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26. Juli 2012

Griechenland

Magazin zeigt Angela Merkel in Handschellen und Sträflingsuniform

Ein griechisches Magazin will die Kanzlerin wegen "Völkermordes" vor Gericht bringen / Aggressive antideutsche Kampagnen in Boulevardmedien.

  1. Merkel auf dem Titelbild Foto: höge

ATHEN. In vielen Rollen und Verkleidungen haben die Griechen Angela Merkel schon auf den Titelseiten ihrer Magazine und Zeitungen gesehen: Mal steckt die Kanzlerin in einer Nazi-Uniform, mal zeichnen Karikaturisten Merkel als Zirkusdompteuse, die mit geschwungener Peitsche gebrechliche griechische Rentner zum Sprung durch einen brennenden Reifen antreibt. Das Monatsmagazin Crash setzt jetzt eins drauf: Das jüngste Heft zeigt auf dem Titelbild Merkel in einer orangefarbenen Sträflingsuniform, wie man sie von Bildern aus dem Straflager Guantanamo kennt.

Die Kanzlerin macht eine mürrische Grimasse. Häftling 4339, so die Nummer auf Merkels Overall, trägt Handschellen. "Stellt sie vor Gericht wegen des Völkermordes an den Griechen", lautet die Titelschlagzeile. Giorgos Trangas, Herausgeber des Magazins und ungekrönter König des griechischen Radau-Journalismus, hat die Bundeskanzlerin beim Internationalen Strafgerichtshof wegen "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" angezeigt. Schwacher Trost für Merkel: Auch IWF-Chefin Christine Lagarde, Finanzminister Wolfgang Schäuble, EU-Kommissionschef José Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy sollen auf die Anklagebank. "Merkel und ihre Freunde glauben nicht an den Wert des menschlichen Lebens und der persönlichen Würde", schreibt Trangas. Die Kanzlerin habe Griechenland "in ein modernes KZ" verwandelt, in dem die Griechen "als die neuen Juden wie Aussätzige eingesperrt" seien. "Massenverbrechen" würden gegen die Griechen verübt, "ein wahrer Völkermord", so das Magazin.

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Philipp Rösler bringt Griechenlands Ministerpräsidenten in Rage

Dass es jemals zu der von Trangas angestrengten Verhandlung vor dem Strafgerichtshof kommen wird, ist zwar so gut wie ausgeschlossen. Aber mit der jüngsten Nummer dieses Magazins erreicht der griechisch-deutsche Medienkrieg einen neuen Höhepunkt. Er tobt seit über zwei Jahren, und die Protagonisten auf beiden Seiten schenken sich wenig.

Im Februar 2010 bildete das Magazin Focus die Liebesgöttin Aphrodite mit einem Stinkefinger ab. "Betrüger in der Euro-Familie", lautete die Schlagzeile der Titelgeschichte, in der die Focus-Redakteure den Griechen "2000 Jahre Niedergang von der Wiege zum Hinterhof Europas" attestierten. Die griechische Zeitung Ethnos revanchierte sich mit einer Fotomontage, die ein Hakenkreuz auf der Spitze der Berliner Siegessäule zeigte. Die Bild-Zeitung verunglimpfte ein ganzes Volk als "Pleite-Griechen" und riet ihnen, die Akropolis zu verkaufen, um ihre Schulden abzutragen. Der Euro sollte Europa einen, jetzt spaltet er den Kontinent. Besonders tief sitzt der Keil zwischen Griechen und Deutschen. Besonnene griechische Kommentatoren halten der Kanzlerin vor, sie habe zu spät und zu zögerlich auf die Krise reagiert. Manche Beobachter meinen auch, Merkel habe mit strikten Sparauflagen an den Griechen ein abschreckendes Exempel statuieren wollen, um andere Krisenkandidaten zur Räson zu bringen. Aber große Teile der griechischen Boulevardmedien, wozu auch die meisten Fernsehkanäle gehören, fahren zunehmend aggressive antideutsche Kampagnen.

Kein Wunder, dass da auch die dunklen Schatten der Vergangenheit, die man in Deutschland gern verdrängt, wieder auferstehen: Es fallen Namen wie Distomon und Kalavrita, Orte, in denen die Nazi-Besatzer während des Zweiten Weltkrieg grauenhafte Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichteten. Für die Hinterbliebenen der Opfer sind diese fast sechs Jahrzehnte zurückliegenden Verbrechen naturgemäß präsenter als für die Nachfahren der Täter. Laut einer Umfrage des Magazins Epikaira verbindet jeder dritte Grieche mit Deutschland spontan Begriffe wie "Hitler", "Nazis" und "Drittes Reich".

Das Bild beider Länder in den jeweiligen Medien war auch Thema eines Dialogs, zu dem die Südosteuropa-Gesellschaft kürzlich griechische und deutsche Journalisten nach München eingeladen hatte. Dort wurde festgestellt, dass natürlich die reißerischen Medienberichte im jeweils anderen Land viel größere Aufmerksamkeit finden als die sachlichen, abgewogenen Analysen, die es ebenfalls in den Medien beider Länder gibt.

Aber nicht immer sind es die Medien, die Öl ins Feuer gießen. Jetzt sind es Äußerungen von Wirtschaftsminister Philipp Rösler, die das griechisch-deutsche Klima vergiften. Dass Rösler den Griechen in einem Interview nahelegte, den Euro abzugeben und zur Drachme zurückzukehren, brachte selbst Ministerpräsident Antonis Samaras in Rage. Ohne Rösler namentlich zu nennen, schimpfte Samaras: "Wir tun alles, was wir können, um das Land wieder auf die Beine zu stellen, aber diese Leute setzen alles daran, damit wir scheitern."

Autor: Gerd Höhler