Libyen

Aus Mali flüchtende Dschihad-Kämpfer verschärfen das Chaos

Michael Wrase

Von Michael Wrase

Di, 30. April 2013

Ausland

Ministerien werden belagert

LIMASSOL/TRIPOLI. Arabische und afrikanische Dschihad-Kämpfer sind nach einem Bericht des britischen Guardian in den letzten Monaten aus Timbuktu ins instabile Libyen geflüchtet. Die Chancen, dort einen islamischen Gottesstaat zu schaffen, werden von den militanten Islamisten offenbar größer als in Mali bewertet. In Libyen gibt es bisher keine starke Regierung und kaum funktionierende Polizei- oder Streitkräfte. Es gibt auch keine westliche Interventionsstreitmacht wie Frankreich, das im Januar eine Machtübernahme der dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehenden Islamisten in dem Sahelstaat Mali verhindern konnte.

"Aus der Perspektive der aus Mali vertriebenen Islamisten ist es nur logisch, jetzt in ein Land wie Libyen zu gehen, in dem die schwachen staatlichen Strukturen von lokalen Islamisten systematisch unterhöhlt werden", betont der an der Universität von Birmingham unterrichtende Sahara-Experte Berny Sèbe. Die Rückkehr der Dschihad-Kämpfer habe im Regierungslager große Angst vor einer Verlagerung der Mali-Krise nach Libyen ausgelöst, zitiert der Guardian westliche Diplomaten in Tripoli. Diese gingen davon aus, dass der Anschlag auf die französische Botschaft in Tripoli vor einer Woche ein Racheakt der aus Timbuktu vertriebenen Dschihadisten gewesen ist.

Am Wochenende wurden nach Angaben der Zeitung Libya Herald auch in Bengasi und Derna Bomben gezündet. Die vermutlich von Islamisten verübten Anschläge richteten sich gegen Polizeistationen. Fünf Beamte wurden verletzt. Bei einem Überfall auf einen Armeeposten in der Nähe von Tripoli kam ein Soldat ums Leben. Die sich verschärfenden Terrorakte werden von westlichen Militärexperten in Libyen als Teil einer islamistischen Einschüchterungskampagne beschrieben. Nahezu machtlos müssen Libyens im Aufbau befindliche Streitkräfte mitansehen, wie mit Flugabwehrgeschützen ausgerüstete islamistische Banden seit dem Wochenende das libysche Innen – und Außenministerium belagern. Die aufmarschierten Milizen fordern ein Gesetz, dass es früheren Mitarbeitern von Ex-Diktator Muammar Gaddafi verbietet, in der neuen Regierung hochrangige Posten einzunehmen.

Libyens Ministerpräsident Ali Zidan verurteilte am Montag die anhaltende Belagerung als einen Terrorangriff, durch den die Entwicklung des Staates blockiert werden solle. Der verzweifelte Minister ging sogar soweit, militärischen Beistand "aus dem Ausland" in Erwägung zu ziehen, um sich gegen die bewaffneten Gruppen durchsetzen zu können. Die verlangen inzwischen auch die Entlassung von Heeresstabschef Generalmajor Jussef al-Mangusch. Die USA überließen der Regierung in Tripoli vor kurzem immerhin Drohnen zur Überwachung von mit al-Qaida verbündeten Gruppierungen im Süden des Landes.