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02. November 2011

Geheizt war nur die Küche

STEINALT: Der Schwabenhof oberhalb von Au.

  1. Paulina und Andreas Dahlem Foto: Michael Saurer

  2. Der Schwabenhof oberhalb von Au. Foto: Michael Saurer

  3. Der Schwabenhof in „Au bei Freiburg im Breisgau“ zierte schon eine Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert. Foto: Michael Saurer

HEXENTAL/BATZENBERG. Wenn sie reden könnten, hätten sie viel zu berichten: alte Häuser und Gemäuer. Die BZ möchte ihnen in ihrer Serie "Steinalt" eine Stimme geben und ihre Geschichten erzählen. In manchen Gemeinden ist es gelungen, das älteste Haus ausfindig zu machen, in anderen wiederum nicht. In diesen Fällen stellen wir eines der ältesten oder bedeutendsten Gebäude vor. Heute: der Schwabenhof, eines der ältesten Gebäude von Au.

Es war eine große Überraschung für den Landwirt aus Au. Entspannt saß Andreas Dahlem an einem Abend in den 90er Jahren auf einem Gartenstuhl und genoss die Abendsonne über dem Hexental, als ein Lichtstrahl plötzlich auf eine Inschrift an einem Stützpfeiler unweit des Daches seines Hofs fiel. MDCXXXIII war dort zu lesen, die römische Schreibweise des Jahres 1633. Dahlem war erstaunt, bis dahin glaubte er, dass der Schwabenhof nur um die 300 Jahre alt ist, doch die Inschrift war eindeutig, das Baujahr musste um mindestens weitere 100 Jahre nach hinten datiert werden.

Somit besitzt er eines der ältesten Häuser der kleinen Hexentäler Gemeinde. Aufgrund fehlender Dokumente ist über die Frühzeit des Hofguts aber nur wenig bekannt, auch warum er Schwabenhof heißt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Sicher scheint, dass der vordere Teil des Hauses, wo der Wohntrakt liegt, älter ist als der hintere Teil, der Wirtschaftsteil des Hofs mit der Scheune und den früheren Stallungen. Dass der Hof im 18. Jahrhundert bereits voll betrieben wurde, beweist ein kurioses Dokument aus dem Jahr 1770 aus dem Nachlass von Dahlems Großvater, das der Landwirt aufgrund der altertümlichen Handschrift aber bislang nicht lesen konnte.

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Auf Initiative der Badischen Zeitung beschäftigte sich Edmund Weeger, Archivar in Pfaffenweiler, Ebringen und Hartheims, mit dem alten Schriftstück und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Rechtsstreit um Wassernutzungsrechte auf einer Weide handelt. Offensichtlich war der damalige Besitzer des Schwabenhofs mit zwei seiner Kollegen oberhalb seines Hofs im Streit, weil er Wasser auf seine Weide leitete, das nach Meinung der beiden Kollegen nur ihnen zustehen würde.

Ein Wittnauer Amtmann beendete die Kontroverse, indem er festlegte, dass von Sonntag bis Mittwoch die eine, und von Mittwoch bis Sonntag die andere Weide über das Wasser verfügen dürfe. Ein Vergleich, wie man das heute wohl nennen würde, der in der damaligen Zeit gar nicht so ungewöhnlich war. "Es gab oft Streit um Wasser. Das war ja die elementare Lebensgrundlage der Menschen, dementsprechend hart wurde darum gekämpft", betont Weeger.

Doch nicht nur die Abhängigkeit vom Wasser machte den damaligen Landwirten zu schaffen, auch darüber hinaus waren die Lebensbedingungen auf den Höfen äußerst schwierig, insbesondere zur kalten Jahreszeit. Da die Küche das einzige beheizbare Zimmer war, verwandelte sie sich während der kalten Wintermonate oft zum Schlafzimmer für die ganze Familie. Einen Abzug für den Holzofen in der Küche gab es noch nicht, der Rauch verteilte sich deshalb durch das ganze Haus und rußte die Decken und Wände voll, was man auch heute noch an einigen Holzbalken des Schwabenhofs sehen kann.

Doch auch im Sommer waren die Lebensverhältnisse überaus beengt. Trotz der 15 Hektar Land, die zum Hof gehören, beträgt die Wohnfläche im Haus nur bescheidene 110 Quadratmeter, die nicht nur für die Familie ausreichen, sondern in der Vergangenheit auch noch den Knechten und Mägden Unterschlupf gewähren mussten. Erst um 1898, als es von einem Freiburger Rechtsanwalt gekauft wurde, wurde das Gebäude umfassend renoviert und ein Abzug für den Ofen installiert.

Im Besitz der Familie Dahlem ist der Hof erst seit 1917, als der Großvater von Andreas Dahlem, Arnold, ihn erwarb. Mit der Landwirtschaft hatte der Großvater bis dahin nichts zu tun, dafür war er als Oberstabsarzt in leitender medizinischer Funktion an wechselnden Militärstandorten in Deutschland stationiert. "Für ihn war das mehr ein Herrschaftssitz", erklärt sich Andreas Dahlem die Intentionen seines aus Westfalen stammenden Großvaters.

Vieles aus der Biographie des Großvaters liegt für Dahlem im Dunklen, manches Kapitel aus dessen Geschichte sollte wohl auch in Vergessenheit geraten. Dass er während des Zweiten Weltkriegs auf dem Hof zwei polnische Zwangsarbeiter beschäftigte, gehört da wohl dazu. Der Krieg hat auch bei Dahlems Vater Wunden hinterlassen. Der studierte Diplomingenieur arbeitete in den späten Kriegsjahren als Sicherheitsbeauftragter in einer Panzerfabrik in Linz. Warum es ihn dann nach dem Krieg auf den väterlichen Hof ins Hexental verschlug, erklärt sich Andreas Dahlem auch als Flucht vor möglichen Konsequenzen aus seiner damaligen Tätigkeit. Fest steht, dass sein Vater es trotz seiner guten Ausbildung nie mehr schaffte, in seinem früheren Beruf Fuß zu fassen und sich so mit dem Leben in der Landwirtschaft arrangieren musste.

Gerade die Anfangsjahre waren hierbei hart. Weder wusste er, wie man die Felder bestellen musste, noch hatte er Kenntnisse über den richtigen Umgang mit dem Vieh. "Er ist da schon sehr blauäugig hineingeraten, zum Glück hatten wir einen Nachbar, der uns viel geholfen hat", erklärt Dahlem die schwierige Situation, in die die Familie damals hineingeraten ist. Mit einiger Kreativität und Durchhaltevermögen schaffte es sein Vater dann aber, den Betrieb am Leben zu halten. Dennoch sei er von dem mitunter rauen Leben in der Landwirtschaft nie vollends begeistert gewesen. "Aber die Arbeit musste halt gemacht werden".

1992 übernahm Andreas Dahlem dann selbst den väterlichen Hof. Im Gegensatz zu seinen Vorfahren hatte er eine richtige landwirtschaftliche Ausbildung durchlaufen und möchte das Leben inmitten seiner Felder und zusammen mit den fünf Mutterkühen und den zehn Geißen nicht missen, was auch an der günstigen Lage des Hofs liegt. "Wenn ich wieder etwas Stadtluft brauche oder einkaufen muss, bin ich in zehn Minuten am Bertoldsbrunnen". Auch seine Frau Paulina stimmt ihm zu: "Für mich ist das hier ein Paradies, ich möchte nirgends anders leben".

Autor: Michael Saurer