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07. November 2011
"Sonst treten noch mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus"
BZ-INTERVIEW mit Pfarrer Hubert Reichardt, Christoph Ueffing und Marianne Schickl über die Pfarrversammlung im Hexental und mögliche Reformen in der Kirche.
MERZHAUSEN. Immer mehr Katholiken zweifeln am Reformwillen der katholischen Kirche. Im Februar dieses Jahres unterzeichneten 300 Theologen ein Memorandum, das bestehende Missstände anprangerte und sichtbare Reformen forderte. Um die Diskussion am Leben zu halten, organisierte der Kirchengemeinderat Hexental eine Diskussion mit den Theologie-Professoren Klaus Baumann und Magnus Striet. Michael Saurer sprach mit Pfarrer Hubert Reichardt, Christoph Ueffing, dem Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates der St. Gallusgemeinde und Marianne Schickl vom Gesamtpfarrgemeinderat Hexental über die Hintergründe dieser Aktion.
BZ: Vor kurzem fand eine Pfarrversammlung statt, auf der die Kirchengemeinde weitergehende Reformen der Struktur der katholischen Kirche gefordert hat. Wie kam es dazu?Schickl: Im Februar haben 300 Theologieprofessoren ein Memorandum unterzeichnet, in dem sehr deutliche Reformen der katholischen Kirche gefordert wurden. Das wurde dann einige Zeit sehr heiß diskutiert, aber im Sommer war das schon wieder abgeklungen. Das war wie ein Strohfeuer, plötzlich ist die Diskussion wieder verschwunden, obwohl sich ja nichts geändert hat. Wir wollten die Diskussion wieder aufnehmen und ins Bewusstsein der Menschen bringen und haben dazu mit Klaus Baumann und Magnus Striet zwei hochkarätige Experten von der Freiburger Uni eingeladen.
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Reichardt: Ich habe das Memorandum am Anfang nicht unterschrieben. Mit einigen Punkten war ich nicht einverstanden. Später habe ich aber doch unterschrieben, als ich den Eindruck gewann, dass die Bischöfe die Intention des Memorandums als dringenden Aufruf nicht verstanden haben. Die Bischöfe müssen sich einfach damit beschäftigen, da geht kein Weg daran vorbei. Deshalb haben wir mit der Pfarrversammlung einen Weg gesucht, um mit der Gemeinde und den Experten ins Gespräch zu kommen. Und es hat sich dabei ja auch gezeigt, dass die Professoren unsere Bedenken teilen.
BZ: Was fordern Sie von der Kirche?
Reichardt: Da gibt es zum Beispiel Katholiken, die seit zwei oder drei Jahrzehnten eine zweite Ehe führen, aber völlig ausgeschlossen sind vom sakramentalen Leben in der Kirche. Das ist zwar kirchenrechtlich gesehen logisch, aber seelsorgerlich ist das nicht in Ordnung.
Schickl: Das war auch bei der Diskussion ein wichtiges Thema. Es ging aber auch um die Beteiligung der Frauen an der Gemeinde.
Ueffing: Sehr viel ehrenamtliche Tätigkeit wird in der katholischen Kirche ja durch Frauen getragen, eine offizielle Anerkennung durch Ämter ist aber nicht gegeben. Das ist ein starker Kritikpunkt gewesen. Auch der Umgang mit Homosexuellen und – wie von Pfarrer Reichardt erwähnt – mit wiederverheirateten Geschiedenen wird von uns kritisiert. Wir wollten Stellung dazu beziehen, denn wenn sich da nichts ändert, treten noch mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus, und außerdem wird es bald kaum noch Pfarrer geben. Selbst die katholische Kirche rechnet damit, dass es 2030 um die 30 Prozent weniger Pfarrer gibt. Das führt zur Gründung von solchen XXL-Gemeinden, wie wir sie bald überall haben.
BZ: XXL-Gemeinden?
Ueffing: So werden sie im Memorandum genannt. Immer mehr Gemeinden und Seelsorgeeinheiten werden zusammengelegt, weil es keinen Pfarrer mehr gibt. Jetzt haben wir einen Pfarrer für 4500 Katholiken in der Seelsorgeeinheit Hexental, ab 2015 haben wir einen Pfarrer für ungefähr 11500. Dann werden wir mit St. Georgen und Vauban zusammengelegt.
Reichardt: Wir wissen aber noch keine Einzelheiten; auch ob ich dann Pfarrer in den Gemeinden bleiben werde, weiß ich noch nicht. Es wird so geplant, dass diese großen Kirchengemeinden bis 2030 mit einem Priester auskommen müssten. Diese Planung basiert auf Hochrechnungen, wie sich die Zahl der Priester bis 2030 entwickeln wird.
BZ: Die Seelsorgeeinheit Hexental als ein Zusammenschluss von vier Gemeinden gibt es schon seit rund zehn Jahren. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Reichardt: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einiges geschaffen. Da ist viel gewachsen zwischen den vier Orten. Wir haben hier aber auch den Vorteil, dass wir nahe an Freiburg sind und deshalb noch relativ viele Priester haben. Außer mir gibt es bei uns noch drei weitere Priester, die mich vertreten können. Aber wenn Sie mal aufs Land schauen, also Regionen wie das Wiesental, den Hotzenwald und so weiter, die haben diese Möglichkeit nicht. Einige versuchen es mit ausländischen Pfarrern aus Indien oder Polen, aber da findet oftmals ein Kulturschock statt. Ökumenische Arbeit, Säkularisierung gibt es in deren Heimatländern so oft nicht. Und oft ist auch die Sprachbarriere ziemlich groß.
BZ: Wie wollen Sie sich auch in Zukunft Gehör verschaffen?
Reichardt: Ich bin ja auf der sogenannten Freiburger Liste der Pfarrer, die sich dem Memorandum angeschlossen haben. Wir sind in Kontakt mit dem Erzbischof. Er weiß, dass wir keine Nörgler oder Rebellen sind, sondern uns ernsthafte Sorgen machen. Wir kommen ja aus der Praxis und bekommen die Nöte täglich mit. Wir wollen nun einige Zeit gut hinschauen und Argumente sammeln, danach müssen aber Entscheidungen kommen. Das weiß auch der Erzbischof.
Ueffing: Jeder gläubige Katholik muss sich jetzt fragen, ob nur warten und nichts tun zu einer Verbesserung führt. Wir haben uns dafür entschieden, etwas machen zu wollen. Wir sind mit anderen Gemeinden in Kontakt und sind eigentlich zuversichtlich, dass sich etwas ändern wird. Eine weitere Pfarrversammlung ist auch geplant, sobald wir nähere Informationen zur Zusammenlegung der Seelsorgeeinheiten haben.
Schickl: Ich nehme auch an, dass sich etwas ändert. Wir müssen einfach die Diskussion am Leben halten und dürfen nicht locker lassen. Die Pfarrversammlung war da nur der Anfang.
Autor: msr
