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26. November 2016 12:44 Uhr

Regionalgeschichte

Auf den Spuren der Bombennacht 1944 in Freiburg

Entkräftet, verschüttet, verbrannt: Betagte Freiburger kämpften während des Bombenangriffs am 27. November 1944 ums Überleben. Der Tod war an diesem Tag vor 72 Jahren nicht wählerisch.

  1. Zeichen der Hoffnung: das fast unbeschädigte Münster Foto: Archiv Hans-Jürgen Öhler

Der Bombenangriff vor 72 Jahren traf alle, die sich in der Stadt aufhielten – Arme und Reiche, Alte und Junge, Zivilisten und Soldaten, Zwangsarbeiter und Hausfrauen. Der Tod war an diesem Tag nicht wählerisch. Er ließ die Lungen von Säuglingen durch den Druck der Luftminen platzen, erstickte die in den Tiefkellern der Altstadt kauernden Familien, zerriss die vor den Flammen Flüchtenden. Er raste in Gestalt des Feuers die engen Holzstiegen der Häuser hinauf, um auch noch die gelähmt im Bett Liegenden zu holen – und ließ die Überlebenden in einer mit Ruinen und Leichen übersäten Stadt fassungslos zurück.

Am verhängnisvollen 27. November 1944 befand sich Elisabeth Wölfle in der Chirurgischen Privatklinik Rehm nahe der Uni-Klinik. Die 70-Jährige bekam öfter Besuch von ihrem Enkel Wolfgang Ziefle. Dessen Mutter und seine Cousine suchten nach der Zerstörung das Zimmer in den Trümmern. "Wie mir meine Mutter später erklärte, war Oma durch die Hitze total eingeschrumpft." In einem Wäschekorb haben sie den Leichnam auf den nahe gelegenen Hauptfriedhof gebracht. Dort wurde sie im Grab ihre Mannes und nicht im Massengrab vor der Einsegnungshalle beigesetzt.

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Doppelkeller konnten vom rettenden Asyl zur Todesfalle werden

Schwer machten es den Altstadtbewohnern auch die vielen Doppelkeller im Viertel. Zunächst als rettendes Asyl angesehen, konnten sie jedoch bei zu langem Verweilen zur Todesfalle werden. Der Zeitzeuge Manfred Meier berichtet von einer 80-jährigen, sehr korpulenten Frau aus einem Haus an der Weberstraße, die es kaum schaffte, vom unteren in den oberen Keller zu gelangen – geschweige denn auf die Straße. Während sich die übrigen Bewohner in Sicherheit brachten, blieb sie aufgrund ihrer Leibesfülle in der Öffnung stecken.

Nachdem ein im gleichen Haus wohnender Verwandter ihr schon in den oberen Keller geholfen hatte, rief er nun laut um Hilfe. Unterstützung kam von zwei Soldaten, die sich zwar weigerten, in die Tiefe zu steigen, aber von außen an der fast 80-jährigen Frau zerrten. Der Verwandte schob von unten nach – vergeblich. Eine Zeitzünderbombe brachte schließlich das Haus zum Einsturz und begrub die ältere Dame mitsamt dem selbstlosen Helfer unter sich. Dass ihre Leichen erst 1946 und 1948 geborgen werden konnten, beleuchtet die chaotischen Zustände in der Nachkriegszeit.

Einen traurigen Rekord jedoch halten zwei betagte Frauen, die in der Colombistraße umgekommen waren und erst am 12. Mai 1955 geborgen werden konnten. Mehrere Beobachter erinnern sich, dass auf dem Balkon des Hauses Eisenstraße 2 bis 4 ein älteres Geschwisterpaar stand. Unten auf der Straße hatte die Feuerwehr ein Sprungtuch ausgebreitet. Es war den beiden rund 75-jährigen jedoch nicht möglich, das Balkongeländer zu übersteigen. Das Feuer kam derweil von hinten; die Flucht durchs Treppenhaus war nicht mehr möglich und beide verbrannten.

In Einzelfällen verlieh die Not übermenschliche Kräfte

In Einzelfällen verlieh die Not übermenschliche Kräfte. So gelang es einem alten Mann nicht nur, seine gelähmte Frau aus einem Keller in der heutigen Kaiser-Joseph-Straße zu befreien, sondern sie auch noch auf dem Rücken in die Wiehre zu tragen.

Viele Seniorinnen und Senioren hatten aber keine Kraft mehr und wollten sich aufgeben. Anton Müller schreibt im Buch "Freiburg in Trümmern" über seine damals 75-jährige Mutter: "Der alten, beinkranken Mutter machte die Ersteigung des Quaderhaufens schon große Schwierigkeiten." Nachdem es endlich gelungen war, sie durch eine Lücke in den Trümmern zu ziehen, bat sie flehentlich: "Lasst mich nur liegen, gebt Euch keine Mühe mit mir!" Mit Hilfe der Angehörigen konnte sie gerettet werden.

Etwa 300 alte Menschen wurden nach dem Angriff in der Gewerbeschule an der Kirchstraße versammelt und auf 42 auswärtige Heime verteilt, gar bis nach Westfalen. 1961 machte sich ein Journalist auf die Reise, um mit noch immer ausquartierten Freiburgern zu sprechen, weil "die Stimmen der in der Ferne Wartenden immer wieder zu uns dringen und wir ihnen keine Antwort geben können". Eine solche Stimme, eine "leise, verlöschende Stimme" fand er in einem Sechsbettzimmer in Hüfingen, wo eine Frau sehnlich auf den Tod wartete. Sie vertraute ihm an: "Ich möchte immer sterben und kann nicht – grüßen Sie Freiburg!"

Freiburg in Trümmern: zweistündige Führung des Vereins Vistatour am Sonntag, 27. November, mit Carola Schark auf den Spuren des Bombenangriffs. Treffpunkt um 15 Uhr am Münsterladen, Herrenstraße 30, Kosten: 10 Euro

Die Bombennacht

Am 27. November 1944 wurde Freiburg abends von der Royal Air Force bombardiert – ein militärischer Schlag nach den völkerrechtswidrigen Angriffen des nationalsozialistischen Regimes auf andere Länder. Der 23-minütige Angriff forderte fast 2800 Tote und rund 10 000 Verletzte. 5700 Wohnungen waren zerstört und weitere 14 000 beschädigt. Fast 90 Prozent der Altstadt waren vernichtet oder zumindest schwer getroffen. Die Wasserversorgung war gestört, Telefonverbindungen gekappt und die Eisenbahnlinien unterbrochen. Viele Straßen waren durch meterhohen Schutt blockiert, so dass kaum ein Durchkommen war. 400 bis 600 Menschen wurden nie geborgen. Besonders schwere Zerstörungen gab es auch in den Stadtteilen Neuburg, Betzenhausen, Mooswald und Stühlinger.

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Autor: Carola Schark