Talking-Heads-Bearbeitung

Angélique Kidjo macht aus "Remain In Light" plakativen Afro-Pop

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Di, 13. November 2018 um 19:20 Uhr

Rock & Pop

Aus Angst wird seelenvolle Wärme: Die Sängerin Angélique Kidjos hat das vom Afrobeat beeinflusste "Remain In Light"-Album der Talking Heads adaptiert.

Als 1980 "Remain In Light", das vierte Album der New Yorker Wave-Band Talking Heads erschien, stand es für einen Umbruch in der Band und der Popgeschichte überhaupt. Sänger David Byrne kam gerade aus den Sessions zu "My Life In The Bush Of Ghosts" mit Produzent Brian Eno, ein pionierhaftes, elektronisches Album voll Samples arabischer und nordafrikanischer Feldaufnahmen.

Byrne hatte zudem Bücher über die Musik Afrikas gelesen, sich mit dem nigerianischen Afrobeat-Begründer Fela Kuti beschäftigt, seine Erkenntnisse ließ er auch in die Produktion von "Remain In Light" einfließen. Die Stücke sind keine herkömmlichen Popsongs im westlichen Sinne, vielmehr wurden groovige Schleifen aus dem Rohmaterial der Jamsessions zusammengesetzt. Byrnes verstörter bis verzweifelter Sprechgesang, der von Zukunftsängsten, Identitäts- und Wahrheitsverlust sowie politischem Desaster erzählt, wechselt mit Ohrwurmmelodien ab.

Bereits in den frühen Achtzigern war Angélique Kidjo vor der Diktatur aus dem Benin nach Paris geflohen und hörte "Once In A Lifetime", den Hit von "Remain In Light" 1983 auf einer Party. Sofort erkannte sie die Verwandtschaft zur afrikanischen Musik, über Jahrzehnte ließ sie das Lied nicht mehr los. Doch erst 2016, als sie es in ihrer Wahlheimat New York mal wieder vor sich hinsummte, klärte ihr Ehemann sie über die Urheber auf.

Beim Hören des Albums entdeckte sie die "afrikanische Architektur" und Bezüge der Texte zwischen der diktatorischen Ära ihres Heimat, der Entstehungszeit der Platte und heute. "Man sagte mir, die Lyrics wären absurd. Aber nicht für mich!", so Kidjo zum Online-Magazin Pitchfork. "Das Album kam in der Reagan-Ära heraus, und auch jetzt erleben wir wieder einen Krieg gegen die Demokratie und gegen Menschenrechte." Der Song "Born Under Punches" sprach zu ihr von Korruption, "Crosseyed And Painless" vom postfaktischen Zeitalter, "Listening Wind" von den terroristischen Folgen des Kolonialismus.

Da so viel Verwandtes in ihr widerhallte, entschloss Kidjo sich zum Covern des gesamten Albums. Dabei hat sie den paranoiden Ton des Originals auf ihre Weise kanalisiert. Der Nigerianer Tony Allen an den Drums verwandelt die gebauten Rhythmen in organischen Afrobeat, die Gitarrenarbeit besorgt Ezra Koenig von der Band Vampire Weekend, die sich schon immer mit afrikanischen Sounds beschäftigt. Eine neue Textur der Songs mit Bläsern und Chören transformiert die Angst in seelenvolle Wärme, die Gebrochenheit von Byrnes Stimme in resolute Kraft. Zusätzlich afrikanisiert werden die Texte durch Sprichwörter in den Idiomen Yoruba und Fon. Auch nach der Metamorphose seiner verstörend sperrigen Avantgarde in plakativen Afropop bleibt das Meisterwerk aus den Achtzigern aktuell.

Angélique Kidjo: "Remain In Light" (Kravenworks/Groove Attack). Live: Di, 20. Nov, Zürich, Kaufleuten, 20 Uhr.