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25. Juli 2012 10:52 Uhr

Neu im Kino

Aurora, Fiktion und Wirklichkeit: Der neue Batman-Film

Können imaginäre Bilder echte Taten auslösen? Die Frage ist nicht neu – aber aktuell, jetzt, nach dem Attentat von Aurora und mit Blick auf den neuen Batman-Film. Thomas Steiner hat ihn geprüft.

  1. Der Schurke mit der Gesichtsmaske: Tom Hardy als Bane Foto: © 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY PICTURES FUNDING, LLC

  2. Der Held mit der Fledermausmontur: Christian Bale als Bruce Wayne alias Batman Foto: Warner

Geht das mulmige Gefühl jetzt mit ins Kino? Nach dem Attentat von Aurora werden auch in Deutschland Sicherheitsleute bei Vorführungen von "The Dark Knight Rises" im Saal sitzen. Es könnte ja auch hier zu Lande einen Schießwütigen nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Kinosaal geben. Wenn geballert wird in diesem neuen Batman-Film, und das wird es nicht zu knapp, dann wird die Angst mitschauen. Oder doch nicht? Schließlich weiß ja jeder Zuschauer, dass der Film nicht die Wirklichkeit ist.

Seit Aurora wird allerdings über die durchlässige Grenze zwischen beiden diskutiert. Wenn der Attentäter sich den terroristischen Schurken aus dem vorletzten Batman-Film von 2008, den von Heath Ledger so irre gespielten Joker, zum Vorbild genommen hat, stellt sich – wieder einmal – die Frage, ob imaginäre Bilder echte Taten auslösen können.

Der Film selbst stellt die Gewaltfrage

Ganz so einfach ist der Zusammenhang nicht, was noch dazu kommen muss im Kopf oder Körper eines Amokläufers, das weiß man immer noch nicht. Auf jeden Fall aber gibt es eine Wahlverwandtschaft zwischen dem gewalttätigen Mainstream-Kino der USA und den gesellschaftlichen Verhältnissen dort mit überfüllten Gefängnissen, weitverbreitetem Waffenbesitz und aggressivem Heimatschutz. Als vergangenes Jahr das Attentat auf eine Kongressabgeordnete in Tucson verübt wurde, sagte der Amerikanist Crister Garrett im BZ-Interview, hinter dem Anspruch auf Waffenbesitz in den USA stünden die Verfassungstradition und dahinter die Mythen der Freiheit in einem Auswanderungsland.

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"The Dark Knight Rises" bietet nicht nur wegen der zwölf Toten von Aurora Anlass, die Gewaltfrage zu diskutieren. Der Film selbst stellt sie. Der Feind im Drehbuch von Regisseur Christopher Nolan und seinem Bruder Jonathan Nolan kommt von außen. Wir befinden uns im Jahr acht nach dem Verschwinden des Batman am Ende von "Dark Knight", dem Film mit dem Joker.

Der Milliardär hinter der Fledermausmontur, Bruce Wayne (Christian Bale), hat sich mit einem Hinkebein in den Ostflügel seines Herrenhauses zurückgezogen. Er kann es nicht einmal verhindern, dass eine katzenhafte Diebin die Perlenkette seiner Mutter aus dem Tresor klaut. Doch ein schlimmerer Feind bringt Wayne dazu, den Rückzug vom Rückzug anzutreten: Bane (Tom Hardy), eine Kreuzung aus Hannibal Lector und Hulk. Der bösartige Hüne trägt eine Gesichtsmaske, welche die Schmerzen alter Verstümmelungen lindert.

Die Filmfigur bekommt ihre eigene dramatische Geschichte

Gleich zu Beginn des Films entführt Bane in Usbekistan einen zu den Amerikanern übergelaufenen russischen Atomphysiker aus einem CIA-Flugzeug. In der Luft wohlgemerkt, mit einem eigenen Flugzeug. Ein Actioneinstieg, wie ihn der neue James-Bond-Film nicht besser hinbekommen wird. Es geht um einen Atomreaktor, den Bane und seine Söldnerarmee klauen. Er steht mitten in Gotham City und ist im Besitz von Wayne Enterprises, der Firma Bruce Waynes.

Der Superschurke ist eine Figur aus den Batman-Comics, wo er in den 90er Jahren, gezeichnet von Graham Nolan (nicht verwandt mit den Film-Brüdern), in Südamerika auftauchte – und als erster Schurke Batman besiegte. Die Filmfigur bekommt ihre eigene dramatische Geschichte: Bane ist ein Söldner aus einem ehemals Steinzeit-sozialistischen Sowjet-Staat. Er überfällt in Gotham City (alias New York) die Börse und errichtet mit terroristischen Methoden eine Volksdiktatur. Die Occupy-Bewegung und die Französische Revolution zitiert Nolan hier herbei, in kritischer Absicht: Der Hyperkapitalismus der Wall Street und die Ignoranz der Reichen führen zu dem grotesken Regime von Bane.

Und deshalb muss der Dark Knight, der dunkle Ritter Batman, wieder auferstehen. Denn natürlich muss Gotham City, muss US-Amerika sich gegen einen solchen Gegner mit Gewalt verteidigen. Zwar ohne Waffen und Tote, wie Batman einmal Catwoman anherrscht, die an seiner Seite kämpft. Aber mit viel Gerätschaften und nötigenfalls im Faustkampf. Mit dieser Lösung kann sich Nolan des Einverständnisses des US-Publikums sicher sein. Gewalt als Mittel der Politik ist – nochmal laut Crister Garrett – in den USA breit akzeptiert. Keine Frage ist auch das Einverständnis mit dem Helden. US-Blockbuster sind Filme für die jugendliche Zielgruppe, in dem Kino in Aurora saßen überwiegend Jugendliche, Kinder gar. In Deutschland ist der Film ab 12 Jahren freigegeben. Gerade das Superhelden-Kino verarbeitet pubertäre Probleme, mit seinen innerlich zwischen verschiedenen Identitäten zerrissenen Helden und seinen spektakulären Allmachtsphantasien.

Was macht es mit einem Menschen, wenn er eine Maske trägt?

Batman ist zum Superhelden nicht durch interplanetaren Raketentransport oder den Biss einer radioaktiven Spinne geworden, sondern durch psychischen Druck und willentliche Entscheidung. Bruce Wayne alias Batman kann weder fliegen noch Fäden spritzen, wenn er durch die Häuserschluchten von Gotham City eilt, muss er das mit Hilfe seiner Seilpistole tun. Das macht Batman zu einer Figur, mit der sich der Zuschauer identifizieren kann: Trainieren kann jeder.

Und er ist eine Figur, deren menschliche Dimensionen immer wieder Thema wurden: Kann Bruce Wayne das Trauma der Ermordung seiner Eltern jemals überwinden? Was macht es mit einem Menschen, wenn er eine Maske trägt? Seit Jahrzehnten werden solche Fragen in den Comics verhandelt. Das Faszinosum dieses Superhelden waren in den besten Batman-Geschichten nicht die Taten, sondern die Moral.

Auch Christopher Nolans erste beiden Batman-Filme stellten solche Fragen. "Batman Begins" (2005) erzählte nochmals die Verwandlung Bruce Waynes in den Fledermausmann. Die Rache war sein Movens, verallgemeinert zum Kampf gegen das Böse. Es ging um das Erwachsenwerden, trotz einer zerstörten Kindheit. Der Film war ein Entwicklungsroman. Endgültig zu einem der großen Erzähler des Batman-Mythos machte sich der Regisseur mit "The Dark Knight". Der Erzbösewicht Joker stellte Batman vor die Frage, ob die dunkle Maskerade, in der er das Böse bekämpft, nicht den Wahnsinn des Bösen erst erzeugt. Es ging um das Gefangensein des Helden im Paradoxon, der Film war eine Tragödie.

"The Dark Knight Rises" hat leider nichts von diesen Dimensionen. Batman ist hier nichts weiter als ein Actionheld, das 164-Minuten-Werk ist eine Kreuzung aus Postapokalypse-Film und Superagenten-Thriller. Über eine lange Strecke verschwindet Batman gar aus der Geschichte: Er stellt sich Bane im Zweikampf, wird besiegt und in dasselbe Straf-Bergwerk verschifft, aus dem sein Gegner kam. Daniel Craig hätte das unterirdische Leiden aber besser gespielt als Christian Bale.

Alles, was Batman ausmacht, spielt hier keine Rolle

Wenigstens überzeugen die Nebenfiguren im Kampf gegen Bane. Zum bewährten Personal zählen Michael Caine als der treue Butler Alfred, Gary Oldman als der unbestechliche Polizeichef Gordon und Morgan Freeman als Lucius Fox, Bruce Waynes Geschäftsführer – und Batmans Technikausstatter. Neu sind Anne Hathaway als die schnippische Selina Kyle alias Catwoman, Marion Cotillard als die wohltätige Unternehmerin Miranda Tate und Joseph Gordon-Levitt als der junge Polizist John Blake.

Bis auf Alfred sind sie im Finale alle dabei: Der Atomreaktor droht hochzugehen, bei der fälligen Verfolgungsjagd fährt Catwoman das Bat-Pod, Batmans breitreifiges Motorrad, der Fledermausmann selbst sitzt in einem neuartigen Fluggerät, das einfach Bat heißt und das es auch in Schwarz gibt. Die Seilpistole ist ein überholtes Spielzeug, alles, was Batman ausmacht – das lautlose nächtliche Auftauchen, die unheimliche Maske, die Nahkampftechniken – spielt hier keine Rolle mehr. Das Fluggerät hätte auch bestens zu James Bond gepasst.

So reduziert sich alles auf die Gewaltfrage des Genres: Wer überlebt die Schießerei? In Aurora hat sie sich in der Wirklichkeit gestellt. Thomas Steiner
– "The Dark Knight Rises" (Regie: Christopher Nolan) kommt am heutigen Mittwoch flächendeckend in die Kinos. Im BZ-Ticket steht ein Interview mit dem Batman-Filmkomponisten Hans Zimmer.

Autor: Thomas Steiner


1 Kommentar

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Ralph Walchner

Registriert seit: 26.06.2009

Kommentare: 847

25. Juli 2012 - 14:10 Uhr

"In Deutschland ist der Film ab 12 Jahren freigegeben"
Was bedeutet, dass schon 6-jährige Kinder von ihren Eltern in diesen Film mitgenommen werden können. Das Jugend"schutz"gesetz macht´s möglich. So gewöhnen sich schon die Kleinen an die regelmäßige Portion Gewalt in den Filmen. Batman ist da ja noch vergleichsweise harmlos. Beispielsweise war auch die Herr der Ringe Trilogie ab 12 Jahren (also ab 6 mit den Eltern) freigegeben.
Darüber hinaus ist zu erwarten, dass Eltern, die ihren Kindern so einen Film im Kino ermöglichen, ihre Kinder ähnliche Filme, wahrscheinlich auch mit höherer Altersfreigabe, zuhause von der DVD sehen lassen.
Was soll man auch machen, die Kinder wollen´s halt sehen (Achtung, Sarkasmus).

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