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20. Juni 2012

Alligatorenringen im Sumpf

Karen Russells amüsantes Romandebüt "Swamplandia" / Lesung der Amerikanerin in Freiburg.

  1. - Foto: -

Florida besteht nicht nur aus Miami Beach, Seniorenresidenzen und Stränden. Wo die Mangrovensümpfe der Everglades sich zum Meer hin öffnen, nisten in Karen Russells gefeiertem Roman noch urzeitliche Alligatoren und gestrandete Schiffswracks, Mythen und Sagen aus der Zeit der Indianer und Pioniere. Auf einer Insel im Sumpf hausen die Bigtrees, eine Familie vom Stamme der fröhlichen Loser, die sich mit ihrem Alligatoren-Park "Swamplandia" ebenso tapfer wie vergeblich gegen die vom Festland herüber schwappende Flut der High-Tech-Amüsierbetriebe stemmt.

Das Familienmuseum der Bigtrees ist ein Sammelsurium aus schäbigem Nippes, Strandgut, Lebenslügen und geschönten Legenden. Hilola Bigtree, die Mutter, kämpft vor gelangweilten Touristen mit den "Seths", wie die Alligatoren in der Familienmythologie heißen; der Vater, "Chieftain" Bigtree, gibt im geborgten Federschmuck der Sumpfindianer den großmäuligen Zirkusdirektor und knurrig-gutmütigen Clanchef. Die drei Kinder dümpeln orientierungslos im Brackwasser der Pubertät. Kiwi, der achtzehnjährige Büchernarr, will aufs College, um seine Bildung und seinen Fremdwortschatz zu vervollkommnen. Seine Schwester Ossie liest nur ein Buch, "Der spiritistische Telegraph", und folgt nachts den Stimmen in ihrem Kopf, die sie in den Wald zu den Geistern ertrunkener Baggerschiffer rufen. Ava, das Nesthäkchen der Familie (und die muntere Erzählerin), will Alligator-Ringerin wie ihre Mutter werden.

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Alle wollen Swamplandia retten, aber die rührend dilettantische Seth-Show der Bigtrees hat keine Chance gegen monströse Vergnügungsparks wie die "Welt der Finsternis" in Loomis. Nach dem Tod von Hilola, der furchtlosen "Sumpf-Kentaurin", bleiben die Touristen aus, und die Familie zerbricht. Der Vater verschwindet aufs Festland, um als Ansager in einem schmuddeligen Casino den letzten Rest seiner Würde zu verspielen. Kiwi lässt sich in Gedärmen der "Welt der Finsternis" demütigen, der demente Großvater Sawtooth wird auf ein Seniorenschiff abgeschoben, nachdem er Touristen anfiel. Ossie driftet immer weiter in ihre schizophrene Traumwelt ab und folgt schließlich dem Lockruf eines Geistes in die Unterwelt.

Auf der Suche nach ihrer Schwester vertraut sich Ava dem sinistren "Vogelmann" an: Der Fährmann will sie in seinem Kahn über den Fluss des Vergessens führen, aber er entpuppt sich als Vogelscheuche mit bösen Absichten.

Der Traum vom Leben im Einklang mit Natur und Mythos

Am Ende haben alle alles verloren: Kiwi seine Überzeugung, ein verhindertes Genie zu sein, Ava ihre kindliche Unschuld, Ossie ihren somnambulen Geisterglauben, Häuptling Bigtree sein dröhnendes Selbstvertrauen. Doch Russell entlässt ihre Exzentriker-Sippe nicht ohne Happy End: Am Ende sind alle wieder vereint in ihrem Sumpfloch an der Grenze zwischen Meer und Land, Traum und Realität.

Die junge Amerikanerin Karen Russell bekam schon für ihr Erzähldebüt "Schlafanstalt für Traumgestörte" viel Beifall. In einer der Geschichten um Werwölfe, Wolfsmädchen und andere Kreaturen aus dem Sumpf trat bereits Ava auf, die Russell jetzt quasi ausgekoppelt und zivilisationskritisch dressiert hat. "Swamplandia" ist die Geschichte einer Familie, die teuer für ihre Fortschrittsverweigerung bezahlt und sich doch am Ende am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf zieht: Der gemeinschaftliche Traum von einem Leben im Einklang mit Natur und Mythos ist mehr als nur ein Hirngespinst aus der Schlafanstalt des American Dream.

Russells Romandebüt ist nicht frei von mythologischem Bildungsballast und natur- und kulturgeschichtlichen Abschweifungen. Die Gegensätze zwischen den edlen Wilden der Everglades und der dekadenten Welt der Städte werden manchmal ein wenig zu plakativ ausgemalt, und so verliert Russells Erzählkahn im Schlick der Geistergeschichten und Familienschnurren gelegentlich den Boden unter den Füßen. An der Übersetzung liegt es übrigens nicht: Simone Jakob meistert selbst die Untiefen der Wortspiele bravourös. Aber auch wenn der sumpfige Untergrund gelegentlich blubbert und im Stile John Irvings schmatzt, trägt er doch: "Swamplandia", eine farbige, bilderreiche Kreuzung zwischen Coming-of-Age- und Familienroman, Außenseiterballade und Satire auf den American Way of Life, wurde nicht umsonst für den (wegen Querelen in der Jury letztlich nicht vergebenen) Pulitzerpreis 2012 nominiert.

Russells Roman ist ein über weite Strecken ungetrübtes Lesevergnügen: junger, erfrischend unkonventioneller magischer Realismus aus dem US-Rentnerparadies Florida.
– Karen Russell: Swamplandia. Roman. Aus dem Amerikanischen von Simone Jakob. Kein & Aber Verlag. Zürich 2011, 510 S., 22,90 Euro. Lesung: Die Autorin liest (auf Englisch) am 20. Juni um 20 Uh, auf Einladung des Carl-Schurz-Hauses im Artjamming, Freiburg, Günterstalstr. 41.

Autor: Martin Halter