Militärschlag in Syrien

Assad gibt sich unbeugsam, Putin schimpft

Martin Gehlen und Stefan Scholl

Von Martin Gehlen & Stefan Scholl

Mo, 16. April 2018 um 14:20 Uhr

Ausland

In Syrien jubeln Regimeanhänger nach den Angriffen dem Diktator zu / Russlands Führung scheint vor allem erleichtert, dass ein noch größerer Militärschlag ausblieb

"Baschar, wir folgen deinen Befehlen – und wenn die Welt in Flammen aufgeht." Solche Sätze waren in der syrischen Hauptstadt Damaskus nach den Raketenangriffen der USA und ihrer Verbündeten Frankreich und Großbritannien zu vernehmen. Regimeanhänger schwenkten dazu Fahnen von Syrien, Russland und der libanesischen Hisbollah, den Verbündeten von Staatschef Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg. Andere zeigten sich erleichtert, dass die nächtlichen Angriffe der Alliierten nur 45 Minuten gedauert und keine Todesopfer gefordert hatten. "Wir sagen US-Präsident Trump: Du kannst nichts machen. Wir feiern hier, um dir zu zeigen, dass du am Ende bist", deklamierte eine Demonstrantin im Staatsfernsehen.

Das syrische Präsidialamt verbreitete am Samstag über Twitter ein kurzes Video, auf dem der Diktator demonstrativ mit Aktentasche in der Hand durch die prächtigen Marmorhallen seines Palastes schlenderte. "Diese Aggression wird Syrien und sein Volk nur noch entschlossener machen, den Kampf fortzuführen und den Terrorismus in jedem Zentimeter des Landes auszumerzen", sagte er. Zur gleichen Zeit gab das syrische Oberkommando bekannt, die Armee habe nun auch in der Stadt Duma die Kontrolle übernommen, nachdem drei Tage zuvor die letzten Rebellen der islamistischen Dschihadistengruppe von Dschaisch al-Islam mit ihren Familien nach Nordsyrien evakuiert worden waren. Die Rückeroberung von der Region Ost-Ghuta ist für den syrischen Diktator ein ähnlich spektakulärer Erfolg wie ein Jahr zuvor der Sieg über die Rebellen in Ost-Aleppo. Damit kontrolliert Assad jetzt praktisch die wichtigsten Teile des Staatsgebietes, in denen die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung lebt. Das Regime muss keinen nennenswerten militärischen Widerstand der Aufständischen mehr fürchten, die neben zwei Enklaven nahe Homs und im Südwesten rund um Daraa nur noch die Nordprovinz Idlib beherrschen.

Auch die syrisch-kurdischen Gebiete an der Grenze zur Türkei, die in den letzten Jahren eine gewisse von Damaskus geduldete Autonomie besaßen, riefen das Regime um Hilfe, seit die Türkei die Grenzenklave Afrin belagert. Parallel dazu mehren sich die Anzeichen, dass die Machthaber in Damaskus ein Nachkriegssyrien planen, in dem Millionen von Regimegegnern, die sich derzeit als Flüchtlinge außerhalb ihrer Heimat aufhalten, keinen Platz mehr haben sollen.

Bei Syriens Verbündetem Russland hagelte es am Samstag böse Worte gegen Washington, London und Paris. "Ein Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat, der sich ganz vorne befindet im Kampf gegen den Terrorismus", schimpfte der russische Präsident Wladimir Putin. "Die USA vertiefen die humanitäre Katastrophe in Syrien noch, bringen der friedlichen Bevölkerung Leiden, begünstigen im Grund die Terroristen." Außenamtssprecherin Maria Sacharowa sprach von einer "groben und unverschämten Verletzung des internationalen Rechtes." Russland beantragte eine Sondersitzung des UN–Sicherheitsrates, dort titulierte Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja den US-Präsidenten und seine Verbündeten als "internationale Rowdys".

Die Empörung des russischen Präsidenten und seiner Entourage wirkte dennoch dosiert. Scheinbar hatten Russlands Politiker und Militärs insgeheim Schlimmeres gefürchtet. Der stellvertretende Außenminister Sergei Rjabkow erklärte, Russland bleibe an einer Zusammenarbeit mit dem Westen interessiert. Einige staatliche TV-Kanäle hatten am Samstag sogar das Programm geändert. Rossija 1 strahlte direkt ein Briefing des Verteidigungsministeriums aus. Die Aussagen der Militärs, die Angriffe hätten keine russische Positionen berührt, die russische Luftabwehr sei nicht an der Abwehr der Raketen beteiligt gewesen, vermeldeten Fernseh- und Radiosender als erste Hauptnachricht. Offenbar war man erleichtert: An den Tagen davor hatten Politiker und Journalisten noch über einen möglichen Weltkrieg zwischen Russland und den USA diskutiert. Einige Medien hatten das Publikum sogar darüber informiert, wie das Leben in Luftschutzkellern vonstatten geht.

Gleichzeitig versuchte Russland lautstark, die Deutungshoheit nach den Angriffen an sich zu reißen. Währen die USA mitteilten, die syrische Luftabwehr habe keine einzige Rakete abgefangen, erklärte der russische Generalstab, von 105 abgefeuerten Flugkörpern seien 71 abgeschossen worden. Russische Staatsmedien debattierten über die Gründe für die "vernichtende Niederlage der USA", so zum Beispiel Radio NSN. Der amerikanische Mythos, allgegenwärtig dominant zu sein, sei jetzt endgültig zerfetzt worden, sagte Wladimir Jermakow, Waffenkontrollexperte des Außenministeriums.

Aber auch russischen Experten ist klar, dass eine "symmetrische Antwort" auf den Raketenangriff böse hätten enden können. Man werde zurückschießen, wenn russisches Militär bei einem vielleicht noch ausstehenden US-Angriff getroffen werde, sagt Adschar Kurtow, Chefredakteur der Zeitschrift Problemy Nazianalnoi Strategii, der Badischen Zeitung. Aber auch dann würde man zuerst versuchen, die US-Raketen zu vernichten und nach Möglichkeit vermeiden, auf Schiffe und Flugzeuge zu schießen. Trump scheint den Russen nicht geheuer zu sein, sie erwähnen jetzt eher vorsichtig diplomatische Offensiven etwa vor der UNO. "Der Informationskrieg entwickelt sich von selbst weiter", sagt Kurtow. "Aber es wird hinter den Kulissen intensive Verhandlungen geben, um einen direkten militärischen Zusammenstoß zu vermeiden."

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