Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

28. Januar 2009

Auffallen, anecken und anstiften

Leute in der Stadt: Bundesverdienstkreuz für Sissi Walther

1980, Freiburg ist im Häuserkampf, die Bevölkerung zwischen Aufgebrachtsein und Aufgerütteltsein. Letzteres gilt auch für Sissi Walther. Im irritierten Freiburg-Idyll suchen Bürgerliche und Nonkonformisten nach Positionen, schreiben Leserbriefe, verteilen Flugblätter. Die nonkonforme Bürgerliche Sissi Walther tut Konkretes und gründet mit Freunden eine Bürgengruppe. Für eine beachtliche Liste solch sinnigen Tuns über Jahrzehnte hinweg wurde sie nun mit einer großen Auszeichnung geehrt: Staatssekretär Gundolf Fleischer verlieh ihr das Bundesverdienstkreuz.

Die 65-jährige Freiburgerin Sissi Walther ist durch und durch eine Frau der Tat – und zwar der treuen Tat, denn ihre Hilfe ist nicht der publikumswirksame Einmaleinsatz, sondern beharrliches Engagement: Flüchtlingsbetreuung, Obdachlosenhilfe, Hospizarbeit, der große Einsatz für die Gedenkstätte jüdischer Holocaustopfer im französischen Gurs, ihre Arbeit als Repräsentantin des jüdischen Nationalfonds und ihr enormer Beitrag zu den 10 000 Bäumen im Freiburger Erinnerungswald im Negev in Israel, Erinnerungstafeln und Beiträge für die jüdische Gemeinde in Freiburg. "Selbstverständlich " ist es für Sissi Walther immer, finanziell großzügig Unterstützung zu leisten. Ungewöhnlich ist – für Außenstehende – ihr beherzter, physischer Einsatz vor Ort.

Werbung


Diese Frau ohne Berührungsängste ging im Winter auf den Stühlinger Kirchplatz mit Decken und heißem Tee. Sie versorgte albanische Flüchtlinge, beherbergte in ihrem Haus Wohnungslose, legte gemeinsam mit Jugendlichen Hand an, als das Gefangenenlager Gurs zur Gedenkstätte gestaltet wurde – und große Teile ihres Vermögens gingen in dieses Projekt.

Oberbürgermeister Dieter Salomon nennt Sissi Walther anerkennend "einen Markennamen, eine Institution in Freiburg". Und tatsächlich ist die Ganter-Erbin, einst Erstklässlerin in der Maria-Hilf-Schule, später Schülerin am Goethe-Gymnasium, in Freiburg eine Persönlichkeit von seltenem Format. Kaum eine tritt gekonnter und spektakulärer auf als die eigenwillige Frau – über Jahrzehnte hin mit langem üppigem weißblonden Zopf, seit einiger Zeit mit knalligem Rotschopf. Riesenhüte, schwindelerregende Absätze, eine treffsichere Farbigkeit: Sissi Walther fällt auf. Das ist nicht etwa selbstverliebt eitel. Wohl aber ist es Absicht – Sissi Walther will wahrgenommen werden mit ihren sozialen Anliegen.

In ihrem "Politischen Salon" in der Erwinstraße hatte in den 80ern das unkonventionelle Querdenken in Freiburg seinen prominenten Platz. Dort fand sich auch besagte Bürgengruppe, die 1980 – konkrete Hilfe! – mit 100 000 Mark dafür einstand, dass die Zwischenwohner im einstigen Marienkrankenhaus – geräumte Hausbesetzer aus dem Schwarzwaldhof-Gebäudekomplex – zum Baubeginn ausziehen würden. Und sie zogen aus.

Die politische Dimension ihrer diversen Einsätze liegt ihr am Herzen – sie wagt sich vor, will anstiften, und nimmt oft genug in Kauf, damit auch anzuecken. Dabei hat sie sich über die Jahre auch regelrecht verzehrt, befürchtet Gernot Erler. Der sieht in der Würdigung für die außergewöhnliche Freiburgerin "den klassischen Fall einer sinnvollen Ehrung". Einer, die für wahrhaft ehrenamtliches Engagement verliehen werde. Zur großen Freude übrigens auch für Eli Kligler, der seit sechs Jahren mit Sissi Walther verheiratet ist – und der den Festakt zur Verdienstkreuzverleihung mit einer spontanen Liebeserklärung toppte.

Autor: Julia Littmann