Amtsgericht

Bewährungsstrafe für 63-Jährige nach tödlicher Alkoholfahrt

Harald Rudolf

Von Harald Rudolf

Fr, 17. Juni 2016

Offenburg

63-Jährige Autofahrerin muss sich vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten / Ungebremst in den Gegenverkehr geraten.

OFFENBURG. Wegen fahrlässiger Tötung ist eine 63 Jahre alte Frau am Amtsgericht Offenburg zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Die Rentnerin kam am 16. April 2015 gegen 14 Uhr mit knapp zwei Promille auf die Gegenfahrbahn und fuhr ungebremst auf einen entgegenkommenden Pkw. Dessen 51 Jahre alte Fahrerin verstarb noch am Unfallort. Die schrecklichen Folgen der Autofahrt prägten auch die dreieinhalbstündige Verhandlung: "Wir haben einen Menschen verloren", sagte Richterin Marion Weber einmal. "Ein Mensch ist aus dem Leben geschieden und andere Menschen leiden darunter", so Staatsanwalt Nico Herbert. Über das Opfer wurde darüber hinaus nicht gesprochen; die Angeklagte wandte sich nicht direkt an die dem Prozess beiwohnenden Angehörigen.

Viel Raum nahm das Leben der seit dem Unfall verrenteten Frau ein. Sie habe ihr Innenleben aufgezeigt, so ihr Verteidiger. Misshandlungen in der Kindheit, ein trinkender und prügelnder Vater, kurze Aufenthalte bei Pflegeeltern, ein Beinahe-Missbrauch im Alter von 13 Jahren; später eine Vergewaltigung durch Jugendliche, ein Suizidversuch, zwei gescheiterte Ehen. Auch die gegenwärtige Situation ist immer wieder problembeladen.

Im Jahr 1994 gibt es eine erste stationäre Behandlung wegen depressiven Störungen und Alkoholmissbrauchs. Eine Alkoholabhängigkeit erkannte der psychiatrische Sachverständige Bernhard Deuringer nicht; dafür habe es immer Phasen des Nichttrinkens gegeben. Deuringer diagnostizierte einen Hang zur Sucht, zum Alkohol. In Stress- und Trennungssituationen will die Hauswirtschafterin immer zum Alkohol gegriffen haben.

Am Vorabend des Unfalls habe es "wieder Meinungsverschiedenheiten" mit ihrem Ehemann gegeben, sagte sie. Am Unfalltag fuhr sie dann wie immer ihren Mann gegen 6 Uhr zur Arbeit. Danach ging sie arbeiten bis 10 Uhr. Anschließend kaufte sie ein, unter anderem eine Sechser-Packung Bier, die sie während des Kochens trank. Nach einem Telefonat mit ihrer Schwester ging sie noch einmal eine Sechser-Packung Bier kaufen und trinken. Dann, gegen 13.30 Uhr, stieg sie erneut ins Auto, um ihren Mann von der Arbeit abzuholen. Aus einem ihr nicht erinnerlichen Grund hielt sie auf einem Feldweg an und trank zwei Dosen Bier. "Wenn man Alkohol hat, denkt man nicht mehr weiter", sagte sie dazu. Aus dem Feldweg fuhr sie in die falsche Richtung, also wieder zurück. Zwei Autofahrern nahm sie dabei die Vorfahrt. Dadurch wurden die beiden Zeugen des Unfalls.

Polizist: "Es war ein schreckliches Bild"

In einer Rechtskurve auf der Landstraße zwischen Legelshurst und Urloffen kam sie mit rund 80 Stundenkilometern auf die Gegenfahrbahn und steuerte ungebremst auf den Pkw des Unfallopfers. "Es war ein schreckliches Bild", sagte ein Polizeibeamter, der als erster vor Ort war.

Während das Opfer sofort verstarb, erlitt die Unfallverursacherin zahlreiche Brüche. Mit dem Hubschrauber wurde sie in die Klinik geflogen. Dort verbrachte sie drei Wochen mit anschließender Reha."Die schlimmste Verletzung, die ich habe, ist vom Herzen her", sagte sie. Wenn sie könnte, würde sie mit dem Opfer tauschen. Nach eigenen Angaben trinkt sie seit der Tat keinen Alkohol mehr. Autofahren wolle sie auch nicht mehr, erklärte die 63-Jährige, die in früheren Jahren wiederholt unter Alkoholeinfluss am Straßenverkehr teilgenommen hat. Ihr Geständnis und ihre Reue werteten Richterin wie Staatsanwalt zu ihren Gunsten. Bei alkoholbedingter fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr wird in der Regel eine Freiheitsstrafe nicht nur Bewährung ausgesetzt – zur Abschreckung und als Generalprävention.

Gericht wie Staatsanwaltschaft wiesen jedoch darauf hin, dass die Frage nach Bewährung keine Frage der Schuld sei, sondern des "weiteren Weges" der Angeklagten. Als Auflage der dreijährigen Bewährungszeit hat die Rentnerin ihre nach der Tat aufgenommenen therapeutischen Behandlungen weiterzuführen. Neben dem Entzug des Führerscheins für zwei Jahre wurde ihr verboten, Alkohol zu trinken. Dies würde kontrolliert werden, so die Richterin. Das Urteil ist rechtskräftig.