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21. Oktober 2011
Der Preis der Revolution – die Touristen bleiben aus
TUNESIEN VOR DER WAHL II: Viele Menschen sind arbeitslos.
TUNIS. Taxifahrer Ramzi und Touristenführer Mohamed Ali haben eines gemeinsam. Sie treten sich stundenlang die Füße platt. Der eine geht in der Empfangshalle des Flughafens der tunesischen Hauptstadt Tunis auf und ab. Wer ausländisch aussieht, wird angesprochen und dann an der Schlange der Kollegen vorbeigeschleust, die draußen vor dem Gebäude brav auf Kundschaft warten. Der andere ist auf der Prunkstraße Avenue Habib Bourguiba unterwegs. "Ich kenne die Altstadt perfekt, ihre Geschichte, die schönsten Orte", sagt er auf Französisch, Englisch, Italienisch und ein bisschen auch auf Deutsch. Doch nur selten finden die beiden Männer Kundschaft.
Es steht noch immer schlecht um den Tourismus in Tunesien, obwohl das Land neun Monate nach dem Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali weitgehend stabil ist und am kommenden Sonntag die erste freie Wahl für eine Verfassungsgebende Versammlung stattfinden wird. Die Zahl der Touristen ist im Zeitraum von Januar bis Oktober um 34,4 Prozent zurückgegangen. Das zeigt ein Bericht des Tourismusministeriums, das erstmals seit den bewegten Januartagen Bilanz zog. Diejenigen, die kommen, bleiben wenige Tage. So sind die Übernachtungen gar um 42,6 Prozent gesunken. Im Februar, dem ersten Monat nach der Revolution, kam der Sektor fast ganz zum Erliegen. Zwei Drittel der Besucher blieben aus. Im März waren es noch immer über die Hälfte. Die Hotelbranche hat dadurch Einnahmen von knapp einer Million Euro verloren. 24 Hotels mit insgesamt 7500 Betten schlossen. 3000 feste Arbeitsplätze gingen verloren. 22 000 Saisonarbeiter wurden gar nicht erst eingestellt. Tunesier, die wie Ramzi oder Mohammed Ali auf eigene Rechnung arbeiten, werden gar nicht gezählt.
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Taxifahrer Ramzi wartet auf die Rückkehr der Kreuzfahrtschiffe. Er gehört zu den Taxifahrern, die einen Zugang zum Hafen nördlich von Tunis haben. "Die Passagiere kommen vom Schiff und wollen in wenigen Stunden so viel wie möglich sehen." Ramzi fährt sie herum. Zwar musste er vor der Revolution ordentlich Bestechungsgelder an den örtlichen, korrupten Spross des Ben-Ali-Clans und dessen Umfeld abgeben, "aber ich verdiente deutlich mehr als ein Fahrer in der Stadt", berichtet er. Seine Arbeit am Flughafen bringt wenigstens etwas Geld in die Kasse. Auch Mohammed Ali hat kaum Arbeit. "Es kommen fast nur Geschäftsreisende nach Tunis, und die wollen nicht in die Altstadt", erzählt er.
Nicht nur dass die Arbeitslosigkeit in Tunesien seit Januar von offiziell 14 auf 19 Prozent gestiegen ist, auch die Lebensmittelpreise gingen in die Höhe. Immer wieder legen Streiks ganze Branchen lahm. Manche Grundnahrungsmittel sind knapp und müssen für teures Geld eingeführt werden. Gleichzeitig stiegen die Exporte ins benachbarte Libyen. Ein Drittel der tunesischen Lebensmittelproduktion geht auf dem Landweg über die Grenze, seit die See- und Luftwege durch den dortigen Krieg behindert sind und Libyen kaum mehr Zugang zu anderen Märkten hat. All das wirkt sich auf die Preise in Tunesien aus. Sie stiegen in den ersten drei Quartalen 2011 um 0,6 Prozent. Das ist doppelt so viel wie im Vorjahr. Insgesamt hat Tunesien nach Angaben des Internationalen Währungsfonds zwei Milliarden Dollar seit der Revolution verloren – das entspricht 5,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts . In der gesamten arabischen Welt kostete die Protestwelle 55 Milliarden Dollar.
JASMIN-REVOLUTION
Die Bezeichnung der jüngsten Revolution in Tunesien spielt auf die duftende Pflanze an, die in dem Land in vielen Vorgärten wächst. In Tunesien selbst ist der Ausdruck allerdings kaum verbreitet. Hier ist eher von einer Online- oder Facebook-Revolution die Rede, da sich der Aufstand in erster Linie über das Internet organisiert hat.
Autor: dpa
Autor: Reiner Wandler
