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17. Juni 2016

Interview

Wie leben Jesidinnen, die in Freiburg Schutz gefunden haben?

BZ-INTERVIEW mit dem Psychologen Jan Kizilhan aus Villingen-Schwenningen über Jesidinnen, die in Freiburg Schutz gefunden haben, und die Täter vom IS.

  1. Ein von den Terrormilizen des Islamischen Staat misshandeltes jesidisches Mädchen Foto: Katharina Eglau

  2. Jan Kizilhan Foto: michael bamberger

FREIBURG. Vergewaltigt, verschleppt, gedemütigt: Als die Terrormilizen des Islamischen Staats (IS) im August 2014 das Sindschar-Gebirge im Nordirak eroberten, erlitten tausende Frauen der jesidischen Minderheit dieses Schicksal. Ihre Männer, Söhne, Väter wurden ermordet. Baden-Württemberg erklärte sich bereit, 1000 Frauen und Kinder dieser religiösen Minderheit aufzunehmen und zu behandeln. 200 leben in Freiburg. Frank Zimmermann und Annemarie Rösch sprachen darüber mit dem Psychologen Jan Kizilhan. Er gehört zu den Mitinitiatoren des Projekts.

BZ: Herr Kizilhan, die jesidischen Frauen leben in Freiburg abgeschirmt. Ihr Aufenthaltsort ist geheim. Warum?

Kizilhan: Diese Frauen waren bis zu anderthalb Jahren in IS-Haft, bevor sie flüchten konnten. Sie wurden vergewaltigt, versklavt, durch Nahrungsentzug bestraft. Die IS-Terroristen betrachteten sie als ihren legitimen Besitz. Auch in Deutschland sind diese Frauen in Gefahr. Die Attentate von Orlando und Paris haben gezeigt, dass sich auch in westlichen Ländern Menschen legitimiert fühlen, im Namen des IS zu handeln, andere zu bestrafen und zu töten.

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BZ: Das UN-Flüchtlingswerk UNHCR hat kritisiert, dass die Frauen aus Ihrem Umfeld gerissen werden. Was waren Ihre Gründe, sie nach Deutschland zu holen?

Kizilhan: Ich kann die Kritikpunkte des UNHCR nicht ganz nachvollziehen. Diese Frauen stammen aus einer Region, die der IS größtenteils zerstört hat, sie leben in Flüchtlingslagern, in denen in über 24 Camps bis zu 20 000 Menschen untergebracht sind. Auch dort haben sie keine Wurzeln. 99 Prozent der Frauen, die wir geholt haben, wurden vergewaltigt. In der patriarchalischen Gesellschaft der Jesiden werden solche Frauen geächtet. Viele von ihnen haben zudem Albträume und Flashbacks. Aufgrund der schwierigen Lage waren viele suizidgefährdet.

BZ: Wie äußern sich die Flashbacks?

Kizilhan: In einem Flüchtlingslager im Nordirak wurde ich zu einem 16-jährigen Mädchen gerufen. Es hatte nachts einen Flashback und glaubte von IS-Terroristen vergewaltigt zu werden. Deswegen übergoss es sich mit Benzin und zündete sich an. Als ich es traf, hatte es weder Nase noch Ohren, sein Gesicht war komplett verbrannt. Wir haben es nach Deutschland in eine Spezialklinik gebracht. Das Mädchen wurde dort 14 Mal operiert.

BZ: Könnte man in weniger schweren Fällen nicht auch im Nordirak helfen?

Kizilhan: Im Nordirak leben 5,5 Millionen Menschen plus 1,5 Millionen Flüchtlinge. In der ganzen Region gibt es nur 26 Psychiater und Psychologen. Im Gesundheitsdirektorat in Dohuk, das für die Flüchtlinge zuständig ist, arbeitet eine Psychologin. Sie sehen also, es gibt nicht genug Fachpersonal, um diesen schwer traumatisierten Frauen und ihren Kindern ausreichend zu helfen. Wir sind aber dabei, auch im Nordirak mehr Psychiater und Psychologen auszubilden.

BZ: Was wird für die Frauen und Kinder hier in Baden-Württemberg getan?

Kizilhan: Bevor eine Therapie begonnen werden kann, müssen die Frauen zur Ruhe kommen. Wir müssen ihnen das Gefühl der Sicherheit geben. Sie dürfen keine Angst mehr haben, angegriffen zu werden. Deswegen versuchen wir, ihnen erst einmal Orientierung zu geben, ihnen zu erklären, wie das Leben hier funktioniert. Auch Deutsch lernen sie. Viele Frauen müssen gynäkologisch betreut werden, weil sie so oft vergewaltigt wurden. Bei manchen haben wir mit der Therapie begonnen, bei anderen nicht. Wir haben zum Beispiel ein zwölfjähriges Mädchen, das so oft vergewaltigt wurde, auch von alten Männern, 60-jährigen. Das können wir in einer Therapie noch nicht mit diesen Bildern konfrontieren.

BZ: Inwieweit müsste auch die jesidische Gesellschaft Anstrengungen unternehmen, um den Frauen zu helfen?

Kizilhan: Es hat sich viel bewegt. Nach dem jesidischen Glauben dürfen nur Jesiden untereinander heiraten. Tun sie das nicht, werden sie ausgestoßen. Das galt auch für vergewaltigte Frauen. Viele Jesidinnen sehen sich deshalb ihrer Identität beraubt, sie begreifen sich als ein Nichts. Jemanden zu therapieren, der ein solches Selbstbild hat, ist schwierig. Deswegen haben wir viele Gespräche mit dem obersten Geistlichen der Jesiden geführt, dem Baba Scheich. Nach langen Debatten haben er und der Hohe Rat der Jesiden beschlossen, dass die Frauen nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden. Alle Frauen, die in Deutschland sind, waren beim Baba Scheich. Er hat sie auf die Stirn geküsst und ihnen gesagt, dass sie weiterhin Mitglieder der Gemeinschaft sind. Für uns war es ein riesiger Erfolg, dass die Jesiden nach 800 Jahren zum ersten Mal ihre Regeln geändert haben.



BZ:
Werden die Frauen und Mädchen je wieder normal leben können?

Kizilhan: Diese Frauen werden ihre Erlebnisse nie vergessen. Sie werden sie ihr Leben lang begleiten. Unser Ziel ist es, dass sie lernen damit umzugehen und diese Ereignisse ein Teil ihres Lebens, aber nicht ihr ganzes Leben sind.

BZ: Sehen Sie Therapieerfolge?

Kizilhan: Erst kürzlich kam eine der jungen Frauen zu mir. Sie erzählte mir, dass sie jetzt einen Freund hat und sie heiraten wollen. Das ist sehr schön, dass sie bereit ist, sich auf einen Mann einzulassen. Die beiden kannten sich seit Kindertagen. Ich finde es auch bewundernswert, dass sich der junge Mann auf diese Frau einlässt, bei der sich die traumatischen Erlebnisse ein Leben lang im Kopf eingenistet haben.

BZ: Inwieweit sind auch die Kinder der Frauen therapiebedürftig?

Kizilhan: Viele dieser Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass weder Mütter noch Väter sie beschützen konnten. Sie sind sehr misstrauisch gegenüber Menschen. Das gilt auch für die eigene Familie. Es ist wichtig, mit diesen Kindern eine Therapie zu machen und sie sozialpädagogisch zu betreuen. Wenn sie keine Behandlung bekommen, entwickeln sie zu einem hohen Prozentsatz Persönlichkeitsstörungen. Manche ziehen sich komplett zurück, andere werden sehr aggressiv und gewalttätig.

BZ: Sie haben im Nordirak IS-Kämpfer interviewt, die geflüchtet sind. Ein Buch dazu soll erscheinen. Bereuten diese Männer, was sie Frauen angetan hatten?

Kizilhan: Diese Männer sind zumeist nicht geflüchtet, weil sie die Brutalität des IS nicht länger mittragen konnten. Sie haben den IS verlassen, weil sie sich nicht ausreichend gewürdigt sahen, zum Beispiel nicht befördert wurden. Schuldgefühle habe ich leider keine gesehen.

BZ: Werden solche Männer aber nicht irgendwann von ihren Taten eingeholt?

Kizilhan: Man fragt sich oft, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Diese IS-Terroristen tun es, weil sie überzeugt davon sind, dass ihre Opfer minderwertig sind und sie das Recht dazu haben, sie zu erniedrigen, zu versklaven, zu vergewaltigen oder zu töten. Das ist ähnlich wie bei den Nazis. Nur dass die IS-Terroristen eine faschistische Ideologie unter Berufung auf die islamische Religion entwickelt haben. Ähnlich wie viele Nazis leben diese Terroristen normal mit ihrer Familie zusammen, 200 Tschetschenen sind mit Frauen und Kindern ins syrische Rakka gekommen. Tagsüber vergewaltigen sie Jesidinnen, richten Menschen hin, abends gehen sie nach Hause.

BZ: Sind solche Menschen nicht psychisch gestört?

Kizilhan: Nur ein ganz geringer Prozentsatz kann als Psychopathen eingestuft werden, die Lust beim Töten empfinden. Die meisten sind psychisch unauffällig. Wer überzeugt ist, das Richtige zu tun, wird psychisch auch nicht krank, wenn er tötet. Das werden nur Menschen, die das im Grunde ihres Herzens ablehnen.

BZ: Inwieweit können die Jesidinnen zur Aufklärung der IS-Verbrechen beitragen?

Kizilhan: Sie sind wichtige Zeuginnen. Parallel zur Behandlung der Frauen laufen in Deutschland, England und den USA Untersuchungen von Staatsanwaltschaften und Polizei. Von den 1400 Frauen, die wir interviewt haben, waren einige bei hochrangigen IS-Kommandanten, auch bei IS-Führer al-Bagdadi. In einem Prozess könnten sie wichtige Aussagen machen. Ende Juni werde ich Gespräche bei der UNO in Genf führen. Denkbar sind Prozesse gegen einzelne Täter. Irgendwann, so die Hoffnung, könnten die Verantwortlichen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden.

Jan Kizilhan wurde 1966 geboren. Der Psychologe und Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie stammt aus Kurdistan. Er ist seit 2006 Professor an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen.

INFO: Die Jesiden

sind eine religiöse Minderheit. Sie gehören der Ethnie der Kurden an. Das Jesidentum ist eine monotheistische und eigenständige Religion. Sie kennt eine Seelenwanderung und ein strenges Kastenwesen. Im Laufe der Geschichte wurden die Jesiden immer wieder von Muslimen verfolgt und als Teufelsanbeter verunglimpft.  

Autor: ar

Autor: fz, ar