Fremdsprache

Alemannisch im Schulunterricht im Schwarzwald

Tanja Bury

Von Tanja Bury

So, 08. Mai 2016 um 12:20 Uhr

Titisee-Neustadt

Alemannisch. Den Kindern der Hansjakobschule in Neustadt kommt diese Sprache fremd vor. Darum wird jetzt vier Mal pro Woche Dialekt mit ihnen g’schwätzt. So funktioniert das:

Englisch, Französisch, Spanisch – all diese Sprachen haben die Dritt- und Viertklässler der Hansjakobschule in Neustadt schon gehört. Aber Alemannisch? Das kommt den Kindern fremd vor. Das will Max Steurenthaler von der Muettersproch-Gsellschaft, Regionalgruppe Hochschwarzwald, ändern.

An vier Vormittagen kommt er in die Schule und schwätzt mit den Kindern Dialekt. Und so können sie am Ende dieses anderen Unterrichts folgenden kulinarischen Wunsch äußern: e Ankegiege mit viel Beermues und e Kächili Kaba. Aber nicht zu viel, sonst gibt’s Ranzepfiffe.

Die Oma redet so

"Ich bin de Max Steurenthaler und ich bin en Seemer", stellt sich der 72-Jährige den Kindern vor, die ihn mit großen Augen anschauen. Ein Seemer? Was bitte schön soll das denn sein? "Einer, der vom Titisee kommt", löst Steurenthaler das Rätsel. Von den elf Kindern können nur zwei mit der Mundart etwas anfangen. "Weil die Oma so redet", sagen Simon und Anna-Marie.

Für den Rest sind die alemannischen Begriffe böhmische Dörfer. Dabei haben in Neustadt vor 60 Jahren noch die meisten Leute so geredet, erklärt Steurenthaler. "Der Lehrer, die Schüler, der Pfarrer, der Bürgermeister." Nur geschrieben wurde auf Hochdeutsch. Doch schon wenige Jahre später ist der Dialekt mehr und mehr aus dem Alltag verschwunden. Und heute sprechen meist nur noch Omas und Opas Alemannisch. "Die Muettersproch-Gsellschaft setzt sich dafür ein, dass der Dialekt nicht ganz verloren geht", erklärt Steurenthaler dem Nachwuchs, was es mit seinem Besuch in der Grundschule auf sich hat.

Die Kinder waren schnell überfordert

Zunächst war er unsicher, was die Kinder überhaupt interessiert und wie er sie ansprechen soll. Als er ihnen in der ersten Stunde das Gedicht "Der Schwarzwälder im Breisgau" von Johann Peter Hebel vorlegte, waren die Kinder überfordert, wie er schnell merkte. "Ich bin halt von mir ausgegangen. Wir mussten dieses Gedicht in der vierten Klasse auswendig lernen", erinnert er sich. Doch das, fügt er lachend hinzu, ist lange her.

Heute funktioniert die Hansjakobschule das Unterrichtsfach Mensch-Natur-Kultur (früher Sachkunde) in der Zeit von Ostern bis Pfingsten zu offenen Lernateliers mit besonderen Angeboten um: Glasmalerei, Reiten und Bücherrallye, Mundhygiene und Mundart. Rund 100 Kinder kommen in den vier mal zwei Stunden in den Genuss des Dialekt-Unterrichts. "Dass Max Steurenthaler sich dafür bereit erklärt hat, freut uns sehr", sagt Rektor Stefan Lotze. Denn kaum Kinder seiner Schuler reden Alemannisch – "und auch der Rektor nicht."

Mundart als Sachkunde

Danach gefragt, ob das Alemannisch nicht nur ein Projekt, sondern Grundschulfach sein sollte, sagt Lotze: "Die Forderung nach einer extra Stunde ist so groß, dass sie unrealistisch ist. Aber: Meiner Ansicht nach sollte die Mundart fester Bestandteil des Sachkundeunterrichts sein." Dort werde über die Region geredet – und warum nicht auch im Dialekt? Es sei die Aufgabe der Grundschulen, das Wissen um die Heimat zu pflegen.

Was Lotze in Sachen Englischlernen festgestellt hat, würde sicher auch beim Alemannischen funktionieren: Statt zwei Stunden die Woche jeden Tag 20 Minuten sprechen – das sei effektiver. "Allerdings haben wir keine Alemannischlehrer – und deshalb bleibt es wohl beim Projekt."

Bedeutet Brägili Brokkoli?

Und das sieht so aus: In den ersten 45 Minuten werden alemannische Begriffe ins Hochdeutsche übersetzt, in Stunde zwei hören die Kinder die Geschichte der Hochkönigsburg – auf Dialekt. Die Erzählung ist Teil der CD "Horch emol", die die Muettersproch-Gsellschaft im vergangenen Jahr herausgebracht hat und mit der Max Steurenthaler schon durch die Kindergärten von Titisee-Neustadt gezogen ist (die BZ berichtete).

Jetzt ziehen die Schüler mit gezücktem Füller vor dem Arbeitsblatt, auf dem in großen Buchstaben "Alemannisch dunkt iis guet" steht. Längst haben sie das übersetzt. Es warten aber noch viele andere Wörter. Brägili zum Beispiel. Anna-Marie lacht verlegen. Gehört, ja gehört hat sie das schon. Doch was bedeutet es nochmal? "Ein Tipp: Es ist was zum Essen. Ihr habt es sicher alle schon mal probiert", gibt Steurenthaler Hilfestellung. Da schnellt eine Hand nach oben und ein Mädchen aus der ersten Reihe ruft laut "Brokkoli". Steurenthaler lacht: "Nein, den kannten die alten Alemannen nicht." Bratkartoffeln lautet die Lösung. Und Anna-Marie erinnert sich: "Die hat es ja erst zum Mittagessen gegeben."

Kann man Stierenaugen essen?

Betrachtet man Steurenthalers Wörterliste, finden sich da viele Begriffe aus dem Bereich Essen. Anke und Ankegiege, die Raane, de Epfelschnitz und’s Schifili. Hinter dem vermuten die Kinder übrigens Chips mit Chili. Chriese kommt als Nächstes. Ist das Grießbrei? Käse? Oder Nudeln? Ein lautes und langgezogenes "Aaaaaa" geht durch die Klasse, als Steurenthaler auflöst: "Das sind Kirschen." Das ulkigste Wort heißt Stierenaugen. "Igittigitt", sagen die Schüler, "so was kann man doch nicht essen." Das machen auch Alemannen nicht, weiß der Gastlehrer. Gemeint sind doch Spiegeleier. Die Schüler lachen herzhaft.

Als Julian ohne Hilfe übersetzt, dass Ranzepfiffe Bauchweh bedeutet, ist Max Steurenthaler aus dem Häuschen. "Ihr werdet noch perfekte Alemannen." Es gongt, die Stunde ist rasend schnell vorbeigegangen, was hoffentlich bleibt, isch d’ Wunderfitz uffs Alemannisch.

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