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31. Oktober 2009

Die verlorenen Kinder Afghanistans

Tausende afghanische Jungen sitzen auf der Flucht aus ihrer Heimat in Griechenland fest. Ihr Ziel ist Deutschland oder Schweden

  1. Afghanischer Flüchtling in Athen Foto: Daniel Etter

  2. Afghanischer Flüchtling in Athen Foto: by Daniel Etter. All rights reserved

Jeden Tag kommt Zia in diesen Park und wartet auf eine bessere Zukunft. Er vertreibt sich dann die Zeit mit seinen Freunden, überlegt mit ihnen, wie sie an Essen kommen und an Geld. Die Parkbänke sind meist belegt. In der einen Ecke sitzen die Frauen, in den anderen die Männer, am Brunnen in der Mitte spielen die Kinder. Es wird Paschtu gesprochen und Dari und alle anderen afghanischen Sprachen. Die Menschen hier teilen die gleiche Geschichte, die vom Krieg handelt, von der Flucht und der Gefangenschaft, von den Misshandlungen und den Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben. "Jeder betet, dass er so schnell wie möglich aus dem Land kommt", sagt Zia und meint nicht Afghanistan – er meint Griechenland. Der Park liegt mitten in Athen.

Zia, 16 Jahre alt, Silberblick, kurz geschorene Haare, besitzt kaum mehr als was er am Körper trägt: eine alte Jogginghose, T-Shirt, Sandalen. Sein Vater wurde von den Taliban ermordet. Nur die Mutter und seine zwei Schwestern sind geblieben in der kriegsgeschundenen Heimat. Wenn die Taliban ihn erwischten, würden sie auch ihn schlachten, erzählt Zia. Er sagt nicht ermorden, er sagt schlachten. Zia spricht sauberes Englisch, das so viel erzählt von seinem Verlangen eine Zukunft außerhalb Afghanistans zu suchen. Seit Jahren ist er auf der Flucht. Das erste Mal kam er bis nach Pakistan, das zweite Mal in den Iran, das dritte Mal in die Türkei. All diese Fluchtversuche endeten mit der Rückführung nach Afghanistan. Erst beim vierten Mal erreichte er Europa, Griechenland. Zwei Wochen ist das her. Aber hier ist nicht das Ziel seiner Reise. Hier hat er nichts, hier schläft er auf der Straße, die Decke geteilt mit anderen Flüchtlingen, in ständiger Angst von der Polizei vertrieben, von Rechtsextremen verprügelt zu werden.

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Wie Zia ergeht es Tausenden minderjährigen Afghanen in Griechenland – alleine, oft schon seit Jahren auf der Flucht, manche gerade zwölf Jahre alt. 2648 hat die griechische Küstenwache im vergangenen Jahr registriert, wahrscheinlich ist aber ein weit größere Zahl unbemerkt eingereist. Sie schlafen in Gebüschen, Abbruchhäusern oder unter Brücken und hoffen, irgendwie hier wegzukommen. In Griechenland werden sie sich selbst überlassen. Es gibt kein Obdach und noch weniger Aussicht auf Asyl. Griechenland hat zwar zugesichert, alle minderjährigen Flüchtlinge in Pflegefamilien unterzubringen, bisher ist das aber nicht geschehen. Und wenn man mit ihnen spricht, macht sich der Verdacht breit, dass die Regierung versucht, das Problem statistisch zu lösen: Unabhängig voneinander erzählen viele Jungen, dass die Küstenwache sie einfach auf dem Papier älter, volljährig gemacht hat. Mehdi etwa sagt, er sei 15. Man glaubt es ihm. In seinen Papieren ist er 27.

Italien wäre schon besser, meint Zia, sein Traum aber ist Deutschland, Dänemark, Schweden – Schweden vor allem, wohin es sein Bruder schon hingeschafft hat. Der Bruder ist die Verkörperung all der Hoffnungen Zias, die Versicherung, dass es irgendwie möglich ist nach Nordeuropa zu kommen. Zia wartet in dem Park auf einen Schieber, der auch ihn dorthin schmuggelt. Und weniger verlangt als die üblichen 5000 Euro. 1000 könnte Zia zahlen. Seine Familie in Afghanistan verkauft, was sie nicht unbedingt braucht. Andere Jungen, erzählen Flüchtlinge, verkauften Drogen, von denen sie dann selber abhängig würden, bieten sich schließlich auf dem Straßenstrich an.

Zias Blick streift immer wieder über den Park. Er ist nervös, hält Ausschau nach der Polizei, die hier in unregelmäßigen Abständen auftaucht, Papiere kontrolliert und die mitnimmt, die nicht hier sein dürfen. Nach ein paar Stunden auf der Wache lässt sie sie dann wieder frei. Wenn sie doch wenigstens ins Gefängnis kämen, da gebe es Essen und eine Unterkunft, meint einer der Jungen. Zia sagt, seine Papiere seien in Ordnung. Doch als er die Polizei erblickt verschwindet er mit seinen Freunden in der nächsten Straße. Er habe keine Lust auf die Kontrolle, sagt Zia, keine Lust auf die ewig gleichen Fragen, keine Lust auf die Demütigungen.

Die meisten afghanischen Flüchtlinge nehmen die gleiche Route wie er: Iran oder Pakistan, Türkei und in Schlauchbooten nach Griechenland. Vom türkischen Festland bis zur Insel Lesbos sind es zwar nur fünf Kilometer, doch im vergangen Jahr sind bei gescheiterten Überfahrten mindestens 6o Menschen ums Leben gekommen. "In einem Boot für zehn Menschen waren 43", erzählt Zia, "wir sind beinah gesunken."

Auf Lesbos werden sie in der Regel von der Grenzpolizei aufgegriffen, registriert, müssen ihre Fingerabdrücke abgeben und kommen in das Internierungslager Pagani, wo es Platz für 250 Flüchtlinge gibt, wo aber tatsächlich bis zu 850 festgehalten werden. Die Zustände dort seien untragbar, sagt das UN-Flüchtlingskommisariat, in einem Raum seien 200 Menschen zusammengepfercht, wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse breiteten sich Krankheiten aus. Die griechischen Behörden sind mit der schieren Zahl an Flüchtlingen überfordert. Im vergangenen Jahr wurden alleine auf und vor Lesbos 13 000 Flüchtlinge aufgegriffen – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Nach ein paar Wochen, manchmal Monaten werden sie freigelassen und bekommen Ausweisungsbefehle. Ein Monat bleibt ihnen Zeit, das Land zu verlassen oder Asyl in Griechenland zu bekommen. Innerhalb der Europäischen Union dürfen sie das nur in dem ersten Land beantragen, das ihre Einreise nicht verhindert hat, Griechenland also. Die Anerkennungsquote liegt hier bei 0,1 Prozent.

Die meisten Afghanen versuchen daher gar nicht, Asyl in Griechenland zu beantragen. Sie ignorieren das Ausreisedatum auf dem Zettel der Einwanderungsbehörden, versuchen nach Nordeuropa zu kommen und hoffen, dass sie nicht wieder nach Griechenland zurückgeschickt werden. Die Chance ist gering, aber sie wird größer: Im September hat das Bundesverfassungsgericht die Abschiebung eines Irakis nach Griechenland gestoppt, weil das Asylsystem dort erheblich überlastet sei. 500 Einzelpersonen und Familien, die über Griechenland eingereist sind, wurden in das deutsche Asylverfahren aufgenommen – dreimal so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Allerdings hat sich in diesem Zeitraum auch die Zahl der Rückführungsgesuche an Griechenland auf 1567 verdoppelt.

In der Nähe des Athener Parks liegt eine Bahnhofsbaustelle, die für viele afghanische Jungen zum Zuhause geworden ist. Auf einem vier Meter hohen Stapel Eisenbahnschwellen haben sich Flüchtlinge eine Hütte aus alten Matratzen gebaut. Unter einer Fußgängerbrücke teilen sich fünf Jugendliche ein Bettenlager aus Paletten und Teppichen, das notdürftig mit einer Zeltplane vor Regen und Wind geschützt ist.

Das vermeintlich große Tor aus Griechenland ist der Hafen von Patras. Von hier legen täglich Fähren nach Italien ab. An diesem Morgen sitzen hier vor dem Zaun drei afghanische Flüchtlinge. Als gerade keine Polizei zu sehen ist, steht einer von ihnen auf, holt aus dem Gebüsch eine Tüte mit einer Jacke, zieht sie über sein T-Shirt. Links und rechts von ihm postieren sich die anderen und halten Wache. Er schiebt eine Holzlatte durch die Gitterstäbe, klettert an einer niedrigen Stelle auf den Zaun, windet sich durch den Nato-Draht, springt auf der anderen Seite auf das Hafengelände, schnappt sich die Holzlatte und verschwindet mit ihr unter einem der Lkw-Anhänger. Die Latte soll ihn auf der 21-stündigen Überfahrt nach Italien unter dem Anhänger sichern. Es gibt keine Verabschiedung von den beiden anderen.

Im Lauf des Tages kommen rund 50 Afghanen an den Zaun. Die Polizei zeigt sich öfter. Immer wieder versuchen einzelne auf das Hafengelände und unter die Anhänger zu kommen. Asrad, 18 Jahre, humpelt vom Hafengelände zurück zu den anderen. Er berichtet, dass er von der Polizei erwischt und verprügelt wurde. Ein anderer erzählt, dass er es seit vier Jahren wieder und wieder probiere. Er hat es sogar schon nach Italien geschafft, wurde aber geschnappt und zurückverfrachtet. Die Chance, nach Italien zu kommen, ist verschwindend gering.

4000 Flüchtlinge sollen in Patras leben. Bis vor drei Monaten war eine Ansammlung von Hütten aus Plastik, Pappe und Holzresten ihr Zuhause. Ihren griechischen Nachbarn waren sie ein Ärgernis. Im Juli kam dann Polizei, hat die Flüchtlinge vertrieben. Die Hütten gingen in Flammen auf. Die Afghanen sind in die Olivenhaine an der Stadtgrenze gezogen, die sie den Dschungel nennen.

Zaman, 16 Jahre alt, lebt in diesem Dschungel. Seine Familie, erzählt er, wurde vor einem Jahr von den Taliban getötet. Als Waise bliebe nur die Wahl zwischen Flucht und Taliban, sagt er. Er hat sich für die Flucht entschieden. Seit drei Monaten ist er in Griechenland. Sein Leben hier besteht aus Essen, Schlafen und Warten – auf die Chance, nach Italien zu kommen.

"In Afghanistan haben wir nichts, deshalb werden wir immer wiederkommen."

Zia, Flüchtling
Zaman hat sich in einem ausrangierten Transporter sein Bett eingerichtet. Zaman sagt, es würde immer schwieriger werden, sich am Hafen unter einen Hänger zu schmuggeln. Deshalb versuchen viele ihr Glück an den drei Ampeln auf der Zufahrtsstraße nach Patras. Aber auch hier ist die Hoffnung groß und die Wirklichkeit ernüchternd. Polizeistreifen überwachen die Straße. Wenn ihnen zu viele Flüchtlinge an der Ampel stehen, werden sie vertrieben. Hat Zaman es schon versucht? Nein, noch nie. Man traut es ihm auch nicht zu, so klein und schmal ist er. "Wir sind durcheinander: Was sollen wir tun?", fragt er.

Viele der Flüchtlinge in Patras kehren irgendwann frustriert nach Athen zurück. Hier verteilt die Kirche wenigstens jeden Tag Essen, hier können sie in einer Mission duschen und es gibt ein Krankenhaus, wo sie umsonst behandelt werden.

Zia, der Junge aus dem Park, sagt etwas, das wohl viele der afghanischen Jungen in Griechenland sagen könnten. "Ich habe noch nicht verstanden, wo ich bin und was ich hier mache." Und trotzdem, sagt er, bliebe ihnen keine andere Wahl. "In Afghanistan haben wir nichts, deshalb werden wir immer wiederkommen."

Autor: Daniel Etter