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15. Februar 2016 16:44 Uhr

Rheintalbahn

Auggener Pfarrer ermutigt zum Widerstand gegen Bahnpläne

In Auggen und Müllheim will man sich mit den Plänen zum Ausbau der Rheintalbahn nicht abfinden. Der evangelische Pfarrer von Auggen hat dem Widerstand jetzt den Rücken gestärkt – mit einem besonderen Gottesdienst.

  1. In Auggen werben gelb-rote Banner für die Tieflage der Rheintalbahn. Foto: Beatrice Ehrlich

Kirche, politische Gemeinde und engagierte Bürger Hand in Hand – schon von weitem waren am Sonntag die großen Stoffbahnen in Gelb und Rot mit der Aufschrift "Tieflage" im Ort und an der oberhalb des Dorfes gelegenen Kreuzkirche zu sehen. Mit einer Predigt, in der er den öffentlichen Protest als Weg demokratischer Meinungsäußerung lobte und den Einsatz für das Wohl der Stadt theologisch begründete, hat Pfarrer Gernot Schulze-Wegener von der evangelischen Kirchengemeinde den Auggenern im Hinblick auf die Demonstration in Stuttgart am Dienstag den Rücken gestärkt.

"Kirche ist immer politisch, meistens unsichtbar und manchmal sichtbar mit einem Banner an der Kirche." Pfarrer Schulze-Wegener
Mit 4000 Unterschriften im Gepäck ziehen Vertreter der "Besten Lösung" durch die Landeshauptstadt, um dort mit Nachdruck für ihr Anliegen – eine Nachbesserung der Ausbaupläne der Bahn auf dem Streckenabschnitt Hügelheim, Müllheim, Auggen – zu werben. "Kirche ist immer politisch, meistens unsichtbar und manchmal sichtbar mit einem Banner an der Kirche", ruft Schulze-Wegener den Gottesdienstbesuchern in Erinnerung. Am Menschen, nicht am Profit sollten sich politische Entscheidungen orientieren. Die gut besuchte Kirche zeigte, dass dieser besondere Gottesdienst bei vielen Menschen, auch aus umliegenden Orten, auf Interesse gestoßen ist.

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Wie ein Marathonläufer, der kurz vor dem Ziel aufgibt – so müsse man sich fühlen, wenn man die Dinge so stehen lasse wie sie jetzt sind, so der Pfarrer. Ganz konkret gehe es um 56 Millionen Euro, die noch aufzutreiben seien. Auch er habe den Enthusiasmus, mit dem (fast) allerorten der Bundestagsbeschluss zum Ausbau der Rheintalbahn aufgenommen wurde, nicht teilen können. Es sei nötig, jetzt die Stimme zu erheben, allein schon, um eine Antwort geben zu können, wenn später Kinder und Enkel fragten, was denn das mit den hohen Mauern solle. "Findet Euch nicht ab, schaut nicht zurück, sondern öffnet den Blick für die Gegenwart". Dabei gehe es nicht um Widerstand aus Prinzip, sondern aus Liebe zu den Menschen und zur Heimat.

Beifall am Ende der Predigt

Mit einer Aufforderung des Prophet Jeremia – "ein Klassiker unter den politischen Texten den Alten Testaments" – an die Israeliten im babylonischen Exil begründet der Pfarrer seinen Aufruf zur öffentlichen Einmischung: "Baut Häuser ..., pflanzt Gärten..., suchet der Stadt Bestes", heißt es dort im 29. Kapitel. Diese Botschaft sei hochaktuell, selbst wenn die Lage der Asylanten in Babylon sicher eine andere gewesen sei als die der Auggener heute. "Engagiert Euch in der Stadt, in der ihr jetzt lebt!" – "Lasst Euch nicht entmutigen!" – "Habt Vertrauen, in das, was Ihr wollt, was Ihr plant!" so legt der Pfarrer die Worte Jeremias heute aus. "Wenn es der Kommune gut geht, geht es auch Euch gut", schlug er weiter den Bogen in die heutige Zeit. Nur wer Veränderung für möglich halte, werde sie finden und zu guter Letzt: "Wir sind auf dem Protestweg nicht allein".

Außergewöhnlich wie die Predigt war auch der große Beifall an ihrem Ende. Und der Pfarrer kündigte schon die nächste "politische" Veranstaltung in der Auggener Kreuzkirche an: ein Benefiz-Konzert mit dem Markgräfler Kammerensemble zugunsten der Flüchtlinge in Auggen am kommenden Sonntag um 17 Uhr.

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Autor: Beatrice Ehrlich