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23. Juli 2011

Terrorismus

Blutbad in Norwegen: "Er hat sie regelrecht hingerichtet"

Wieder sieht sich Europa mit schrecklichen Bildern des Terrors konfrontiert. Diesmal trifft es Norwegen: erst im Osloer Regierungsviertel, dann in einem Jugendlager.

  1. Die Militärpolizei kümmert sich in Oslos Stadtzentrum um einen verletzten Mann. Foto: DPA

Die Dachterrasse auf Norwegens Regierungssitz ist berühmt für ihren wunderbaren Ausblick auf Holmenkollen und Oslo-Fjord. Dorthin pflegte Ministerpräsident Jens Stoltenberg seine Staatsgäste zu führen, um gute Stimmung vor schwierigen Gesprächen zu schaffen. Seit Freitagnachmittag ist das Schmuckstück eine rauchende Ruine. Um 15.26 Uhr zerriss eine laute Explosion die Idylle der von Urlaubern geprägten Stadt, Flammen schlugen aus dem Regierungsviertel, Menschen lagen blutend auf dem Pflaster vor den Gebäuden.

"Wir glaubten zuerst an ein Erdbeben, alle Fenster zersplitterten", berichtete die Radiojournalistin Ingunn Andersen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in dem Gebäude befand. Doch es waren nicht Naturkräfte, die das Haus wanken ließen. Es war ein Anschlag auf das Zentrum von Norwegens politischer Macht. Aus der Dachetage stiegen Flammen auf, schwarzer Rauch qualmte, im Umkreis von Hunderten Metern war keine Glasscheibe intakt. "Das Haus ist völlig zerstört", schilderte der Reporter Per Ritzler, "wenn man vor der Vorderseite steht, kann man durch die Rückwand schauen."

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Wer zuerst noch an eine Gasexplosion glauben wollte, wurde rasch eines Besseren belehrt. "Es war eine Bombe, vermutlich zwei", bestätigte die Polizei. Vor dem Gebäude lag eine völlig ausgebrannte Limousine, und ein großer Trichter unter ihr spricht für die Theorie, dass in ihr ein Sprengkörper detonierte. Doch die Polizei geht davon aus, dass sich der Auslöser der heftigen Explosion im Regierungsgebäude selbst befand. Die Kraft war so groß, dass sie das Auto atomisiert hätte, wenn die Bombe in der Limousine gelegen hätte. Während zahlreiche Verletzte in Oslos Krankenhäuser eingeliefert wurden, wuchs die Zahl der Toten. Erst bestätigte die Polizei ein Opfer, dann zwei, nach der Durchsuchung der Ruinen waren es sieben. Premier Stoltenberg hatte sich in den Gebäuden befunden und den Knall gehört, doch er blieb unverletzt und hielt am Abend eine Krisensitzung mit dem innersten Kreis der Regierung.

Aus Furcht vor weiteren Bomben sperrte die Polizei den Tatort weiträumig ab. "Verlasst die Innenstadt, meidet Menschenansammlungen, bleibt zu Hause", lautete der dramatische Appell von Polizeichef Svein Sponheim an die Menschen in der Hauptstadt, denn die "Lage ist noch völlig unübersehbar". War der Anschlag, dessen primäres Ziel offensichtlich das Öl- und Energieministerium war, nur ein erstes Glied einer Kette? Mehrere Zeitungsredaktionen wurden evakuiert, das Lokalbüro des Fernsehsenders TV 2 geräumt, weil davor ein unidentifiziertes Paket gesichtet wurde.

Und wenig später kam der nächste Schock. Zehn Kilometer von Oslo entfernt starben Jugendliche im Kugelhagel eines Schützen. Sie hatten sich mit mehr als 500 Kameraden auf einem Sommerlager der sozialdemokratischen Jugend auf der Insel Utøya befunden, als ein in Polizeiuniform verkleideter Mann kam und sagte, er müsse im Zusammenhang mit den Bomben von Oslo Ermittlungen anstellen. Laut Augenzeugen rief er ein paar Jugendliche zu sich, dann begann er zu schießen, "er hat sie regelrecht hingerichtet", sagte ein Zeuge. Ein Polizeisprecher sprach von "neun oder zehn Toten". In Panik flüchteten die anderen, viele verbargen sich in Gräben, andere versuchten, schwimmend Festland zu erreichen. Noch lange waren Schüsse zu hören, ehe Spezialtruppen der Polizei den Attentäter zu überwältigen vermochten.

Die Ermittler sehen einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Anschlägen. Auch die Insel Utøya wurde evakuiert, denn auch dort befürchtete man, dass Bomben versteckt sein könnten. Am Freitagvormittag hatte die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland dort zu den Jusos gesprochen, für Samstag war Ministerpräsident Jens Stoltenberg als Gastredner angekündigt.

In Oslo begann die Suche nach Motiven. Eine unbekannte Gruppe namens "Helpers of the Global Jihad" bekannte sich zu dem Terrorakt. Doch Bekennerschreiben besagen gar nichts. Terrorexperten meinten zunächst, dass die Tat die Handschrift islamistischer Extremisten trage. Die Polizei vermutet hingegen die Drahtzieher der Anschläge im Inland und hatte zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das politische System wende.

Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat am späten Abend den Zusammenhalt im Land beschworen. Er habe eine Botschaft an die Täter: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören", kündigte er in einer Pressekonferenz an. Niemand könne Norwegen "zum Schweigen schießen", das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen.

Autor: Hannes Gamillscheg und unseren Agenturen