Adolf Hitler spricht mit Donald Trumps Stimme

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Do, 17. Januar 2019

Kino

DOKU: "Fahrenheit 11/9" ist polemisch wie alle Moore-Filme.

Die Frage, der Michael Moore in seinem neuen Dokumentarfilm "Fahrenheit 11/9" nachgeht, lautet: "How the fuck did we get here?" – Wie zur Hölle konnte es dazu kommen? Was der Oscar-Preisträger meint, ist die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Und seine erste Antwort ist erfrischend: Aus dem Off nuschelt Moore, na klar seien es die Russen gewesen und ja, auch Ex-FBI-Direktor James Comey, aber die wirkliche Schuld an diesem Debakel trage Gwen Stefani. Die Moderatorin der Talent-Show "The Voice" hatte mehr Gage vom TV-Sender NBC erhalten sollen als Trump für seine Realityshow "The Apprentice". Moore präsentiert Trumps Präsidentschaftskandidatur als Reaktion eines verletzten Egos – und als Verhandlungstaktik, die fehlschlägt: NBC feuert Trump wegen rassistischer Aussagen über Einwanderer.

Mit dem Titel des Films zieht Moore eine Parallele zwischen den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11.9.2001 und dem Wahlausgang am 9.11.2016. Seine These: Es sei schwer zu sagen, welches Ereignis schlimmer für die USA gewesen sei. Auf der Suche nach Erklärungen knüpft Moore an seine altbekannten Themen an: Waffengewalt, Rassismus, Korruption, Umwelt- und Schulpolitik. Bevor er das tut, greift er möglicher Kritik vor, indem er seine Beziehungen zu Trumps Orbit selbstkritisch offenlegt: Wie er Trump in einem Interview zu sanft angefasst hat. Wie Trumps Schwiegersohn Jared Kushner einen seiner Filme promotet und Trump-Intimus Steve Bannon ihn später als DVD verlegt habe. Ein cleverer dramaturgischer Schachzug.

"Fahrenheit 11/9" wäre ohne Umwege kein Moore-Film. Der längste führt den Filmemacher in seine Heimatstadt Flint, Michigan, wo auch sein erster Erfolgsfilm "Roger & Me" (1989) spielte. Es geht um verseuchtes Trinkwasser und die Machenschaften des reichen Gouverneurs Rick Snyder. Was das alles mit Trumps Wahl zu tun hat? Beide, so Moore, seien weiße alte Männer, die ihre Verbrechen öffentlich begingen und damit davonkämen. Bevor der Zuschauer lange nachdenken kann, feuert Moore schon die nächste Analogie ab. Er unterlegt Videomaterial einer Hitler-Rede mit Trumps Stimme: Polemik à la Moore. Dieser Vergleich ist ihm ernst. Mithilfe des Yale-Historikers Timothy Snyder zieht er Parallelen zwischen beiden Männern. Von ihren populistischen Äußerungen über ihr systematisches Diskreditieren von Institutionen bis hin zur Medienschelte.

Natürlich gibt es in "Fahrenheit 11/9" typische Moore-Stunts. In Michigan versucht er, den Gouverneur festzunehmen. Als das nicht klappt, tränkt er dessen Rasen mit kontaminiertem Wasser. Insgesamt ist "Fahrenheit 11/9" aber reifer als frühere Filme. Moore zentriert die Handlung nicht um sich, sondern lässt Menschen den Vortritt, von denen er sich viel für Amerikas Demokratie erhofft, etwa den Schüler-Aktivisten nach dem Massaker von Parkland. Was dem Film an thematischer Stringenz fehlt, gleicht er mit Dynamik aus. "Fahrenheit 11/9" hat wie alle Dokus von Moore eine klare Agenda: Trumps Wiederwahl zu verhindern und die Demokratische Partei, die er teils harsch kritisiert, weiter nach links zu schieben.

"Fahrenheit 11/9" (Regie: Michael Moore) läuft in Freiburg. Ab 6.