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09. Februar 2012

Das seltsame Verschwinden des Herrn Wang

China riegelt US-Konsulat ab.

PEKING. Es klingt wie ein Politthriller: In einem US-Konsulat in China beantragt ein Spitzenfunktionär der Kommunistischen Partei politisches Asyl. Peking verlangt die Herausgabe des Überläufers, doch Washington lässt sich darauf nicht ein, weil man auf sein Insiderwissen brennt und ihm in China die Todesstrafe droht. Der Plot beflügelt derzeit die Fantasie der chinesischen Internetgemeinde. Seit Mittwoch kursiert in Blogforen das Gerücht, dass tatsächlich ein ranghohes Parteimitglied Asyl im US-Konsulat in der südwestchinesischen Stadt Chengdu gesucht haben könnte: Wang Lijun, Vizebürgermeister der Jangtse-Metropole Chongqing und landesweit bekannter Korruptionsermittler. Selbst wenn Wang nicht geflohen sein sollte, scheint er im Zentrum eines Machtkampfes zu stehen.

Eine "urlaubsähnliche Behandlung"

Das Gerücht nährt sich aus zwei Indizien: Das US-Konsulat wurde am Dienstag von der Polizei umstellt und stand am Mittwoch unter hoher Bewachung. Angebliche Augenzeugen wollen vor dem Gebäude eine Limousine mit Chongqings Behördenkennzeichen gesehen haben. US-Diplomaten in Peking bestätigten den Polizeieinsatz. Zu einem möglichen Überläufer äußerten sie sich nicht. Für Wangs Verschwinden hatte Chongqings Regierung am Mittwoch eine ungewöhnliche Erklärung: Der 52-Jährige habe unter Stress gelitten und unterziehe sich einer "urlaubsähnlichen Behandlung".

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Egal, was hinter Wangs Verschwinden steckt, seine Karriere dürfte beendet sein. Politisch brisant ist, dass Wang als engster Vertrauter von Chongqings charismatischem Parteichef Bo Xilai galt, der als eine Schlüsselfigur der nächsten Führungsmannschaft um den designierten Präsidenten Xi Jinping gilt. Mit Wang hatte Bo eine beispiellose Antikorruptionskampagne durchgeführt, über die hohe Parteifunktionäre stürzten.

Autor: Bernhard Bartsch