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14. August 2009
Schon 80 Gräber freigelegt
Archäologische Grabungen in Stühlingen bringen Erkenntnisse aus der Merowinger-Zeit ans Licht.
STÜHLINGEN. Immer mehr Gräber aus der Merowinger-Zeit kommen im Gewann "Schallerei" in Stühlingen ans Tageslicht. Bereits 1951 fand man bei Straßenbauarbeiten sechs Gräber, beim Bau der Gasleitung 2007 wurden 14 weitere entdeckt. Daraufhin begannen im letzten Jahr archäologische Grabungen, die nach interessanten Funden in diesem Jahr fortgesetzt werden.
Mitarbeiter des Referats 25, Denkmalpflege, des Regierungspräsidiums Freiburg werden dabei unterstützt von etlichen ehrenamtlich arbeitenden Freiwilligen. Mittlerweile ist man bereits beim 80. Grab angelangt und – wie die wissenschaftliche Leiterin der Grabungsarbeiten, Dr. Jutta Klug-Treppe, erklärt – liegt die Vermutung nahe, dass das Gräberfeld nach Süden noch weitergeht. Vorläufig wird noch bis Ende August weiter gegraben, ob später nochmals weitergemacht wird, hängt unter anderem von den finanziellen Möglichkeiten ab.Gräber aus dem frühen Mittelalter sind wichtige Quellen, da schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit nicht existieren. Den Toten wurde ein Teil ihres Besitzes als Beigabe ins Grab gelegt. Bei Männern waren dies Waffen, bei Frauen Schmuck. Anhand dieser Beigaben kann auch die ungefähre Zeit der Bestattung erkannt werden.
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Im südlicheren Teil des Gräberfeldes handelt es sich hauptsächlich um "Steinkisten"-Gräber, die mit großen Steinplatten oder auch kleineren Steinen in Trockenmauer-Bauweise erstellt wurden. Wie Dr. Klug-Treppe anmerkte, können heute nicht mehr viele Leute Trockenmauern erstellen, die Jahrhunderte überdauern. Diese Gräber sind fast alle schon früh beraubt worden, man kann also davon ausgehen, dass sie oberirdisch gekennzeichnet waren, zum Beispiel durch einen Grabhügel. Ein Grab war noch von einem Steinkreis eingefasst, der vermutlich den Hügel begrenzte. Auch Doppelgräber sowie Gräber mit mehreren "Insassen" waren zu finden. Ab dem siebten Jahrhundert war das Christentum im alemannischen Siedlungsgebiet schon verbreitet. Christen wurde befohlen, auf die "heidnischen" Bestattungsbeigaben zu verzichten. Je weniger Beigaben in einem nicht-beraubten Grab zu finden sind, desto später kann es datiert werden. Die westlichsten Gräber des Stühlinger Gräberfelds sind demzufolge aus dem späten siebten Jahrhundert, die östlichen etwas früher.
Als Überraschung tauchten zwischen den Merowinger-Gräbern auch drei Urnengräber aus der Bronzezeit auf (1000 – 1200 vor Christus). Dies waren kleine unscheinbare Gräber mit Resten der Keramik-Urnen und Schmuck-Beigaben darunter. Eine Bronze-Fibel diente vermutlich dazu, ein grob gewebtes Übergewand zusammenzuhalten, zwei Armreife waren ebenfalls dabei. Warum ein Bestattungsplatz so viele Jahre später wieder verwendet wird, darüber können nur Vermutungen angestellt werden.
Sämtliche Skelette und Grabbeigaben werden nach Freilegung, genauer Vermessung und Dokumentation geborgen und zu weiteren Untersuchungen mitgenommen. Knochen und Zähne geben Aufschluss über Alter, Krankheiten und Ernährung. Daraus kann dann das Umfeld rekonstruiert werden. DNA-Analysen könnten auch Auskunft geben über verwandtschaftliche Beziehungen (zum Beispiel bei den Doppelgräbern), doch dafür fehlt momentan noch das Geld. Da die Grabungen sich nun schon einige Wochen hinziehen und mittlerweile auch immer mehr interessierte Bürger vorbeischauen, befürchtet Grabungsleiter Diethard Tschocke, dass auch unliebsame "Sammler" angelockt werden könnten. Zum Schutz vor modernen Grabräubern werden deshalb sämtliche Fundstücke abends vom Team mitgenommen. Nachdem im letzen Jahr bereits ein Steinsarg gehoben und nach Rastatt gebracht wurde, entdeckte man auch bei der diesjährigen Grabung einen Kindersarg, der aus einem einzigen Tuffstein gehauen wurde. Auch diese Rarität wird zur Untersuchung mitgenommen.
Das Siedlungsgebiet zu diesem Gräberfeld wird unter den Häusern von Stühlingen vermutet. Wie Dr. Klug-Treppe abschließend bemerkte, hat die Grabung in Stühlingen gezeigt: Im "Archiv im Boden" gibt es immer wieder Neues zu entdecken!
Autor: Antonia Kramer-Diem
