Ulm

Albanische Blutrache nach 17 Jahren in Deutschland?

dpa

Von dpa

Mo, 16. April 2018 um 09:00 Uhr

Südwest

In Erbach bei Ulm ist ein 19-Jähriger Albaner getötet worden. Die Recherchen führten bis nach Südosteuropa. Vor dem Landgericht Ulm ist ein Mann angeklagt, der offenbar einen Onkel rächen wollte.

Barsche, Karpfen und Hechte tummeln sich in idyllischen Anglerseen beim Donaustädtchen Erbach. Doch im Mai 2017 ziehen Polizisten dort keinen Fisch ans Ufer, sondern die in Folie gewickelte Leiche eines 19-Jährigen aus Albanien. Er sei an den See gelockt und dort "mit einer Vielzahl an wuchtig geführten Schlägen, mutmaßlich mit einem Hammer, gegen den Kopf", getötet worden, sagt die Staatsanwaltschaft. Bei dem Mord habe es sich "um die Fortführung einer Blutrache" gehandelt. Das hätten Ermittlungen bis nach Südosteuropa ergeben.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Selbstjustiz, die in den Bergen des nördlichen Albanien entstand. Von diesem Montag an muss sich ein 46-jähriger aus Albanien stammender Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft wegen Mordes vor dem Landgericht Ulm verantworten. Er soll den 19-Jährigen aus niederen Beweggründen erschlagen haben. Das mutmaßliche Motiv wirkt haarsträubend: Der junge Mann musste mit dem Leben für einen Mord bezahlen, den 17 Jahre zuvor ein Onkel in Albanien verübt haben soll.

Einige Migranten hängen noch an den Normen der Heimatländer

"Blut für Blut" – so sieht es das Gewohnheitsrecht Kanun vor. Jahrhundertelang hätten sich patriarchalisch-katholisch geprägte Familien in den Bergen danach gerichtet, sagt Herbert Schedler, Albanien-Experte des Osteuropa-Hilfswerks der katholischen Kirche (Renovabis). Verboten und Aufklärung zum Trotz werde Blutrache noch praktiziert, wenngleich seltener als einst. Mit Verbrechen, die auf Kanun-Vorschriften beruhen, wird auch die deutsche Justiz immer wieder mal konfrontiert. "Man kann allgemein sagen, dass manche Migranten noch sehr stark von Normvorstellungen in ihrer Herkunftsländern geprägt sind", sagt Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg.

"In diesem Kulturkonflikt kollidiert das alte Normensystem mit dem modernen." Bei der Urteilsfindung werde jedoch allein das bei uns geltende Recht angewandt. "Dass Leute in anderen Rechtsordnungen verwurzelt sind, wird keineswegs als Entschuldigungsgrund anerkannt", sagt er. Zudem sei die Rechtsprechung bei Morden unter Berufung auf die Wiederherstellung einer "Ehre" tendenziell sogar strenger. "Richter gehen in solchen Fällen eher von niederen Beweggründen aus, die strafverschärfend zu werten sind."

Unabhängig davon zweifelt Albanien-Kenner Herbert Schedler daran, dass es bei dem Anglersee-Mord um "echte" Blutrache ging. Eine Tötung mit einem Hammer an einem Ort, zu dem das Opfer heimtückisch gelockt wurde, entspreche nicht Kanun-Regeln. "Danach müsste das Opfer auf offener Straße von vorn angesprochen werden, ehe es erschossen wird." Heutzutage werde in Albanien nicht selten "normale Kriminalität verbrämt durch Hinweise auf die Kanun-Blutrache, um einen Anschein von Ehre zu vermitteln". Ein Problem in solchen Verfahren ist laut Oberwittler, dass Ermittler auf eine Wand des Schweigens stoßen. Das gehört auch zu den Schwierigkeiten in diesem Fall. Mit einem Urteil ist im Januar 2019 zu rechnen.