Sachsenhausen

AfD-Leute vom Bodensee stören bei KZ-Besuch

dpa

Von dpa

Fr, 31. August 2018 um 15:23 Uhr

Südwest

Von der AfD eingeladene Besucher stören in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen das pädagogische Programm und ziehen den Massenmord der Nazis teils in Zweifel. Die Einrichtung lässt sich das nicht bieten.

Eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis Bodensee von AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel ist wegen Äußerungen zum Massenmord der Nationalsozialisten der Gedenkstätte Sachsenhausen verwiesen worden. Die etwa 20-köpfige Gruppe sei am 10. Juli auffällig geworden, weil Teilnehmer einer Führung mehrfach Tatsachen zum Massenmord der Nationalsozialisten in Zweifel gezogen hätten, sagte der Sprecher der Gedenkstätten-Stiftung, Horst Seferens, am Freitag. Wenig später habe der Referent das pädagogische Programm abgebrochen. Die Gruppe sei des Geländes verwiesen worden.

Seferens zufolge wurden Verbrechen der Nazis in dem Konzentrationslager durch den Vergleich mit angeblichen Verbrechen der Alliierten relativiert und Zweifel an der technischen Durchführung der Massenmorde geäußert. "Dabei wurde nach unserer Wahrnehmung die Grenze zu strafbaren Äußerungen bewusst nicht überschritten", so Seferens. "Das Verhalten der Besucher von Frau Weidel im KZ Sachsenhausen ist zutiefst verachtenswert und gehört strafrechtlich verfolgt", sagte die baden-württembergische SPD-Generalsekretärin Luisa Boos. Das Tolerieren von Geschichtsfälschung, Antisemitismus und Rechtsradikalismus sei unvereinbar mit dem Grundgesetz.

Bei der AfD-Landtagsfraktion will man den Vorfall nicht bewerten. "Wir wissen nicht, warum man so lange geschwiegen hat – der Vorfall ist sieben Wochen her, so dass die Aussagen heute nicht mehr verifizierbar sind", sagte Fraktionssprecher Klaus-Peter Kaschke. "Wir kennen die Teilnehmer der Gruppe nicht, den Hintergrund nicht und die Aussagen nicht, das ist alles spekulativ." Die Brandenburger Polizei leitete Ermittlungen ein. Dazu ermittele der Staatsschutz in der Gedenkstätte, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums. Nach Angaben der Gedenkstätte kam es schon mehrfach zu solchen Vorfällen mit Besuchergruppen.

"Wir beobachten mit Sorge, dass zumindest Teile der AfD ganz klar solche geschichtsrevisionistischen Tendenzen propagieren", sagte der Direktor der Gedenkstättenstiftung, Axel Drecoll. "An einem herausgehobenen Ort nicht nur der NS-Vergangenheit, sondern auch einem Ort des massenhaften Sterbens und Leidens, sind für uns revisionistische oder gar rechtsradikale Diskurse überhaupt nicht tolerabel." Klare Maßgabe sei, dass bei Gruppen, aus denen solche Äußerungen kämen, das pädagogische Programm abgebrochen werde.

Die Fahrt der Gruppe vom Bodensee war vom Bundespresseamt finanziert worden. Weidel hatte die 17 Besucher auch im Bundestag empfangen. Abends traf sie sich mit ihnen nach Angaben ihres Sprechers zum Essen. Er sagte, bei dem Besuch in Sachsenhausen sei kein Mitarbeiter Weidels gewesen, nur ein Begleiter des Bundespresseamts.

In Bezug auf die AfD im Allgemeinen sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), neben Brandstiftern seien in der AfD auch Biedermänner unterwegs. Namentlich nannte er den AfD-Bundeschef Jörg Meuthen. "Seit Max Frisch wissen wir, dass die Biedermänner auch in die Hölle kommen, weil sie genauso schlimm, so gefährlich sind wie die Brandstifter." In dem Stück "Biedermann und die Brandstifter" geht es um einen Mann, der Brandstiftern Obdach gewährt und vor ihren Absichten die Augen verschließt, bis sein Haus brennt.