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21. Juni 2012

Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn

DRAMA:Die heiter-berührende Pilgergeschichte "Dein Weg" von Emilio Estevez – mit seinem Vater Martin Sheen in der Hauptrolle.

  1. Der Weg ist das Ziel: Martin Sheen als Jakobspilger Foto: Koch Media

Ach Gott, der Jakobsweg! Ist der berühmteste Pilgerweg der Welt nicht dermaßen ausgelatscht, dass man angesichts eines Films namens "Dein Weg" reflexartig den Titel von Hape Kerkelings Bestseller zitieren möchte: Ich bin dann mal weg.

Aber es wäre zu schade, würde man wegbleiben von diesem Film: Er ist amüsant und köstlich, tröstlich und berührend, unprätentiös und sehr persönlich. Falsches Pathos kennt er gar nicht, und wenn er gegen Ende der ruhigen, aber kurzweiligen zwei Stunden doch mal ins Gefühlige abdriftet, dann eher auf der Tonspur (Musik: Tyler Bates) als über die Bilder. Die schwelgen auf zurückgenommene Weise: Kameramann Juan Miguel Azpiros zeigt die magische Schönheit der nordspanischen Landschaft nicht in auftrumpfender Hochglanzästhetik, sondern in grobkörniger Schlichtheit – rau, unspektakulär und wie privat. Eine Stimmung, die der gesamte Film atmet.

Es geht um einen Mann Ende 60, verwitwet, erfolgreich als Augenarzt in Kalifornien und Freizeitgolfer, weniger erfolgreich als Vater eines längst erwachsenen Sohnes: Daniel hat sich seit dem Tod der Mutter von ihm entfremdet, die Promotion geschmissen und die Abenteuer der Welt gesucht. Zuletzt in Frankreich. Von dort erreicht Tom (Martin Sheen) eines Tages beim Golfen ein lakonischer Anruf: Daniel ist tot, ums Leben gekommen bei einem Unwetter in den Pyrenäen.

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Tom fliegt nach Europa, erfährt, dass der Sohn auf dem Camino Francés war – und macht sich, Daniels Rucksack auf den Schultern und im Gepäck seine Asche, selbst auf den Weg. Allein zunächst, skeptisch, verschlossen, verkarstet, bald aber mit drei skurrilen Gefährten, die er einfach nicht abschütteln kann: einem übergewichtigen Niederländer (Yorick van Wageningen), einer kettenrauchenden Kanadierin (Deborah Kara Unger) und einem großtönenden Reiseschriftsteller aus Irland (James Nesbitt). Klar sind das eher Typen als Charaktere, aber wir sehen sie ja auch mit Toms Augen, der den Schmerz pflegt, seine Trauer und Einsamkeit.

Martin Sheen ist der Glücksfall in einer insgesamt gelungenen Besetzung – für diesen Tom hätte der US-Schauspieler, der seit "Badlands" (1973) und "Apocalypse Now" (1979) zu den Großen seiner Zunft gehört, endlich die erste Oscar-Nominierung verdient. Seine ungeheure Authentizität in der Rolle des Tom hängt natürlich auch damit zusammen, dass er da ein Stück Familiengeschichte spielt: Der gläubige Katholik spanisch-irischer Abstammung hegte lange den Traum, den Jakobsweg zu wandern; und das Filmprojekt geht auf seine Initiative zurück. Mit dem eigenen Sohn als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent: Emilio Estevez.

Emilio Estevez verkörpert auch den Daniel selbst, in Rückblenden und imaginierten Begegnungen auf dem Camino. Daniel ist immer präsent, wie seine Asche, die Tom am Wegesrand streut und zuletzt an der galizischen Küste ins Meer. Einmal fällt Tom der Rucksack samt Urne in einen Fluss, und wie er ihn birgt, verzweifelt wie ein Vater sein ertrinkendes Kind, das ist gleichermaßen ergreifend gespielt wie behutsam inszeniert. Am Ende, wenn in der Kathedrale von Santiago de Compostela das imposante Weihrauchfass schwingt, wird Tom nicht nur den verlorenen Sohn gefunden haben, sondern auch das, wonach der gesucht hat. Der Weg ist das Ziel.
– "Dein Weg" (Regie: Emilio Estevez) läuft in Freiburg in der Harmonie.

Autor: Gabriele Schoder