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18. März 2017

München

Auf dem Grundstück eines Hauses lagern Tonnen an Weltkriegsmunition

Im Garten eines Münchner Wohnhauses werden zehn Tonnen Weltkriegsmunition gefunden – für die Hausbesitzerin eine Katastrophe, auch wenn bisher nichts passiert ist.

  1. Ausgegraben: eine Munitionskiste mit Mörserpatronen Foto: dpa

  2. Sie soll die Räumung in ihrem Garten selbst bezahlen: Melitta Meinberger Foto: Guyton

Zustandsstörer. Es ist dieses Wort, das Melitta Meinberger trifft. Die 72 Jahre alte Münchnerin will das aber nicht zeigen, als sie am Dienstag auf dem langen Balkon im ersten Stock ihres Hauses steht und auf das erdige Etwas hinunterschaut, das vor wenigen Tagen noch ihr Garten war. "Zustandsstörer", sagt die Frau – lang, gedehnt, süffisant. "Das soll ich sein." So hat es ihr die Stadt München mitgeteilt.

Der friedliche Zustand in der Nachbarschaft um den Zwergackerweg 3 im Münchner Norden wird durch Melitta Meinbergers Garten gestört. Genauer gesagt durch das, was darin vor langer Zeit vergraben wurde: zehn Tonnen alte Munition, so schätzt es Heinrich Scho von der Sprengtechnik-Firma H.B.S., Patronen und Granaten, Panzerfäuste und Sprengstoff. Am Donnerstag wird während der laufenden Räumung auch noch hochexplosiver Phosphor gefunden.

Die Sachen stammen aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch erst vor knapp zwei Wochen wurde klar, wie groß die Menge ist. Die Menschen in der beschaulichen Nachkriegssiedlung im Stadtteil Freimann haben jahrzehntelang buchstäblich auf einem Pulverfass gelebt.

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Zehn Tonnen. Ein VW Golf, Lieblingsauto der Deutschen, wiegt um die 1,4 Tonnen. Im Garten von Frau Meinberger ist explosiver Schrott mit dem Gewicht von sieben VW Golf vergraben. Sie sagt trocken: "Zum Lachen ist mir nicht." Vor allem droht ihr, dass sie einen Großteil der Räumungskosten von geschätzten 200 000 Euro selbst bezahlen muss.

Zuerst war ein Gebiet im Umkreis von 50 Metern um das Haus von Frau Meinberger tagsüber gesperrt. Auf Anordnung des Kreisverwaltungsreferats (KVR) durfte sich in acht Häusern um den Zwergackerweg von morgens um acht bis nachmittags um 16 Uhr niemand aufhalten. Am Freitag hat sich die Lage wegen des Phosphors noch einmal drastisch zugespitzt. Die Gefahr, dass sich "Sprengmittel selbst entzünden", sei höher als bisher angenommen, so das KVR. Bis acht Uhr am Freitagmorgen werden alle Gebäude in einem Radius von 100 Metern evakuiert, zunächst für zehn Tage. Betroffen sind rund 200 Bewohner von 100 Häusern. Die Stadt mietet Hotelzimmer für sie und richtet eine Infostelle ein.

Polizisten stehen am Dienstag da und verwehren den Zutritt, rot-weiße Absperrbänder sind angebracht. Die Sprengstoffentschärfer sind am Werk, ihr blaues Auto trägt die Aufschrift "Kampfmittelbeseitigung". Ein Krankenwagen wird auch bereitgehalten. Mühsam und vorsichtig wühlen sich die Mitarbeiter des Sprengtechnikers Scho im Garten durch die Erde und holen Stück für Stück der Kriegshinterlassenschaft heraus. 40 Werktage sind dafür vorgesehen, erst am 9. Mai wäre man damit fertig.

Mit Beginn der Räumungsarbeiten füllten sich die Straßenzüge in der Nachbarschaft mit Fernsehteams. Zwar wird immer wieder irgendwo Kriegsmunition gefunden, müssen Bomben entschärft worden. Aber zehn Tonnen? Der Fall erscheint einzigartig. Vorübergehend wird Melitta Meinberger zur öffentlichen Person, die in ihrem Bayerisch sagt: "Mein Gott, werd’ ich berühmt." Ihre Ironie ist auch eine Methode des Selbstschutzes.

Als sie zu Fuß um die Ecke zu ihrem Haus kommt, warten die Reporter schon. "Frau Meinberger, bitte ein paar ganz kurze Fragen", rufen sie. Sie spricht in die Kameras: "Ich war erst einmal sprachlos. Ich bin sehr verärgert und enttäuscht." Laut Gesetz trägt der Grundstücksbesitzer die Kosten einer solchen Räumung. "Man kann nur hoffen, dass man keine Bombe im Garten hat", sagt eine Fernsehreporterin zum Abschluss ihres Beitrags.

Die Angelegenheit hat eine längere Vorgeschichte. Als vor knapp fünf Jahren das Nachbargrundstück mit einem schmucken Doppelhaus neu bebaut wurde, entdeckte man Munition in der Erde. Und einen Teil einer unterirdischen Betonwanne, die sich später als ziemlich groß erweist. "Mir war klar", erinnert sich Melitta Meinberger, "dass bei mir auch was von der Wanne und wohl auch Sprengstoff ist." Wie viel, wusste niemand.

Von ihrem Balkon schaut sie auf das, was mal ihr Garten war. Die Hecke ist weg, die Beete, der Gemüsegarten, der Rasen, die Holzhütte. "An Ostern mag ich es ja eigentlich bunt", sagt sie. Stattdessen steht ein kleiner Bagger in der braunen Masse. Am östlichen Teil des Gartens haben die Kampfmittelbeseitiger angefangen, und deutlich ist dort schon der freigelegte Beginn des Beckens zu sehen. Es sei einmal ein "betoniertes Löschwasserbassin" gewesen, teilt das KVR mit. Die Größe ist nun auch bekannt. "25 Meter lang, 15 Meter breit, bis zu sechs Meter tief", sagt Frau Meinberger.

Wie kommt die ganze Munition in dieses Riesending? "Freimann war ein absolutes Militärgebiet", berichtet Brigitte Fingerle-Trischler vom Kulturzentrum Mohrvilla, wo man sich der Erforschung der Lokalgeschichte widmet. Eine SS-Kaserne war dort und auch die große Bayernkaserne, in der heute Flüchtlinge untergebracht sind. Fingerle-Trischler vermutet, dass am Kriegsende viele Soldaten ihre Waffen und Munition "schnell weggeworfen haben" – in den Löschteich. Auch gab es in Freimann seit 1870 einen Armee-Schießplatz, der erst in den 1970er-Jahren von der Bundeswehr aufgegeben worden war.

Die Frau aus Freimann beschreibt die Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit: "Hier hat man zunächst mit Hütten und alten Eisenbahnwaggons Wohnraum geschaffen. Das ging wild zu, es waren Schwarzbauten, sie wurden geduldet und dann legalisiert." Beim Aufräumen hätten die Menschen das überall herumliegende Kriegsmaterial in die Grube geworfen. Mehrfach sind in dieser Zeit auch Kinder beim Spielen durch Explosionen ums Leben gekommen.

Melitta Meinberger sagt, dass sie immer bereit gewesen sei zur Munitionsräumung. Allerdings wollte sie durchsetzen, dass die Stadt die Kosten übernimmt. "Dieses Becken ist in keinem Lageplan verzeichnet", argumentiert sie. 1950 haben ihre Eltern das Haus von der Bayerischen Landessiedlung gepachtet und 1960 gekauft. Das ist eine Gesellschaft, die ehemals im Besitz des Freistaats war und den Wohnungsbau fördern sollte. "Der Boden wurde für Wohnzwecke genehmigt", sagt die Hausbesitzerin. Von der Munition wusste wohl niemand etwas. Jahrelang prozessierte sie gegen die Stadt, doch sie bekam nicht Recht.

Das KVR brachte den Begriff des "Zustandsstörers" ins Spiel. Zustandsstörer ist, wer "für die Beeinträchtigung des betreffenden Zustands verantwortlich zu machen" ist. Er könne "zur Beseitigung der von ihnen verursachten Gefahren in Anspruch genommen werden". Schon im April 2013 wurde Melitta Meinberger der Bescheid auferlegt, teilt das KVR auf Anfrage der Badischen Zeitung mit, "die Entmunitionierung des Grundstücks durch eine Fachfirma durchführen zu lassen".

An diesem Dienstagabend fährt Melitta Meinbergers Schwiegersohn mit dem Auto vor. Er wohnt mit Frau und den zwei kleinen Kindern im Erdgeschoss. Der Schwiegersohn hat eine FC-Bayern-Jacke an, trägt einen Kasten Weißbier rein, sagt kurz "Servus" und macht dann gleich die Türe zu. Währenddessen führt Frau Meinberger in ihre Wohnung im ersten Stock und zeigt den Garten.

Die Tochter steht in der Tür: "Mama, jetzt hörst du auf und kommst runter." Es wird ihnen alles etwas zu viel gerade.

HINTERGRUND: Info

Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg

Immer wieder werden in Deutschland Bomben und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Eine Auswahl:



» Freiburg

In Baden-Württemberg beseitigte der Räumdienst im Jahr 2016 rund 102 Tonnen an Kampfmitteln, darunter auch 19 Bomben mit mehr als 50 Kilo Gewicht. In Freiburg müssen im März 2016 3500 Menschen im Stadtteil Stühlinger ihre Häuser verlassen, der Hauptbahnhof wird gesperrt, als ein Blindgänger entschärft wird. Im Februar 2016 wird im Klinikviertel eine Fliegerbombe entschärft. 1600 Menschen werden in Sicherheit gebracht.

» Gundelfingen

Unter der Bundesstraße 3 wird eine 500-Kilo-Fliegerbombe entdeckt. 2300 Gundelfinger müssen im August 2015 ihre Häuser während der Entschärfung verlassen.

» Köln

20 000 Menschen müssen ihre Häuser verlassen, als im Mai 2015 am Rheinufer ein 20 Zentner schwerer Blindgänger gefunden wird.

» Hannover

Auf einem ehemaligen Schulgelände wird im Mai 2015 eine 250-Kilo-Bombe entdeckt. Mehr als 70 Jahre lang lag sie unentdeckt unter dem zuletzt von Gymnasiasten und der Volkshochschule genutzten Gelände. Das Viertel wird für die Entschärfung evakuiert.

» München

Sprengmeister lassen im August 2012 eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe im Viertel Schwabing gezielt explodieren. Die Detonation ist kilometerweit zu hören. Es entstehen massive Schäden an Gebäuden.

» Göttingen

Beim Versuch, einen Blindgänger, eine Zehn-Zentner-Bombe, auf einem Baugelände zu entschärfen, sterben im Juni 2010 drei Menschen, sechs werden verletzt.

» Aschaffenburg

Ein Bauarbeiter stößt mit einer Fräsmaschine im Oktober 2006 bei Arbeiten auf einer Autobahn auf einen Blindgänger, der explodiert und tötet den 46-Jährigen.  

Autor: BZ

Autor: Patrick Guyton