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23. Juli 2015 20:27 Uhr

Senioren

Altenpflege: 24-Stunden-Betreuung für 960 Euro Lohn

Viele alte Menschen leben lieber Zuhause als im Heim. Ihre Pflege übernehmen oft Frauen aus armen osteuropäischen Ländern. Dubiose Agenturen vermitteln die Helferinnen – und beuten sie aus. Dabei geht es auch anders. Ein Beispiel aus Freiburg.

  1. Viele Senioren müssen betreut werden – ob zuhause oder im Heim. Foto: dpa

  2. Medizinische Betreuung ist tabu für Helferinnen im Seniorenhaushalt. Foto: Ingo Schneider

  3. Hildegund Landenberger und Maria Podgorna (rechts) harmonieren. Foto: Eggstein

Viele Freiburger möchten im Alter lieber in der gewohnten Umgebung bleiben, als in ein Heim zu gehen. Wenn die Angehörigen die Betreuung nicht übernehmen können, springen osteuropäische Frauen aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit ein. Das Konzept scheint aufzugehen, doch es ruft dubiose Agenturen auf den Plan, die die Frauen ausbeuten.

Während sie mit ihrer Schwester telefonierte, stürzte Hildegund Landenberger ohnmächtig zu Boden. Zum Glück rief ihre Schwester den Notarzt, der der 85-Jährigen das Leben rettete. Nach dem Unfall vor einem Jahr wollten ihre Kinder nicht, dass sie weiterhin allein lebt. Doch ein Heim kam für sie nicht in Frage. "Ich hänge so an meiner eigenen Wohnung", sagt sie. Deswegen suchten ihre Kinder eine Haushaltshilfe, die sie täglich betreut.

Hilfe bieten deutsche Agenturen, die Frauen von osteuropäischen Partnerorganisationen vermitteln. Die Angehörigen übernehmen Kost und Logis und zahlen den Agenturen, mit denen sie einen Dienstleistungsvertrag abschließen, zwischen 2 000 und 3 000 Euro für die Betreuungskräfte. Problematisch: Die Tausende Kilometer entfernten, ausländischen Unternehmen bleiben formal weisungsbefugte Arbeitgeber der Frauen.

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RECHTLICHE GRAUZONE
Viele der Firmen bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, sagt Marta Böning, die an der Uni Oldenburg über die rechtlichen Rahmenbedingungen des so genannten Entsendeverfahrens geforscht hat. Damit eine Firma ihre Beschäftigten ins Ausland legal entsenden darf, muss sie einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Tätigkeit im eigenen Land erbringen und Umsatz erwirtschaften. Das ist oft gar nicht der Fall, sagt Böning, wird aber von den Behörden hingenommen. Ihrer Ansicht nach sind die Strukturen absichtlich verworren. Oft seien die entsendenden Unternehmen Briefkastenfirmen.

Transparenter sind Modelle, in denen die Familien offiziell die Arbeitgeber sind: Zum Beispiel bei "FairCare" vom Verein für internationale Jugendarbeit der Diakonie Baden-Württemberg oder das Projekt Caritas-24, für das sich Familie Landenberger entschieden hat. Seit September lebt Maria Podgorna bei Hildegund Landenberger in St. Georgen. Sie hilft ihr im Haushalt und bei der Körperpflege, kauft ein, kocht und putzt für sie. Bis vor fünf Jahren hat sie in ihrer polnischen Heimatstadt Szczebrzeszyn als Lehrerin gearbeitet. Doch ihre Schule schloss, sie wurde arbeitslos. Ihr Mann verdiente als Elektromonteur gerade genug für Miete, Strom und Essen. Die Rente der beiden hätte bei nur einem Einkommen kaum zum Leben gereicht. "Ich hatte große Angst davor, in ein fremdes Land zu gehen, dessen Sprache ich kaum beherrschte", sagt die 51-Jährige, die zunächst einen alten Mann im westfälischen Rietberg betreute. Die anfängliche Unsicherheit hat sich gelegt, ihre Familie aber vermisst sie sehr. "Ich skype jeden Abend lange mit meinem Mann." Im August fährt sie für einen Monat nach Polen – zum ersten Mal seit Weihnachten.

In Freiburg sind mehr als 18 000 Menschen älter als 74 Jahre. Jeder vierte von ihnen gilt als pflegebedürftig. Die meisten wohnen in den eigenen vier Wänden, weniger als 2 000 in Heimen. "Darüber wie viele osteuropäische Betreuungskräfte in Freiburg leben, gibt es weder verlässliche Zahlen, noch seriöse Schätzungen", sagt Jasmin Kiekert, die an der Katholischen Hochschule über osteuropäischen Haushaltshilfen in Freiburg und Frankfurt forscht. Weit verbreitetet: Schwarzarbeit. Viele sind weder beim Finanz- noch beim Einwohnermeldeamt registriert. Andere sind nicht meldepflichtig, weil sie weniger als drei Monate in Freiburg arbeiten. "Idealerweise haben die alten Menschen mehrere Stammbetreuerinnen, die sich alle zwei bis drei Monate abwechseln", erklärt Patrick Bolanz, Inhaber des Freiburger Pflegeservice. Neben dem Regio Pflegedienst Breisgau der einzige private Dienstleister, mit dem das Seniorenbüro kooperiert.

WENIG GLAUBHAFT
Denn nicht nur die osteuropäischen Unternehmen stehen in der Kritik, auch viele deutsche Vermittlungsagenturen. Auf ihren Websites treten sie seriös auf. Doch ihre Zertifikate seien meist wenig glaubhaft, sagt Marta Böning. Viele Agenturen hätten Verbände gegründet, mit denen sie sich selbst zertifizierten. Branchenintern werde vermutet, dass 90 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse illegal sind, sagt Petra Dauzenroth, die Freiburger Standortleiterin der Pflegevermittlung Brinkmann. Sie ist eine der wenigen Agenturen, die auf Anfragen der Badischen Zeitung reagiert haben. Der Frage, wie viele Betreuungskräfte sie im letzten Jahr nach Freiburg vermittelt hat, weicht sie jedoch aus. Andere, wie die KWH Seniorenbetreuung oder die Pflegeagentur24, reden erst gar nicht mit der Presse. Kritische Medienberichte über Dumpinglöhne und dubiose Vertragsinhalte haben den Inhaber eines Freiburger Pflegeunternehmens, der anonym bleiben möchte, dazu bewogen, sich von seiner polnischen Partneragentur zu trennen. Manche Frauen würden ausgepresst wie Prostituierte: "Damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich hatte ein Image zu verlieren."

GEDULDETER MISSBRAUCH
Die Betreuungskräfte, die er vermittelt, kosten die Familien monatlich 2 500 Euro. Er erhält pro Arbeitstag drei Euro Vermittlungsgebühr. Was die Frauen verdienen, wisse er nicht. Schließlich sei er der Ansprechpartner für die Familien, nicht für die Betreuerinnen. Und wie sei eine rund-um-die-Uhr-Betreuung mit einer vertraglich fixierten 40-Stundenwoche vereinbar? Es sei typisch deutsch, immer in festen Kategorien und Strukturen zu denken, sagt er: "Wer überprüft, ob die Frauen sechs, zwölf oder sechzehn Stunden am Tag arbeiten? Um es klar zu sagen: Es ist in der Praxis nicht geregelt."

Bei FairCare und Caritas-24 sind 38,5 Wochenstunden festgelegt. Maria Podgorna verdient 1 210 Euro im Monat – fast das Dreifache ihres Lehrergehalts in Polen. Sonntags hat sie immer frei und besucht mit anderen Polinnen einen polnischen Gottesdienst. Sie kenne aber auch Polinnen in Freiburg, die schwarz arbeiten und das Haus nicht verlassen aus Angst entdeckt zu werden. "Ich bin froh, hier legal arbeiten zu können", sagt sie. Jeden Tag hat sie zwei Stunden Mittagspause und um 17 Uhr Feierabend. Auch kommen regelmäßig Hildegund Landenbergers beiden Schwestern zu Besuch – dann hat sie frei. Von solchen Arbeitsbedingungen können viele nur träumen. Die Agenturen werben mit einer 24-Stunden-Betreuung und das, so Marta Böning, sei kein leeres Versprechen: "Die Branche lebt von geduldetem Missbrauch." Es fehle der politische Wille, die Ausbeutung der Frauen zu unterbinden, da alle bis auf die Frauen selbst von dem System profitierten. Um mehr über die Branche zu erfahren, muss man sich an Beratungsstellen wenden, von denen es in Freiburg keine gibt. Katarina Frankovic arbeitet als Beraterin in Stuttgart beim Projekt Faire Mobilität des DGB und berichtet von Frauen, "die sieben Tage die Woche arbeiten müssen und keinen Urlaub haben. Die haben im Prinzip nur frei, wenn die alten Menschen schlafen." Ständige Rufbereitschaft für einen Monatslohn von 970 Euro sei keine Seltenheit, manchmal werde verlangt, Medikamente und Spritzen zu verabreichen, obwohl es gesetzlich verboten ist. Doch würden die Frauen durch die Agenturen oft eingeschüchtert. Die polnische Agentur Promedica24 etwa verbietet den Frauen, über ihren Lohn zu sprechen. Christian Städter, Leiter der Marketingabteilung der deutschen Tochterfirma Promedica Plus, erklärt, dass die Weitergabe von Infos zum Gehalt die Wettbewerbsposition der Agentur schwächen würde. Dies bestätige ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts.

TRICKREICHE AGENTUREN
Renate Zäckel vom Fraueninformationszentrum (FIZ) in Stuttgart hat im letzten Jahr rund 300 Frauen beraten, auch zwei, die in Freiburg arbeiten. Alle Geschichten gleichen sich: Klauseln, nach denen Frauen bei einer Kündigung die Vermittlungsgebühren erstatten müssen, keine Lohnfortzahlung bei Krankheit, fehlende Krankenversicherung, unentlohnter Bereitschaftsdienst, Tricks, um den Mindestlohn zu umgehen. Doris Köhnke, die Leiterin des FIZ sagt: "Die Agenturen sind erfinderisch, wenn es darum geht, ein gutes Geschäft zu machen." Christian Städter, gegen dessen Unternehmen einige der Vorwürfe gerichtet waren, weist sie alle zurück und betont, dass sich die Frauen jederzeit an die Zentrale von Promedica24 wenden können. In der Regel würden Frauen, die das in Anspruch nehmen wollen, niemanden dort erreichen, sagt Doris Köhnke.

Maria Podgorna hatte bisher keinen Grund zur Klage. Sie und Hildegund Landenberger sitzen nachmittags oft im Garten, trinken Kaffee und unterhalten sich: "Wir beide harmonieren prächtig!"
Adressen

24-Stunden-Betreuung

Die 24-Stunden-Betreuung von Senioren in der eigenen Wohnung lässt sich auch durch Nachbarschaftshilfe und Arbeitgebermodell organisieren. Voraussetzung: ein eigenes Zimmer für die Betreuungskraft. Pflegegeld kann angerechnet werden, reicht aber nicht zur Deckung der Kosten. Die 24-Stunden-Betreuung im Rahmen der Nachbarschaftshilfe kostet im Monat bis zu 10 000 Euro. Da vermitteln gemeinnützige Träger Betreuungskräfte und kooperieren bei Bedarf mit ambulanten Pflegediensten.

Träger der Nachbarschaftshilfe
AWO-Freiburg Ambulante Dienste gGmbH in Kooperation, http://www.awo-freiburg.de Tel. 0761/4557784
Evangelische Sozialstation, http://www.evsozialstation-freiburg.de Tel. : 0761/ 27130156

Pflegedienste
Sozialstation Dreisam gGmbH, http://www.3sam.de Tel. 0761/38765-0
Arbeitgeberverfahren:
Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, http://www.zav.de Tel. 0228-7132132
Caritas-24 in Kooperation mit der katholischen Sozialstation Freiburg GmbH, caritas24@ksst-freiburg.de, Tel. 0761/ 88852552
FairCare http://www.diakonie-wuerttemberg.de Tel. 0711-23941-37

Weitere Infos
Freiburger Seniorenbüro – Zentrale Informations- und Beratungsstelle für ältere Menschen, http://www.freiburg-fuer-alle.de unter "Ämter", Tel. 0761/2013032

Autor: Sebastian Krüger