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26. Juni 2012

Analytikerwitze auf dem Mond

Amerikanische Psychopolitik: Tony Kushners Minidramen "Tiny Kushner" am Mannheimer Nationaltheater.

  1. Nationaltheater Mannheim: Kushner Minidramen. Mit Michaela Klamminger und Sven Prietz Foto: Christian Kleiner

Ein psychisch gestörter Politiker, schrieb Alfred Hutschnecker 1975 in seinem Buch "Psychopolitik", "kann mit einer einzigen falschen Entscheidung tausendmal mehr Menschen töten als ein Arzt je in seinem Leben heilen". Der österreichische Psychiater forderte darum einen Mann vom Fach als Berater für alle Staatsmänner. An Richard Nixon, seinem prominentesten Patienten, versagten allerdings selbst Hutschneckers Künste. "Dr. Arnold A. Hutschnecker im Paradies" ist eines von fünf Dramoletten, die der US-Dramatiker Tony Kushner zu verschiedenen Anlässen geschrieben und 2009 in "Tiny Kushner" versammelt hat. Innere Zusammenhänge sind nicht ersichtlich, außer einem: Alle Minidramen, die jetzt am Nationaltheater Mannheim aufgeführt wurden, gehören im weitesten Sinne zu Kushners Psychopolitik. "Tiny Kushner" ist so etwas wie der Versuch, amerikanische Neurosen von der Staatsphobie der Tea Party bis zum antieuropäischen Ressentiment in freien Assoziationen zur Sprache zu bringen.

"Tiny Kushner" klingt nach scharf gewürzten Snacks, ist aber vor allem Fastfood. Kushner serviert ja gewöhnlich mächtige Sonntagsbraten wie "Angels in America" oder "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus" (den Burkhard C. Kosminski erst kürzlich in Mannheim weich kochte). Robert Teufel und Nicole Schneiderbauer brauchen tatsächlich nur neunzig Minuten, um die fünf Einakter halbgar zu machen, aber sie müssen dem Tempo hohen Tribut zollen: Alle Ansätze zur psychopolitischen Vertiefung von Kushners Figuren werden schrill und laut wegtherapiert.

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So richtig winzig kann es Kushner natürlich auch nicht machen: Noch in seinen kleinsten Gelegenheitsarbeiten misst er seine Kräfte an großen Männern wie Shakespeare, Nixon und George W. Bush. Immerhin gehört Laura Bushs Versuch, beim Vorlesen in der Grundschule toten irakischen Kindern Dostojewskis Geschichte vom Großinquisitor und die Kriegsideologie ihres Gatten näher zu bringen, noch zu den besseren Stückchen. Martin Aselmanns First Lady strotzt vor christlich-fundamentalistischer Hilflosigkeit und unfreiwilligem Zynismus, behält aber noch einen Rest von Würde und Glaubwürdigkeit: "Der Kuss brennt in meinem Herzen, aber ich bleibe bei meiner Idee".

Das kann man vom Rest des Abends nicht unbedingt behaupten. Hutschneckers Paradies-Monolog ist ein fader Analytikerwitz. Woody Allen hätte aus dem Fall mehr gemacht, und das gilt noch mehr für die zweite Psychoanalytikerposse mit dem länglichen Titel "Zu Ende kommen oder Sonett LXXV oder Lass meine Schmerzen nicht verloren sein oder Ambivalenz". Das Minidrama um schwule und lesbische Therapeuten, Übertragung und Gegenübertragung versammelt fast alle Motive des "Intelligent Homosexual’s Guide", aber die "Ambivalenz der Seele" verläppert sich ziemlich rasch in Lebensweisheiten wie "Bring dich nicht um, arbeite und komm jeden Abend nach Hause".

Noch dürftiger ist "Flip Flop Fly!", der Dialog zwischen der Schlagerkönigin Lucia Pamela und Geraldine, der Ex-Königin von Albanien. Michaela Klamminger gibt die naive Showbiz-Betriebsnudel, Sven Prietz stöckelt als versnobte, alteuropäisch hochmütige Monarchin durch eine Mondlandschaft, aber das Stück, wie der Hutschnecker-Monolog aus Nachrufen für die New York Times hervorgegangen, erschöpft sich im Herunterbeten von biografischen Fakten und transatlantischen Vorurteilen.

Das ist überhaupt das große Manko dieses kleinen Abends: Kushners Einakter funktionieren allenfalls auf der politischen Bühne Amerikas, als Kabarett oder Agitprop-Straßentheater (die Bush-Satire ist ausdrücklich zum Gebrauch bei Antikriegsdemos freigegeben) für den Haus- und Tagesgebrauch. "Ostenküstenode an Howard Jarvis" etwa basiert auf einem historischen Fall: Ideologisch inspiriert von den kruden Verschwörungstheorien eines inhaftierten Neonazis, traten New Yorker Polizisten Anfang der 1990er Jahren in einen Steuerstreik. Robert Teufel inszeniert das fürs Fernsehen geschriebene, aber zu Recht nie produzierte Drehbuch als groteskes Dokudrama mit Zeitzeugen-Interviews und psychedelisch flackerndem Wahnsinn. Die Tücken und Lücken einer Einkommenssteuererklärung mögen universell sein, aber der Hass auf das "zionistische Besatzungsregime" in Washington ist doch ziemlich speziell amerikanisch. Hierzulande gibt es andere Mittel und Wege des Steuerbetrugs. Und so viele kleine und große Stücke aus heimischer Produktion, dass man sich den Import Kushnerscher Winzigkeiten eigentlich sparen kann.
– Weitere Aufführungen: 14., 23. Juli. Karten: Tel. 0621/1680 150.

Autor: Martin Halter