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21. Januar 2009

Ärzte auf der Suche nach dem verlorenen Geld

Ein neues Abrechnungssystem bei den Medizinern führt zu Gewinnern und Verlierern – und deshalb zu Verteilungskämpfen

Das Jahr begann bei vielen Ärzten mit Augenreiben und Entsetzen. Etwa bei Walter Dahlhaus, Psychiater in Merzhausen. Vor wenigen Monaten noch freute er sich, dass die Bundesregierung für 2009 den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten fast drei Milliarden Euro mehr Geld für die Honorare zubilligte. Doch wenn er dieser Tage seine Vorausberechnungen anschaut, staunt er: "Mein Einkommen in Bezug auf die budgetierten Leistungen hat sich halbiert." Dahlhaus zweifelt daran, dass er seine Praxis wie bisher weiterführen kann.

Mehr Geld denn je im Honorartopf und gleichzeitig das große Heulen: 2009 beginnt mit einem neuen Gesundheitssystem-Rätsel. Gerade bei vielen Fachärzten kocht die Wut über anstehende Einkommensverluste. Manche Ärzte drohten sogar damit, Kassenpatienten nur noch auf Privatrechnung zu behandeln.

Die Unruhe hängt mit dem Regelwerk der ärztlichen Vergütung zusammen. Die Ärzte bekamen zum 1. Januar eine neue Honorarordnung. Selbst die Selbstverwaltung der Ärzte, die Kassenärztliche Vereinigung (KV), sprach von "Gewinnern und Verlierern" dieser Honorarreform. Der Verteilungskampf ist eröffnet. Dabei haben die Mediziner selbst das neue Vergütungssystem zusammen mit den Kassen ausgearbeitet und sich gefreut, dass vieles besser wird. Zum Beispiel, dass das verhasste, komplizierte Punktesystem abgeschafft wird: Die Ärzte erwirtschafteten bisher mit ihren Behandlungen Punkte. Deren Geldwert aber sank, wenn es in einer Region besonders viele Behandlungen gab – am Ende behandelten sie deswegen Patienten schon mal umsonst.

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Bisher verdienten Ärzte im Südwesten gut
Bei der neuen Gebührenordnung wird nach Euro und Cent abgerechnet – und bundesweit einheitlich. Ein Orthopäde in Freiburg soll gleich viel bekommen wie einer in Leipzig. Auch die großen Honorarunterschiede zwischen Haus- und Fachärzten sowie unter den Facharztgruppen wollte die Politik mindern. Baden-Württemberg und Bayern, wo bisher die Ärzte vergleichsweise viel verdienten, haben durch eine neue Umverteilung das Nachsehen zugunsten der Kollegen etwa in den östlichen Bundesländern.

Viele Ärzte selbst sind mit der komplexen neuen Abrechnungswelt total überfordert. Und viele wissen nicht, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen für eine gewisse Zeit einen Teil der zusätzlichen Milliarden Euro zurückstellen – um den Ärzten Vorsorgeleistungen und Schmerztherapie außerhalb des Budgets bezahlen zu können. Doch selbst die KV vermittelt am Telefon derzeit vor allem Fragezeichen. So ist das nun mal mit Reformen im Gesundheitswesen. Bei jedem Drehen an den Schräubchen dieser hoch komplizierten Abrechnungsmaschinerie kann es ein Tohuwabohu geben.

Es ist verständlich, dass die Mediziner, die mit ihren Praxen und Mitarbeitern die Zukunft geplant haben und nun Einbußen bis zu 50 Prozent auf sich zukommen sehen, in Sorge sind. Nicht nachvollziehbar ist dagegen, dass die KV keine bessere Lösung fanden. Und dass sie die Irritationen bei ihren Schäfchen, den Ärzten, nicht vermeiden konnten.

So schaut man denn auch auf Seiten der Krankenkassen erstaunt auf die KV. Für Rolf Hoberg, Vorsitzender der AOK Baden-Württemberg, stellt sich der Trubel um die Honorare als ein "innerärztliches Verteilungs- und Kommunikationsproblem dar". Hoberg sieht die KV in der Aufklärungspflicht. "Es kann doch nicht sein, dass es mehr Geld denn je im System gibt, die Ärzte aber dennoch unzufrieden sind." Natürlich klagen derzeit nur die Verlierer – wie etwa die Orthopäden. Die Gewinner – etwa die Hausärzte – verhalten sich still und leise. Noch. Denn nach all der Neujahrsunsicherheit sollen die Ärztehonorare jetzt erneut reformiert werden. Die KV Baden-Württemberg will mit den Krankenkassen über eine Begrenzung der Verluste der niedergelassenen Mediziner verhandeln. Arztpraxen sollten 2009 bei den Honoraren höchstens ein Minus von fünf Prozent hinnehmen müssen, so die KV. "Im Gegenzug werden allerdings auch die Gewinne begrenzt werden müssen." Die nächsten Aufschreie sind also programmiert.

Auch Patienten werden die Reform spüren
Viele Ärzte sehen jetzt auch die Chance gekommen, nicht nur über Geld zu reden, sondern auch über die Patienten. Psychiater Walter Dahlhaus etwa kritisiert, dass er mit einem psychisch kranken Patienten nur noch acht Minuten Arbeit pro Monat honoriert bekommt. Er empfindet das als "Missachtung dieser Menschen". Die Honorarreform gefährde die Versorgung im Land, sagt auch Johannes Fechner vom Bezirksbeirat Freiburg der KV Baden-Württemberg. Er vermutet zum Beispiel, dass Ärzte bald weniger Routine-Hausbesuche machen werden. Der Grund: Hat etwa ein Hausarzt sein Budget erreicht, bekommt er für solch einen zeitintensiven Hausbesuch gerade noch 1,54 Euro. Fechner: "Dieses System ist nicht mehr zu reparieren."

Autor: Michael Neubauer