BZ-Interview

Artist in Residence beim Festival Heidelberger Frühling: Cellist Jean-Guihen Queyras

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Fr, 16. März 2018 um 15:11 Uhr

Klassik

Jean-Guihen Queyras ist Artist in Residence beim Festival Heidelberger Frühling, das am 17. März beginnt. Ein Gespräch mit dem Freiburger Celloprofessor.

BZ: Herr Queyras, Sie sind schon in der Vergangenheit mehrfach beim "Heidelberger Frühling" aufgetreten. Was schätzen Sie an dem Festival?
Queyras: Die Offenheit. Ich mag die vielen Brücken, die während des Festivals zwischen den musikalischen Stilen gebaut werden. Es gibt hier auch ein besonderes, sehr interessiertes Publikum, mit dem man leicht in Kontakt kommt. Und genügend Raum für das Experiment.
BZ: Müssen Sie als Artist in Residence irgendwelche Vorgaben erfüllen?
Queyras: Wir haben uns einfach im Vorfeld getroffen.
BZ: Wer ist wir?
Queyras: Intendant Thorsten Schmidt und Michael Gassmann, der Leiter des künstlerischen Betriebs, kamen vor rund zwei Jahren nach Freiburg, um sich mit mir bei einem Abendessen über zukünftige Projekte auszutauschen. Ich erfuhr beispielsweise, dass der kanadische Pianist Marc-André Hamelin 2018 beim Festival sein wird. Das passte großartig, weil ich immer schon gemeinsam mit ihm etwas machen wollte. Wir hatten sogar schon einmal ein Konzert mit der Rachmaninow-Sonate vor vielen Jahren in Kanada terminiert, das ich aber wegen Krankheit absagen muss. Jetzt spielen wir am 25. März neben der e-Moll-Sonate von Brahms und einer Eigenkomposition Hamelins auch genau diese Sonate, um das Versäumte nachzuholen.
"Die Wahl der Saiten oder des Bogens
ist nicht die Hauptsache"

BZ: Beim Eröffnungskonzert interpretieren Sie mit dem Mahler Chamber Orchestra unter François-Xavier Roth das D-Dur-Konzert von Joseph Haydn. Spielen Sie auf Darmsaiten wie bei der Aufnahme mit dem Freiburger Barockorchester?
Queyras: Nein, jetzt nehme ich schon Stahlsaiten und passe mich dem Orchester an. Die Wahl der Saiten oder des Bogens ist nicht die Hauptsache. Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine stilistisch überzeugende, feurige Interpretation entwickeln können – auch mit modernen Instrumenten. Wir haben von der historischen Aufführungspraxis gelernt, dass es Hauptnoten und Nebennoten gibt. Die Nebennoten sind bei jedem Konzert anders. Dafür gehen die Leute ins Konzert. Sie möchten hören und sehen, wie der Künstler zwischen den Hauptnoten schwingt.
BZ: Haben Sie François-Xavier Roth in Freiburg kennengelernt?
Queyras: Ja, mit dem SWR-Sinfonieorchester. Seitdem haben wir schon viel zusammen gemacht. Er gehört zu den Dirigenten, die mir am nächsten sind. Wir haben eine ganz ähnliche Laufbahn, sind sowohl mit der Alten als auch der Neuen Musik vertraut. Das Lebendige in der Musik ist uns beiden wichtiger als sterile Perfektion.
"Wir wollten Schuberts
Forellenquintett machen"

BZ: Mit der Geigerin Isabelle Faust und dem Pianisten Alexander Melnikov sind am 24. März bei einem Schubert-Programm auch ihre engsten kammermusikalischen Partner dabei. Erarbeiten Sie jetzt nach Schumann die Kammermusik von Franz Schubert?
Queyras: Nein, das wird kein so großes, konzeptionelles Projekt. Wir wollten das Forellenquintett machen. Und haben es ergänzt mit der Arpeggione-Sonate, der C-Dur-Fantasie und zwei Liedern.
BZ: Was macht ihre Kollegen aus?
Queyras: Isabelle kenne ich, seit sie 17 ist. Auch im Trio mit Sascha spielen wir schon rund 15 Jahre zusammen. Isabelle und ich haben eine ganz natürliche Verbindung, was die Bogenführung und auch die Ästhetik angeht. Sascha ändert sein Klavierspiel mit den Instrumenten; auch das ist uns Streichern vertraut. Zuhause stehen bei ihm fünf große Flügel aus verschiedenen Epochen. Sascha ist nie nur der gute Begleiter, sondern er bietet immer etwas Eigenes an, an dem man sich auch reiben kann.
BZ: Das Programm "In Thrakien" am 11. April hat mit Ihrer Kindheit zu tun.
Queyras: Die Brüder Bijan und Keyvan Chemirani, deren Eltern aus dem Iran stammen, waren meine Nachbarn in der Provence. Als ich Fünf war, zogen wir von Montreal nach Algerien, wo ich viel Kontakt hatte mit fremden Menschen und ungewöhnlichen Klängen. Mit acht Jahren kam ich dann in die Provence. Meine große Motivation, Brücken zu bauen, stammt bereits aus dieser Zeit. In dem Programm setze ich zeitgenössische Musik auf dem Cello in Beziehung zu traditionellen Klängen aus dem Mittelmeerraum. Es entsteht ein Dialog zwischen Ost und West und zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
BZ: Eine Brücke zum Tanz schlagen Sie mit Ihren Bach-Suiten in der Hebel-Halle.
Queyras: Ich wollte unbedingt mit der belgischen Tänzerin und Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker arbeiten. Sie hat in ihren Arbeiten eine ganz besondere Beziehung zur Musik. Ihre Choreographie geht an die Wurzel des Werkes. Dort pflanzt sie ihre Tanzgrammatik ein. Durch die fünf Tänzerinnen und Tänzer werden die Solosuiten für mich zu einem Kammermusikstück. Sie reagieren auf mich, ich nehme Dinge von ihnen auf. Drei Sätze werden nur getanzt – und man hört durch die Schritte den Rhythmus. Das ist faszinierend!

Der französische Cellist Jean-Guihen Queyras wurde 1967 in Montreal geboren. Seit 2011 lehrt er als Professor an der Freiburger Musikhochschule.

Heidelberger Frühling: 17. März bis 21. April 2018. http://www.heidelberger-fruehling.de