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30. Dezember 2008 17:11 Uhr

Gnadenhochzeit

"Alles mit Maß un Ziel – ohni Hektik"

Das seltene Fest der Gnadenhochzeit feiern heute in Dattingen Elsa und Ernst Thommen. Sie sind seit 70 Jahren verheiratet.

  1. Seit 70 Jahren verheiratet: Elsa und Ernst Thommen. Foto: Umiger

MÜLLHEIM-DATTINGEN. "Wer e Ross un e Rad het, brucht kei Traktor und kei Auto". Das sind Erfahrungswerte von Elsa und Ernst Thommen aus Dattingen. Sie haben an Silvester 1938 geheiratet und feiern heute nach 70 Ehejahren das sehr seltene Fest der Gnadenhochzeit.

Beide leben im Elternhaus von Ernst, der ein uriger Dattinger ist. Da Ehefrau Elsa aus Zunzingen stammt, haben sie sich schon lange gekannt, bevor es gefunkt hat. Silvester sei ein guter Hochzeitstag, weil man den nicht vergisst, sagt Ernst Thommen, aber geplant war das Datum eigentlich nicht. 1938, als er 27 und sie 24 Jahre alt war, standen beide Heimatdörfer unter Quarantäne wegen der Maul- und Klauenseuche. "Drei Wuche si’mer iisperrt gsi", erinnert sich Elsa. Deshalb konnten sie erst an Silvester vor den Traualtar treten, in der Zunzinger Kirche.

Ein Jahr später musste Ernst Thommen in den Krieg. Fünf Jahre Russlandfeldzug und ein Jahr in englischer Gefangenschaft. Schreckliche Dinge habe er erlebt bei teilweise 40 Grad minus. Wer nach sechs Jahren heimkehrt, komme sich vor wie ein Knastbruder in Freiheit, sagt Ernst Thommen. Seine Elsa hat ihn damals in Hannover abgeholt – drei Tage war sie mit dem Zug unterwegs zu ihm.

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Beide Töchter des Ehepaares wurden nach dem Krieg geboren. Margrit wohnt mit ihrer Familie in Heitersheim, Doris hat eine Wohnung im Elternhaus, was für das Jubelpaar ein Segen ist. Beide sind geistig hellwach, aber Mutter Elsa ist nicht mehr gut zu Fuß. Doch Vater Ernst fährt immer noch Rad – seit zwei Jahren aber nicht mehr über den "Judegalge" nach Müllheim, sagt er.

Ernst Thommen ist auch mit 97 Jahren ein politischer Mensch. 30 Jahre war er einer der führenden Männer am Ratstisch, als Gemeinderat in Dattingen, dann in Britzingen und später als Ortschaftsrat. Er war Feuerwehrmann, jahrelang Vorstand der Raiffeisen-Zentralgenossenschaft sowie 25 Jahre im Vorstand und Aufsichtsrat der Winzergenossenschaft Britzingen.

Nach dem Krieg musste auch auf dem Bauernhof alles neu aufgebaut werden. Die Familie hatte Ackerland, Reben, Vieh, Schweine, Hühner und zwei Rösser. Bis er in Rente Anfang der achtziger Jahre, bewirtschaftete Ernst Thommen als einziger im Dorf seine Felder mit Ross und Wagen. Und immer war seine Frau Elsa an seiner Seite. Hühner haben sie heute noch, die sind sein Hobby. Und kürzlich hat er eigenhändig einen Baum "umg’macht". Denn er ist es, der nach wie vor für das Holz und die Wärme im großen Kachelofen sorgt.

Elsa sagt: "Die 70 Johr sind so schnell umme g’ange." Ernst hat sich immer an sein Lebensmotto gehalten: "Alles mit Maß un Ziel, in Z’friedeheit , ohni Hektik". Das gelte für die Arbeit, das Essen und Trinken und für die Familie, betont Ernst Thommen und: "Mer derf au in schlechte Zitte de Humor nit verliere". Genau das schätzen auch die beiden Enkelkinder.

Unter den zahlreichen Gratulanten beim seltenen Fest der Gnadenhochzeit waren auch Bürgermeister René Lohs und Ortsvorsteher Ernst Behringer.

Autor: Sigrid Umiger