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31. Dezember 2016

Tieflage ist in weite Ferne gerückt

DAS THEMA 2016 IN AUGGEN: Das Winzerdorf kämpfte – doch nun bröckelt die Front beim alternativen Ausbau der Rheintalbahn.

  1. Der geplante Ausbau der Rheintalbahn war auch 2016 – und auch in Auggen – ein heißes Thema. Foto: Alexander Huber

AUGGEN. Die bessere Lösung war das Ziel: Zusammen mit Hügelheimern und Müllheimern hat sich Auggen auch im Jahr 2016 mit Nachdruck für einen alternativen Ausbau der Rheintalbahn – die Tieflage – stark gemacht. Doch die ist inzwischen so gut wie vom Tisch.

Tieflage statt Lärmschutzwände – diese Forderung haben die Aktivisten für jenen alternativen Ausbau der Rheintalbahn mit Gesang, Pauken und Trompeten bis vor den Stuttgarter Landtag getragen. Die Gemeinde Auggen investierte viel Geld, die Bürger Zeit, eine Dorfgemeinschaft ist zusammengewachsen. Mahnfeuer oder Montagsgebet: Selten haben Landwirte, Gemeinde und Kirche so öffentlichkeitswirksam an einem Strang gezogen wie in Auggen. Eine Erfolgsgeschichte, sollte man meinen, ein Paradebeispiel für bürgerschaftliches Engagement über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Doch allen öffentlichen Aktionen, Resolutionen und Tieflage-Bannern an prominenter Stelle zum Trotz: Eine Verlegung des Güterverkehrs in Tieflage, wie sie sich die Auggener wünschen, ist mittlerweile so gut wie vom Tisch.

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Noch hängen zwar die gelb-roten Tieflage-Banner in Auggen und in Müllheim am Ortseingang, doch die Front ihrer Verteidiger bröckelt: Weder Auggens Bürgermeister Deutschmann noch Müllheims Bürgermeisterin Siemes-Knoblich wollen sich noch zu ihr bekennen, im Müllheimer Gemeinderat war die Meinung zuletzt gespalten. Teiltieferlegung, Verbesserungen im Rahmen des Möglichen, zumindest das Verhindern neun Meter hoher Lärmschutzwände – Schritt für Schritt wurden bei manchen die ursprünglichen (Maximal-)Ansprüche an den Bahnausbau zurückgeschraubt. Zuletzt mussten die Bahngegner auch noch räumlich weichen: Im November hat die Bahn mit dem Bahnwärterhäuschen auf der Höhe von Hach einen symbolträchtigen Hort des Widerstands geschleift. Es hatte der Bürgerinitiative seit Juli 2015 als Treffpunkt und Protestsymbol gedient. Schon vor dem Abriss hatte die Bahn ihr Hausrecht geltend gemacht und ihren Gegnern den Aufenthalt in dem Häuschen verboten. Sichtbar bleibt allein die Zeltplane des "Sommerlagers" – eine dürftige Alternative, in der sich jetzt, mitten im Winter und bei Minustemperaturen auch niemand mehr treffen mag.

Keine guten Aussichten also für die standhaften Auggener und die BBM-Aktivisten, die sich zuletzt sogar den Vorwurf der AfD-Nähe gefallen lassen mussten. Eine Auggener Bürgerin hatte sich an dem Satz "Schützt unsere Heimat!" auf einem Flugblatt gestört und dies der Gemeinde schriftlich mitgeteilt.

Dabei hatte das Jahr gut angefangen: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Frühjahr war es gelungen, das Interesse der Politik auf das Thema Tieflage zu lenken. Vertreter fast aller Parteien kamen nach Auggen und Müllheim, ließen sich die Lage schildern und versprachen zu tun, was möglich ist. Mit dem Bahnexperten der Bürgerinitiativen, Gerhard Kaiser, der schon vor Jahren mit dem BBM eine bis ins Detail ausgearbeitete Alternativplanung vorgelegt hatte, hat man einen Kenner der Materie an Bord, mit Axel Baßler, als Ingenieur ebenfalls mit Bahn-Themen befasst, hatten sich die Auggener zudem einen eigenen Bahn-Berater ins Boot geholt.

Die Liste ihrer Argumente ist lang. Weniger Lärmbelastung, Gefahrguttransporte in sicherem Abstand, der Erhalt des bereits mehrfach totgesagten Müllheimer Bahnhofs sowie der Landschaftsschutz durch den Verzicht auf meterhohe Lärmschutzwände – wer wollte diesen Punkten nicht zustimmen? Kälteseen am Fuß der Lärmschutzwände, die den Landwirten das Leben schwer machen, der Fremdenverkehr, der ausgebremst werden könnte durch die zweigeteilte Landschaft, sind weitere Bedenken, welche die Fachleute ins Feld führen. All das, um nun, trotz zusätzlicher Bahn-Millionen auch für den Bereich Müllheim-Auggen (für verbesserten Lärmschutz), mit einer noch höheren Mauer als ursprünglich geplant abgespeist zu werden?

Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, weitere Gespräche im baden-württembergischen Verkehrsministerium und mit Fachpolitikern in Berlin wurden den Verfechtern der optimierten Kernforderung 6 für 2017 in Aussicht gestellt. Müllheim und Auggen haben zudem Klage eingereicht gegen das ergangene Planfeststellungsverfahren, wenn auch ohne aufschiebende Wirkung. Doch ob die Betroffenen am Ende über die bloße Gestaltung der Lärmschutzwände noch irgendeinen Einfluss auf das endgültige Ergebnis haben werden, ist alles andere als klar. Es geht um’s Geld – während die Bahn-Gegner von überschaubaren Zusatzkosten ausgehen, veranschlagt die Bahn deutlich mehr. Es geht aber wohl auch ums Prinzip: bei der Bahn darum, an der seit etlichen Jahren in Planung befindlichen Rheintalstrecke nun endlich Fakten zu schaffen, bei den unbeugsamen Gegnern um ihr gerades Rückgrat – und vielleicht auch ein bisschen darum, sich nicht eingestehen zu müssen, dass ein Großteil der Mühe vergebens gewesen sein könnte.

Autor: Beatrice Ehrlich