Neuland jenseits der nationalen Erneuerung

Walter Labhart

Von Walter Labhart (sda)

Fr, 31. August 2018

Ausstellungen

Das Aargauer Kunsthaus befasst sich in seiner Aufarbeitung der Kunstströmungen in der neuen Ausstellung mit dem "Schweizer Surrealismus" und zeigt 60 Künstler.

Gibt es einen Schweizer Surrealismus? Unter dem Motto "Surrealismus Schweiz" widmet sich das Aargauer Kunsthaus dieser Frage und präsentiert die erste umfangreiche Ausstellung mit Schweizer Künstlerinnen und Künstlern dieser wesentlichen Bewegung in der Kunst des 20. Jahrhunderts und setzt damit die von Direktorin Madeleine Schuppli geleiteten Aufarbeitung verschiedener Kunstströmungen in der Schweiz fort. Mit rund 400 Exponaten, die sich aus Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafik, Fotografien, Skulpturen und anderen Objekten von rund 60 Künstlerinnen und Künstlern zusammensetzen, macht die Schau mit einem der spannendsten Kapitel der modernen Schweizer Kunst bekannt. Nach einer historischen Einführung zeigt sie in neun atmosphärischen Themenräumen, wie die surrealistischen Errungenschaften und Bildfindungen die Kunst bis heute mitprägen.

Die ursprünglich literarische Bewegung des Surrealismus, den der Schriftsteller André Breton in den 1920er Jahren in Paris ins Leben gerufen hatte, wurde von dort lebenden Künstlern aus der Schweiz wie Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Serge Brignoni, Kurt Seligmann und Gérard Vulliamy wesentlich mitgeprägt. Vulliamy bildet als eine der interessantesten Wiederentdeckungen einen roten Faden durch die viel künstlerisches Neuland vermittelnde Ausstellung.

Die dichte Schau spannt einen weiten Bogen bis in die Gegenwart und reicht wie eine kunstgeschichtliche Enzyklopädie von A (Otto Abt) bis Z (Irène Zurkinden), wobei der Beitrag von heute kaum mehr bekannten Künstlerinnen beträchtlich ist. Unter ihnen befinden sich die Fotografin Henriette Grindat, die Bildhauerin Isabelle Waldberg-Farner oder die Malerinnen Anna Indermaur, Sonja Sekula und Lou Stengele. An Meret Oppenheim, deren als "Pelztasse" populär gewordenes Objekt "Déjeuner en fourrure" (1936, Museum of Modern Art, New York) längst eine Ikone des Surrealismus" darstellt, schließen sich jüngere Künstlerinnen wie Valérie Favre, Pipilotti Rist, Anita Spinelli und Eva Wipf an.

Der thematisch strukturierte Parcours beginnt mit einem Blick auf die konservative Schweizer Malerei und Bildhauerei am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. In jener Zeit solidarisierten sich die figürlichen surrealistischen Künstler mit ihren konstruktivistischen und abstrakt-konkreten Kollegen, indem sie als progressive Gruppen auftraten. Gemeinsam stellten sie sich gegen die in staatlichen Ausstellungen geförderte offizielle Kunst, die zur "geistigen Landesverteidigung" und "nationalen Erneuerung" beizutragen hatte. In Basel trat die nach ihrem Entstehungsjahr benannte "Gruppe 33" unter anderen mit Otto Abt, Walter Bodmer, Theo Eble, Walter J. Moeschlin, Meret Oppenheim, Hans Rudolf Schiess und Walter Kurt Wiemken hervor. In Zürich strebte die 1937 von Leo Leuppi, Max Bill, Richard P.Lohse, Hans Erni und Max von Moos gegründete "Allianz. Vereinigung Moderner Schweizer Künstler" die Vormacht der abstrakten Malerei an.

Gastkurator Peter Fischer und Julia Schallberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Aargauer Kunsthauses, haben eine Übersicht erarbeitet, die alle Facetten des Surrealismus’ mit repräsentativen Werkgruppen dokumentiert. Thematische Schwerpunkte bilden die auf Träumen und Fantasien basierenden Seelenlandschaften, Innen- und Außenräume, Köpfe und Masken, Puppen und Maschinen, Kriegsvisionen und Auseinandersetzungen mit der Natur, den Elementen und dem Tod.

Aargauer Kunsthaus: "Surrealismus Schweiz", Di bis So 10 bis 17 uhr, Do bis 20 Uhr vom 1. September bis 2. Januar 2019, Aarau, Aargauerplatz.