Euthanasie im Dritten Reich

Aus der Psychiatrie Emmendingen mit dem Bus in den Tod

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Do, 17. Januar 2019 um 20:10 Uhr

Emmendingen

Vor 80 Jahren wurden psychisch Kranke von Emmendingen aus mit Bussen in Gaskammern abtransportiert. Die Patienten ahnten nichts. Daran erinnert jetzt das Zentrum für Psychiatrie.

Als die dunkelgrauen Busse der "gemeinnützigen Gesellschaft für Krankentransporte" im Zentrum für Psychiatrie, der damaligen "Anstalt" in Emmendingen, vorfahren, da ahnen die Patienten nicht, wohin die Reise wohl gehen wird – sie führte in die Gaskammern von Grafeneck und damit in den sicheren Tod. An die Ereignisse vor 80 Jahren will die Klinik am 28. Januar mit einem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern – und mit der Ausstellung eines Denkmals jener grauen Busse.

Ziel der Veranstaltung ist es laut Klinikleitung, "der schwerwiegenden Verbrechen und Opfer im Kontext psychiatrischer Versorgung in dieser Zeit zu gedenken". Andererseits soll auch ein Blick auf die den "seither bewusst aufklärerischen Umgang psychiatrischer Kliniken mit dieser traumatisierten Vergangenheit" gerichtet werden. Nach einer Kranzniederlegung um 11 Uhr am Opfer-Denkmal im ZfP durch Sozialminister Manfred Lucha wird es in der Festhalle mehrere Ansprachen geben.

Wie können sich Psychiatrien mit der Vergangenheit auseinandersetzen?

Im zentralen Vortrag wird Professor Thomas Müller unter der Überschrift "Erinnern, gedenken, bilden" Ansätze und Wege aufzeigen, wie sich psychiatrische Kliniken angemessen mit dieser schlimmen Vergangenheit auseinandersetzen können. Im Anschluss soll die Ausstellung eröffnet werden, die ein halbes Jahr auf dem Gelände des ZfP gezeigt und durch eine öffentliche Informations- und Vortragsreihe begleitet wird. Das schon an vielen deutschen Klinikstandorten ausgestellt Denkmal zeigt jene grauen Busse, die damals die ahnungslosen Patienten abtransportierten.

Einst 1245 Patienten, 1945 waren es noch 185

Auch in Emmendingen begann mit dem Überfall in Polen 1939 der "Krieg gegen die psychisch Kranken", die von der NS-Ideologie als "lebensunwertes Leben" abgestempelt wurden. Bei angeblicher Nutzlosigkeit wurden sie auf die Listen zum Abtransport in die Gaskammern gesetzt. Bis Juni 1944 werden vom Areal des heutigen ZfP Menschen in den Tod geschickt, schreibt Gabriel Richter in seiner "Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen". Wer davor verschont bleibt, hat gegen das Verhungern zu kämpfen. Am Ende des Dritten Reichs leben laut Richter gerade noch 185 von einstmals 1245 Patienten der Emmendinger Psychiatrie.

Die psychiatrischen Anstalten gerieten in jener Zeit zur Vorhölle, die schließlich in den Gaskammern endete. Mittel für Nahrung, Kleidung und Heizung der Patientenzimmer wurden gekürzt, neue Räumlichkeiten nicht mehr geschaffen, die Arbeitstherapie wurde zum reinen Arbeitsdienst, wie Richter schreibt. Viele Patienten starben auch in Emmendingen an Auszehrung und Infektionserkrankungen, noch bevor der Abtransport erfolgte.

Gegen die erzwungenen Maßnahmen gab es nur wenig Widerstände. Anstaltsdirektor Mathes strich 1940 mehr Patienten von den Transportlisten, als ihm offiziell erlaubt war, sein Nachfolger Kuhn lenkte 1944 einige Transporte in andere Kliniken um, um sie aus dem Schussfeld der SS zu nehmen.