Alltagswahnsinn und Kindheitsschrecken

Hans Jürgen Kugler

Von Hans Jürgen Kugler

Mo, 29. Januar 2018

Müllheim

Im Rahmen der "Söhnlin-Querdenker"- Reihe sprang Götz Frittrang für Holger Paetz ein.

MÜLLHEIM. Manche Künstler fiebern ihrem nächsten Auftritt dermaßen entgegen, dass es sie dann prompt umhaut. So zumindest erging es es dem bayerischen Kabarettisten Holger Paetz, der sein für vergangenen Donnerstag geplantes Gastspiel im Söhnlin-Keller wegen eines grippalen Infektes absagen musste. Nur gut, dass Elmar Breuer vom Söhnlin-Keller-Team auf die Schnelle für adäquaten Ersatz sorgen konnte. Zwischen Kulturbörse und nächstem Auftritt hatte der unter anderem mit dem "Großen Passauer Scharfrichterbeil" ausgezeichnete Götz Frittrang noch Luft für einen Spontanbesuch in Müllheim.

"So konnte ich mich mit dem dezenten Hinweis, ich müsse Geld verdienen, vor dem Heimkommen drücken." Der in Friedrichshafen aufgewachsene Kabarettist lebt und arbeitet in Bamberg, das seinen pittoresken Reiz dem Umstand verdanke, "dass es unglaublich schlecht bombardiert wurde".

Fränkisch zu lernen sei dem Exil-Schwaben leichtgefallen: "Einfach zum Zahnarzt gehen und sich die Zunge betäuben lassen, schon könnschse Fräänggsch." Sprache ist bekanntlich der Schlüssel zur Integration. Und schon kommt die Firma Seitenbacher ins Spiel. Diese hat den Schwaben mit ihrer aufdringlichen Radiowerbung absolut keinen Gefallen getan. "Jetzt glaubt natürlich jeder Depp nördlich des Mains, dass wir tatsächlich dieses Müsli essen: Aber weisch Karle, was sell Glump koschtet …?" Sparsamkeit gilt ja tatsächlich als hohe Tugend der Schwaben. So hängt sich der Kabarettist auf der Autobahn gerne ganz entspannt in den Windschatten von modernen Reisebussen: "Wenn man nah genug ranfährt, kann man sogar vom bordeigenen WLAN profitieren."

Mit seinen gerade mal vierzig Jahren treibt den Kabarettisten zurzeit das Älterwerden um. "Da wechselt man unversehens vom Jungen-Mann-Fach ins Alte-Mann-Fach – ohne zwischendurch jemals Mann gewesen zu sein", witzelte er. Aber alles halb so schlimm. "Im Mittelalter kannte man keine Midlife-Crisis, da war man mit fünfzig schon fünfundzwanzig Jahre tot". Dennoch fühle er sich mit vier Jahrzehnten auf dem Buckel schon viel zu alt für Computerspiele. Nun ja, bis auf eines, dem er sich einmal im Jahr nächtelang exzessiv hingebe: Elster online heiße es, "ein wahres Horrorspiel", scherzte er mit Blick auf die Software für die elektronische Steuererklärung. Immerhin könne man damit sogar richtig Geld verdienen, wenn man es gut mache. Und noch mehr verlieren, wenn es mal schlecht läuft. Das zunehmende Alter habe auch sonst seine Vorteile, endlich könne er sich über idiotische Teenager aufregen: "Für die ist Kabarett in etwa so spannend wie ein nordkoreanisches Polizeiverhör."

Genüsslich sezierte Frittrang schnörkellos und mit einprägsamen farbigen Sprachbildern den absurd zugespitzten Alltagswahnsinn ebenso wie die Schrecknisse seiner Kindheit, mit denen fürsorglich-sadistische Erwachsene ihren Nachwuchs zu traumatisieren pflegen. Man denke etwa nur an die schwäbische Hausfrau, die dank ihrer blaugrau-verwaschenen Kittelschürze schon rein optisch mit der verschimmelten Hauswand verschmolz – nur um dem kleinen Götz auflauern zu können, wenn der draußen auf der Straße mal ein Bonbonpapier fallen ließ.

"Alles wahr!", so Frittrang, der Stein und Bein schwor, dass er sich in seinem aktuellen Programm "Götzseidank" nichts ausgedacht hat. "Ich habe null Phantasie." Dafür aber eine scharfe Beobachtungsgabe, die dem Publikum einen kurzweiligen Abend mit nachhaltigem Eindruck bescherte.