Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
27. Juni 2012
Studie
Arzneimittelreport: Risiko Tablettensucht ist bei Frauen besonders hoch
Gefahr ist besonders bei Frauen groß / Arzneimittelreport weist erhebliche Unterschiede aus.
BERLIN (dpa). Fragwürdige Verordnungen starker Medikamente machen Frauen weit häufiger süchtig als Männer. Das geht aus dem neuen Arzneimittelreport 2012 der Krankenkasse Barmer GEK hervor. Vor allem Tablettensucht sei bei Patientinnen weiter verbreitet, teilten die Autoren am Dienstag in Berlin mit. "Wir werden mit den Ärzten reden müssen", sagte der Vizechef von Deutschlands größter Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker.
Frauen erhalten laut Report zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer. Männer bekämen dafür öfter Herz-Kreislauf-Mittel. "Nur die Hälfte der Frauen, die Antidepressiva bekommen, haben auch eine entsprechende Diagnose", sagte der Autor der Studie, Gerd Glaeske. "Frauen scheinen häufiger an ihrer Psyche zu leiden, Männer an ihrem Körper", so der Bremer Gesundheitsforscher. Zumindest berichteten Patientinnen in den Praxen öfter als Männer von Lebensproblemen. "Immer da, wo Frauen eine Hilfestellung erwarten, wird in der Medizin häufig mit Arzneimitteln reagiert." Der Report basiert auf den Daten der rund 9,1 Millionen Menschen, die 2011 bei der Barmer GEK versichert waren.Werbung
Typischerweise begännen weibliche Karrieren der Medikamentensucht im Alter zwischen 45 und 50 Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus seien. "Dann werden die ersten Präparate dieser Art verordnet." Im Laufe der Jahre ließen sich viele auch gesetzlich versicherte Patientinnen die umstrittenen Mittel auf Privatrezept verordnen. So kämen bis zu 60 Prozent der fraglichen Präparate zu den Patienten. Die Ärzte würden so beim Verordnungsverhalten nicht auffällig.
Bei jüngeren Varianten von Antidepressiva wie Prozac, die auch aktivierend wirken, sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern laut Report besonders bei langer Einnahme deutlich. In rund 35 Prozent aller Fälle erhielten Frauen solche Mittel länger als ein halbes Jahr. Bei den Männern liege der Anteil nur bei gut 20 Prozent. Auch Tranquilizer bekämen Frauen im Schnitt länger. Die Gefahr einer Abhängigkeit steige hier bei einer Einnahme von zwei bis drei Monaten, warnte Glaeske. Zweidrittel der Medikamentenabhängigen seien Frauen.
Auch insgesamt lägen Frauen bei Verschreibungen vorne. Auf 100 Frauen entfielen 2011 im Schnitt 937 Verordnungen. Damit lagen sie 22,3 Prozent über den Männern mit 763 Verordnungen. Frauen würden auch häufig Betablocker gegen Migräne verschrieben, obwohl diese oft mehr Nebenwirkungen hätten.
Glaeske forderte eine Liste von Medikamenten, die Ärzte über Mittel informiert, die für Frauen riskant sind. Kassenchef Schlenker mahnte weitere Untersuchungen an. "Die klinische Forschung muss frauenspezifischer sein." Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Birgitt Bender forderte, bei der Zulassung und Prüfung von Arzneimitteln stärker auf Unterschiede bei Frauen und Männern zu achten. Auch sterben mehr Frauen an Herzinfarkten. Laut Glaeske sterben daran 32 Prozent der Männer, aber 38 Prozent der Frauen noch vor Einlieferung in eine Klinik. "Hier müssen vor allem die Allgemeinmediziner weiter fortgebildet werden." Grund sei, dass Frauen oft andere Symptome als Schmerzen in der Brust zeigten, etwa Magenbeschwerden.
Der Arzneimittelreport geht auch diesmal von Sparmöglichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe aus. Mehr neuere Mittel, die nur scheinbar besser wirken als alte, sollten durch herkömmliche Medikamente ersetzt werden.
Autor: dpa



