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09. Februar 2010 23:41 Uhr

Interview zum 80. Geburtstag

Ansgar Fürst über Politik und Journalismus: "Hinschauen, aufklären"

Immer dabei sein, nie dazugehören – den Grundsatz des politischen Journalismus hat er ernst genommen wie kaum ein Zweiter: Ansgar Fürst, von 1970 bis 1995 Chefredakteur der Badischen Zeitung. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Stefan Hupka sprach mit ihm über sein Metier – das Beobachten und Kommentieren der Politik und der Politiker.

  1. „Gutenberg näher als dem Jahr 2010“: Ansgar Fürst Foto: Dirk Steininger

  2. Fürst und Erwin Teufel, damals CDU-Fraktionschef (1980) Foto: RETZLAFF

  3. Redaktionsleiter Fürst, flankiert von Politikredakteuren Foto: Manfred Richter

  4. Ansgar Fürst (rechts) mit Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon und BZ-Chefredakteur Thomas Hauser im Jahr 2005. Foto: Ingo Schneider

BZ: Herr Fürst, keiner, sagt man, steht heute unter so scharfer Beobachtung wie Politiker. Stimmt das überhaupt?
Fürst: Politiker standen immer unter Beobachtung. Das war in Bonn nicht anders. Allerdings: War Bonn noch geprägt von einer politischen Klasse, die in provinzieller Enge dicht beieinander lebt und sich ständig über den Weg läuft, so geht die Zahl der journalistischen Beobachter in Berlin in die Tausende. Das verändert natürlich die Versuchsanordnung.

BZ: Inwiefern?
Fürst: Man tritt sich auf die Füße, steht in scharfer Konkurrenz um Exklusivstorys und das in immer höherem Tempo. Die Fotografin Herlinde Koelbl spricht von "der Meute", Helmut Schmidt hätte an diesem Wort sicher seine Freude.

BZ: Meute klingt nach Jagd und Opfer. Sind wir da fair zu unserem Berufsstand?
Fürst: Das muss nicht abwertend gemeint sein, es bezieht sich auf die schiere Menge, vor allem der Kameraleute, hinter denen wir Printjournalisten kaum zum Vorschein kommen. Das kann man immer wieder im Fernsehen erleben.

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BZ: Ist die Politikbeobachtung dadurch anders geworden, voyeuristischer?
Fürst: Konkurrenzdruck und Zwang zur Originalität fördern Effekthascherei und Alarmismus in der Berichterstattung. Und sie führen zu einer starken Personalisierung von Politik. Sachthemen, denken viele Journalisten heute, sind dröge und für die Leser eine Zumutung. Personalisierte Politik sei leichter zu vermitteln.
BZ: Spielen Äußerlichkeiten eine zu starke Rolle, Kleidung, "Performance"?
Fürst: Das bedingt sich gegenseitig, die spezielle Brille der Journalisten und das Sich-Inszenieren der Politiker. Es ist ein symbiotisches Verhältnis, in dem Politiker Journalisten brauchen und umgekehrt. Für Politiker wird Medienpräsenz zum Ersatz für verlorene Wählerzustimmung. In der schnellen Abfolge der Themen und Akteure kann man nicht mehr unterscheiden zwischen Inszenierung und Realität. "Wir ertrinken im Scheinbaren", so ein Berliner Korrespondent.

BZ: Hat das auch die Qualität des politischen Kerngeschäfts verändert?
Fürst: Ich glaube schon. Die Politik hat kaum noch ein Refugium zum Arbeiten, sondern vollzieht sich immer mehr auf einer Bühne. Weizsäcker hat einmal ironisch gesagt, Politiker lernten vor allem, wie man seinen Gegner bekämpft. Heute scheint Medienkompetenz oft wichtiger als Problemkompetenz.

BZ: Hätten Politiker von früher heutzutage überhaupt noch eine Chance?
Fürst: Manchen Politiker von früher kann man sich in der heutigen Mediengesellschaft kaum noch vorstellen, Adenauer war bestimmt keiner, der in eine Fernsehtalkshow gepasst hätte. Früher kannte man Politiker aus den Bundestagsdebatten, da hingen die Leute an den Fernsehern, aber diese Debatten werden heute kaum noch beachtet, diese Funktion übernehmen die Talkshows.

BZ: Gab es damals die besseren Redner?
Fürst: Für einige stimmt das, Fritz Erler, Gerstenmaier, Strauß und Schmidt, aber auch Joschka Fischer. Es fiele mir schwer, heute welche zu nennen.

BZ: Geht es da nur um besseres Rhetorik-"Handwerk" oder um mehr?
Fürst: Da geht es auch um die andere Sozialisation dieser vergangenen Politikergeneration. Die heutige, nennen wir sie mal Generation Westerwelle, orientiert sich eher an Marketingprinzipien als an der Durchdringung politischer Probleme. Es gab damals, muss man fairerweise sagen, auch noch Themen, die die Gesellschaft massiv gespalten haben, die Ostpolitik, die Nachrüstung, die Atomkraft, den Abtreibungsparagrafen – das machte Politik interessanter.

BZ: Und die Probleme von heute?
Fürst: …lassen sich oft nicht mehr per Bundestagsentscheidung lösen. Dazu sind sie zu komplex. Denken Sie an die globale Finanzkrise oder den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Man kann es auch positiv wenden: Früher gerieten fast alle Debatten schnell in die Rechts-Links-Ideologiefalle hinein, diese Gräben gibt es heute weithin nicht mehr oder ich muss sie künstlich aufreißen.

BZ: Bedeutet das nicht auch Heimatlosigkeit für Politiker wie Journalisten?
Fürst: Gewiss war in Bonn die Zuordnung zu den Lagern schärfer und so definierten sich auch viele.

BZ: Sie selbst galten – samt der Zeitung, die Sie geprägt haben – als "linksliberal". Schmeckte Ihnen dieses Etikett?
Fürst: Na ja, das Etikett war ambivalent, weil es von den Konservativen ja als Kampfbegriff gemeint war. Aber wenn linksliberal heißen soll, entschiedener Verteidiger von Bürgerrechten zu sein, dann zieh ich mir den Schuh gern an. Schade, dass sich die FDP heute nur noch als Steuersenkungspartei versteht.

BZ: Alles drängelt sich heute in der Mitte, vielleicht mehr, als da Platz ist. Wäre es nicht gut, es gäbe ein couragiertes Zurück zum Rechts-Links-Schema?
Fürst: Ich sehe darin eher eine positive Entwicklung. Nehmen Sie als Beispiel die Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel, für manche Konservative ja ein Schimpfwort, also die Übernahme gesellschaftspolitischer Positionen, die früher in dieser Partei völlig undenkbar waren, das Familienbild der Frau von der Leyen, das Akzeptieren von Homosexualität bis in die eigene Politikerriege hinein.

BZ: Zum Leidwesen der SPD.
Fürst: Dieses sehe ich eher darin, dass ein sozialdemokratischer Kanzler gezwungen war, in den sauren Apfel zu beißen und eine Politik zu machen, die in der Ära Kohl versäumt worden ist. Nämlich die darnieder liegenden Sozialsysteme zu reformieren. Damit hat Schröder dann der SPD das Grab geschaufelt. Wäre der Kelch 2002 an ihm vorbeigegangen und hätte Stoiber die Mehrheit gehabt, dann hätte das alles eine schwarz-gelbe Regierung machen müssen, es hätte die SPD nicht so zerrissen und es hätte nie eine linke Partei gegeben.

BZ: Wecken Medien übertriebene Erwartungen an die Einzelpersönlichkeiten, die diese zwangsläufig enttäuschen müssen?
Fürst: Tun wir das denn? Bei Obama vielleicht, aber doch nicht hier, bei Schröder, Kohl oder Merkel. Kohl etwa hat als total Unterschätzter, auch von den Medien Niedergeschriebener angefangen, Merkel wurde mit größter Reserve behandelt, die kann es nicht, hieß es immer.


BZ: Sie selbst haben manchen von denen persönlich getroffen. Sind solche Begegnungen ernüchternd oder überraschend?
Fürst: Im Grunde haben alle Politiker, mit denen man näher sprach, gewonnen, das ist meine Erfahrung. Das galt auch für Kohl, der im persönlichen Gespräch ganz anders war als im Fernsehen. Es gibt Politiker, die reden im Hintergrund genauso wie vor den Kameras. Dann können Sie das Gespräch vergessen, das ist Ihnen alles schon bekannt. Wenn aber ein Politiker erkennen lässt, welche Gedanken ihn bewegen, wenn er zu Entscheidungen kommt, wenn er die Schwierigkeiten, die ihn bedrängen, auch namhaft macht, dann gewinnt das Wahrhaftigkeit und Überzeugung, dann habe ich was gelernt.

BZ: "Ein Schmiergeld namens Nähe" – macht räumliche Nähe zu Spitzenpolitikern Journalisten auch befangen?
Fürst: Das mag es geben. Aber das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz ist ein journalistisches Grundproblem. Jeder der mit Politikern zu tun hat, wird sich damit herumquälen müssen, dass er die Nähe sucht, weil es seine Aufgabe ist, aus der Nähe zu beobachten, dass aber aus der Nähe keine Kumpanei entstehen darf.

BZ: Welcher Politiker hat Sie am meisten beeindruckt, was Übereinstimmung von Reden und Handeln betrifft?
Fürst: Am ehesten entspricht Helmut Schmidt dem, wonach Sie fragen. Ansonsten findet man diesen Typus weniger unter den Kanzlern. Richard von Weizsäcker ist einer derjenigen, die in der Lage sind, das Floskelhafte, das Politiker in ihrer Rede haben, abzustreifen und mit unverbrauchten Worten Wesentliches zu sagen. Das ist leider der Politik abhanden gekommen. Biedenkopf oder Geißler fallen mir als positive Ausnahmen ein – aber die sind ja beide mein Jahrgang und haben die hohe Politik längst hinter sich.

BZ: Liest ein klassischer Printjournalist wie Sie eigentlich online Zeitung?
Fürst: Klar. Aber ich stelle mir dann oft die Frage, wie sehr dieses Medium den Journalismus verändert hat.

BZ: Ist das der Fall?
Fürst: Ich glaube schon. Es hat die Taktfolge der Nachrichten erheblich beschleunigt und es erzeugt einen atemlosen Journalismus. Man kann sich stündlich neu versorgen im Internet. Schirrmacher beschreibt es als Suchtverhalten: Wir werden aufgefressen von der Angst, etwas zu versäumen. Und die Halbwertzeit der Nachrichten wird immer kürzer.
"Ich twittere nicht
und bin nicht im Facebook."

BZ: Mit der 24-Stunden-Gültigkeit der Printzeitung ist es dahin?
Fürst: Ja, denn der crossmedial arbeitende Journalist ist permanent tätig. Er sitzt auf dem Beschleunigungskarussell. Wenn ich mich dem aussetze, kann ich dann überhaupt noch innehalten und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden?

BZ: Klingt, als ramponiert das Internet die Autorität der Zeitung. Aber könnte es nicht auch ihre Chance sein?
Fürst: Es ist nicht nur Chance, sondern sogar ein Zwang, dass Zeitungen sich darauf besinnen, was ihre Stärke ist, das genaue Hinschauen, Entschleunigen, Analysieren, das überlegte Betrachten – kurz: die aufklärerische Funktion des Journalisten, der seinen Lesern im explodierenden Informationsgigantismus Schneisen schlägt zu einem Verständnis, zu dem einer nicht kommt, wenn er nur von einer Information zur anderen hüpft.

BZ: Haben Sie sich auch schon beim Schirrmacher’schen Suchtverhalten samt anschließendem Kater ertappt?
Fürst: Nein, da bin ich schon aus Altersgründen immun dagegen.

BZ: Aber Sie surfen doch wohl auch, vielleicht bei Spiegel- oder BZ-Online?
Fürst: Ja natürlich. Das sind für mich Quellen, aus denen ich mich täglich informiere, auch Google, Wikipedia und Perlentaucher, aber ich twittere nicht, bin nicht im Facebook und mache keine Blogs. Doch angenommen, ich wäre den ganzen Tag online, dann tauchte die Frage auf, wozu ich noch eine Zeitung brauche. Dies ist die dramatischste Veränderung, die sich für unsere Branche je ergeben hat. Um es zuzuspitzen: Als ich 1995 ausgeschieden bin, stand ich eigentlich dem alten Gutenberg näher als dem Jahr 2010.

BZ: Und was kann der guten, alten Zeitung beim Überleben helfen?
Fürst: Manche Zeitungen meinen, sie dürften den Lesern nur noch gefällige leichte Kost vorsetzen. Aber das wäre kein Weg aus der Krise, denn es machte die Zeitung vollends entbehrlich. Nur eine Zeitung, die in die Kompetenz und die journalistische Originalität der Redaktion investiert, wird auch in Zukunft für Leser attraktiv und unverzichtbar sein.

Zur Person: Das ist Ansgar Fürst
  • Ansgar Fürst wurde am 10. Februar 1930 in Heidelberg geboren. Er hat Geschichte, Soziologie und Staatslehre studiert und 1957 promoviert. Im gleichen Jahr trat er in die Redaktion der Badischen Zeitung ein. Von 1970 bis 1995 war Fürst Chefredakteur und Politikchef des Blattes. 1961 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Er lebt mit Ehefrau Birgit in Merzhausen.
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Weitere Informationen:

Autor: Stefan Hupka