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18. März 2017

Alles ist Rühmen

Der karibische Literaturnobelpreisträger Derek Walcott ist 87-jährig gestorben.

  1. Derek Walcott – eine Aufnahme aus dem Jahr 2012 Foto: dpa

"Meine Adern treiben, so voll / von Gedichten bin ich"; bemerkenswerte Worte eines Achtzigjährigen. Derek Walcotts Gedichtband "Weiße Reiher" (das eng-lischsprachige Original "White Egrets" erschien 2010) ist ein wunderbar lebendiges Alterswerk – im Blick zurück auf das eigene Leben, nicht zuletzt auf viele Reisen, auch nach Europa: Spanien, Italien, London, Amsterdam oder Berlin. Das Jahr 2009, das sein "letztes sein" könne, wünschte er sich "lichtdurchströmt / wie ein holländisches Interieur, wie eine Gasse von Vermeer". Das Bewusstsein der Vergänglichkeit, es schärfte ihm neu den Blick für die Schönheit der Welt, den Sinn für die Kostbarkeit des Augenblicks.

Reiher – es waren die Vögel seiner karibischen Heimat. 1930 wurde Derek Walcott in Castries auf der Karibikinsel St. Lucia als Nachfahre von Sklaven geboren. Nach einem Studium an der University of the West Indies in Kingston ging er 1953 nach Trinidad und arbeitete als Kritiker und Literaturdozent. Früh schon hatte er Gedichte veröffentlicht. Mit der Lyriksammlung "In a Green Night", in der er sich mit der karibischen Geschichte und Kultur auseinandersetzte, gelang ihm 1962 der Durchbruch. 1959 gründete Walcott in Trinidad den "Trinidad Theatre Workshop", der auch seine eigenen Dramen aufführte, 1981 an der Boston University das "Boston Playwrights’ Theatre". Als Dramatiker war er stark von Bertolt Brecht beeinflusst. In Boston lehrte Walcott bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2007 Literatur und Schreiben. Im Alter lebte er überwiegend auf St. Lucia.

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Walcotts literarisches Œuvre umfasst mehr als 20 Gedichtbände und über 30 Theaterstücke, dazu Essays. Als sein wichtigstes Werk gilt das 1990 publizierte Versepos "Omeros", das als Adaption des Trojanischen Kriegs im Konflikt zwi-schen Fischern Homers "Ilias" in die Karibik spiegelt; 1992 erhielt er für das Buch den Nobelpreis für Literatur. Als "Überblendung von Ägäis und Karibik" wurde auch der Gedichtband "Midsummer" aus dem Jahr 2001 gewürdigt. Und noch das Versepos "The Prodigal" ("Der verlorene Sohn", 2007) ruft als episches Reisegedicht das große Vorbild des antiken Dichters herauf.

Seine karibische Heimat und ihre Geschichte sind in Walcotts Werk allgegenwärtig. "In mir steckt Holländer, Nigger und Engländer – entweder ich bin ein Niemand oder eine Nation", schrieb er in "The Schooner Flight". Das Gemisch aus Katholizismus und Musik, afrikanischen Ritualen und englischsprachiger Literatur, das er auf seiner Heimatinsel St. Lucia in sich aufsog, sei nahrhaft und ergiebig gewesen, erklärte er einmal. Auch die Mythen und die Mundart von St. Lucia hallen in seinen Gedichten nach. Dass die mündliche Tradition seines Landes in Schriftform zu einem "Meer von Gedanken und Emotionen" werde, schrieb ein Kritiker, sei ihm ein wesentliches Anliegen gewesen. So wurde Walcott nicht zuletzt ein Mittler zwischen karibischer und westlicher Kultur.

Als Motiv durchzieht das Meer der Karibik seine Gedichte – in großartigen, sinnlich-genauen Metaphern oder Bildern wie dem der anwogenden, "mit ihren Stolen in die Bucht drängenden" Brecher, die ihr "Spitzentuch aus Schaum" versprühen. Anschaulichkeit ist ein Kennzeichen seiner Lyrik (der "Himmel, veilchenblass, / mit seinem Bierkrug aus Wolkenschaum"), Naturerfahrung so etwas wie ihr Basso continuo. Charakteristisch für Walcott ist auch der leicht kratzige Wohlklang der jambisch strömenden Verse seiner geräumigen Langversgedichte.

"So viel noch zu tun", heißt es in "Weiße Reiher" an einer Stelle. Und "alles ist" – so am Ende des Bandes – Rilkesches "Rühmen". Jetzt ist Derek Walcotts Stimme für immer verstummt. Im Alter von 87 Jahren starb am Freitag im Kreis von Freunden und Familie einer der großen Lyriker unserer Zeit.

Autor: Dieter Fronz