Die verliebte Frau überweist mehrmals große Beträge auf chinesische und andere ausländische Bankkonten – mehr als 200 000 Franken. Erst als Antonio seine angebliche Rückkehr in die Schweiz immer weiter hinauszögerte, schöpft sein Opfer Verdacht. Anfang April erstattet sie bei der Kantonspolizei Aargau Anzeige wegen Betrugs. Die Ermittlungen der Polizei führen zu Servern in Asien und in den USA – und enden im Nichts. Schnell steht fest, dass es Antonio überhaupt nicht gibt. Die Aargauerin ist Opfer eines Internetbetrugs geworden. Beim angeblichen Wohnort des Lockvogels waren die Betrüger raffiniert vorgegangen. Die Adresse im Kanton Zürich gibt es zwar, sie entpuppte sich als leerstehende Wohnung.

Wie die vermutlich aus dem Ausland operierenden Täter diesen Bezug herstellten, ist für die Kantonspolizei nach wie vor unklar. "Der Täter baut ein perfektes Lügengebilde auf", sagt Bernhard Graser von der Kantonspolizei Aargau. "Blumen verschickt jeder Fleurop-Dienst." Der Fall zeige eindeutig die Handschrift internationaler Banden, die zurzeit sehr aktiv seien.

"Antonios" gibt es viele im Netz. Mal nennen sie sich Desmond Williams oder Walter Smith, mal bekleiden sie einen hohen Posten bei der US-Armee, mal arbeiten sie als Ingenieur in Mali oder als Architekt im Iran. Sie haben stets einen spannenden Lebenslauf – und sind meist weit weg in einem gefährlichen Land im Einsatz. Die weiblichen Lockvögel geben sich als Krankenschwestern, Ärztinnen, Lehrerinnen oder Geschäftsfrauen aus. Sie sind attraktiv und wirken seriös – doch die Fotos sind gestohlen. Abgezockt wird nach einem offenbar bewährten Strickmuster. Erst wird das Opfer mit Aufmerksamkeit überschüttet. Der Traummann schickt schon am Morgen charmante E-Mails, nach Feierabend wird stundenlang gechattet. Bei den Gesprächen geht es keineswegs um Geld, sondern um den Beruf, die Familie sowie um Liebe und eine gemeinsame Zukunft. Meist hadert der virtuelle Liebhaber mit seinem schweren Schicksal: Die Ehefrau ist tot, meist ist auch noch ein Kind gestorben. Aber jetzt ist endlich Zeit für einen Neuanfang, oft wird über Heirat gesprochen. Die Betrüger schaffen es, sich im Leben ihrer Opfer unverzichtbar zu machen – ohne ein einziges reales Treffen.

Vor dem ersten Treffen klappt die Liebesfalle zu

Bevor es zum lange ersehnten ersten Stelldichein kommt, taucht stets ein Problem auf. Mal ist es ein Überfall, mal ein Krankenhausaufenthalt nach einem Unfall, mal sitzt er auf einer Bohrinsel fest, mal gibt es Probleme mit seiner Kreditkarte, mal wurden Koffer und Pass gestohlen. Auf jeden Fall ist das Turteltäubchen so klamm, dass er dringend Hilfe – sprich Geld – braucht. Ist die erste Überweisung getätigt, sollen weitere folgen. Die Liebesfalle schnappt zu.

Die Ermittlungen gegen solche Organisationen sind nach Angaben der Polizei überaus schwierig. Die Aussichten, die Hintermänner jemals ermitteln zu können, sind äußerst gering. Auch der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen sind solche Fälle bekannt, aktuelle Anzeigen liegen aber nicht vor. "Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, weil viele Opfer sich schämen", sagt ein Sprecher. Wer gibt schon gerne zu, dass er bei der Suche nach seinem Traummann oder Traumfrau dreist abgezockt wurde.

Romance Scammer, Romantik-Betrüger, nennt die Polizei die Täter, die ihre Opfer auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken wie Myspace oder Facebook suchen oder Adressen aus Yahoo oder dem MSN-Messenger benutzen. Auch wenn der "Neue" vorgibt, in Amerika oder im europäischen Ausland zu leben, nach den Erfahrungen der Polizei sitzt er wahrscheinlich in Westafrika. Davon merken die Opfer allerdings nichts, denn die Chat-Bekanntschaften sprechen perfekt Englisch oder benutzen teure Übersetzungstools für ihre Mails. Oft stricken ganze Gruppen an einer Lügengeschichte. Wie viele Fälle von Romance Scamming es gibt, ist in der Kriminalstatistik nicht aufgeschlüsselt. Scamming fällt unter den Straftatbestand Betrug.

Die deutsche Kriminalpolizei warnt, dass es zurzeit die Betrüger vor allem auf ausländische Ausweispapiere abgesehen hätten. Oft bitten sie ihre Opfer, ihnen Kopien von Pass und Reisepass zu schicken – mit der Erklärung, ein gemeinsames Konto eröffnen zu wollen. So könnten leicht Ausweise gefälscht werden.

Mehr Informationen auf http://www.polizeiberatung.de http://www.romancescam.com (Seite von Opfern mit Bildern, auf Englisch)