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07. März 2016

Fukushima 5 Jahre nach der Katastrophe

Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Fünf Jahre nach Fukushima finden die Menschen in der Katastrophenregion den Weg in die Normalität nur in kleinen Schritten – und mit viel persönlicher Hilfe.

  1. Ein Blick zurück: Am 11. März 2011 wurde die nordjapanische Fischerstadt Kesenuma zerstört. Foto: afp/Köhler(2)

  2. Tamami Kitamura ist wegen der Katastrophe Polizistin geworden – um zu helfen. Foto: Angela Köhler

  3. Die Deutsche Martina Umemura kam 1987 nach Japan zum Medizinstudium, heiratete, gründete eine Familie – und gibt als Helferin nun Strickkurse. Foto: Angela Köhler

Trauriges Finale, aber kein Schlussstrich. Schweigend verbrennen Frauen und Männer in der nordostjapanischen Stadt Sendai Schulranzen, Rucksäcke, Sporttaschen und Musikinstrumente. Drei Tage lang, ein Stück nach dem anderen. Die Sachen waren nach dem verheerenden Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami am 11. März 2011 an die Ufer des Pazifik geschwemmt worden, von freiwilligen Helfern und Soldaten eingesammelt und von den Behörden bislang in der Hoffnung aufbewahrt, ihre Besitzer oder wenigstens die Hinterbliebenen würden sich melden und die Fundstücke abholen.

Rund 3000 solcher Überbleibsel namenloser Schulkinder hatte das Team um Hiroshi Ogasawara katalogisiert, es wurden Besichtigungen organisiert und verzweifelte Anfragen beantwortet. Seit April vergangenen Jahres aber hatten sich nur noch zwei Interessenten gemeldet. "Deshalb geben wir jetzt auf. Es ist bitter, dass wir so viele persönliche Dinge vernichten müssen", beklagt der 43-jährige Beamte.

Zeit kann diese Wunden nicht heilen. Fünf Jahre nach der Megakatastrophe mit Jahrhundertbeben, Tsunami und dem Desaster im Atomkraftwerk Fukushima ringt die Region im Nordosten Japans noch immer mit ihrem Schicksal, versucht eine Normalität und ist doch weit davon entfernt. In der Präfektur Miyagi, die zu den drei am heftigsten betroffenen Präfekturen zählt, graben 160 Polizisten an den langgetreckten Stränden weiter tapfer nach sterblichen Überresten.

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Auf den Knien wühlt Tamami Kitamura im schlammigen Wasser und findet einen Knochen, der zu einer menschlichen Hand gehören könnte. "Vielleicht gibt uns das einen Hinweis", hofft die 24-jährige Wachtmeisterin. "Die Hinterbliebenen wollen doch wenigstens Gewissheit haben." Noch immer werden mehr als 2500 Menschen vermisst. Von ihnen fehlt jede Spur, obwohl Frau Kitamura und ihre Kollegen die Strände schon mehr als 300 Mal abgesucht haben.

Im März 2011 wusste die Abiturientin noch nicht, was sie studieren und später beruflich machen könnte. Das Desaster, die unglaublichen Bilder von der Flut, schwimmenden Häusern, Autos und Eisenbahnen, von gestrandeten Schiffen und verzweifelten Menschen, die ihre Angehörigen suchen, haben sie tief erschüttert. Die furchtbare Angst nach dem Unglück im Akw Fukushima, wo Reaktoren kollabierten und niemand ermessen konnte, was wirklich passiert war, hat in ihr das Bedürfnis geweckt, den Menschen in ihrer Unsicherheit und Verzweiflung eine Stütze zu sein.

Persönlich bangte die junge Frau um ihren Onkel in der Millionenstadt Sendai. Da auch diese vom Beben erschüttert und vom Tsunami überschwemmt wurde, konnte sie den in Japan bekannten Baseball-Spieler und Trainer Takeshi Yamasaki nicht erreichen. Telefon, Internet, Flughafen – nichts funktionierte. Als sie endlich wieder Kontakt hatten, überlegten beide, wie sie helfen können. Der Profi spendet seither Teile seiner Gage für Waisenkinder, für die Nichte war plötzlich klar, sie geht als Polizistin in die Katastrophengebiete.

Kitamura schrieb sich an der Polizeiakademie ein, besuchte Vorlesungen eines Professors, der sich in den Unglücksregionen für Ordnung und Recht engagierte. Sie erfuhr von den Problemen in den Notunterkünften, von vielen Fällen von "kodokushi" – vom "einsamen Tod" der Menschen, die entwurzelt und meist ohne Verwandte auf engstem Raum und so allein nicht mehr leben wollten. Bei den Berichten der Polizisten am Ort flossen oft Tränen. Die Schilderung einer Kollegin ging ihr besonders an Herz. Diese hatte in Trümmern einen Schuljungen entdeckt, der vor der Leiche seiner kleinen Schwester schluchzte: "Es tut mir so leid, dass ich dich nicht retten konnte." Wie kann man so einen Schmerz lindern?

Im September also übernahm Tamami Kitamura ihren ersten Posten an der Iwanuma Polizeistation, die am 11. März 2011 sechs Kameraden verloren hatte. Seither sucht sie nach Leichen, tröstet die Menschen in den Notunterkünften, in denen auch fünf Jahre danach noch über 200 000 Japaner ausharren müssen. Die junge Frau warnt vor Diebstählen und Betrug, fahndet nach skrupellosen Menschen, die das Leid der Betroffenen ausnutzen.

Der 11. März war ein Schicksalstag für viele Japaner, auch wenn sie selbst nicht unmittelbar von den Katastrophen betroffen sind. Kei Nakano träumte davon, als Investmentbanker Millionen zu bewegen. Den Sohn einer Fischerfamilie in Ofunato in der Iwate-Präfektur zog es nach dem Abitur wie so viele Gleichaltrige nach Tokio. Er studierte internationale Finanzen und hatte gerade eine eigene Firma gegründet als er im Fernsehen sah, wie seine Heimat von gespenstischen schwarzen Wassermassen mitgenommen, weggeschoben und verschlungen wurde. Mit sechs Freunden aus dem gleichen Ort fuhr Nagano sofort nach Norden – vorbei an brennenden oder überschwemmten Ortschaften nach Ofunato, das von den unbändigen Fluten völlig verwüstet war. Die jungen Männer erstarrten in Schock, nach Minuten brachen sie in Tränen aus.

Nagano fand wenigstens seine Eltern lebend, 420 andere Bewohner des kleinen Ortes kamen um. "Soll ich hier bleiben?", fragte er seinen verstörten Vater. Der 64-Jährige zuckte nur traurig mit den Schultern. "Hier ist nichts zu retten, das ergibt keinen Sinn." Zurück in Tokio versuchte der junge Mann, Spenden für die Unglücksregion zu sammeln. Die Reaktion der Hauptstädter fiel zumeist mehr als halbherzig aus.

Nach Monaten deprimierender Versuche zog er im September doch wieder in seine Heimat und schloss sich einer Gruppe an, die sich um Notunterkünfte und die Betreuung traumatisierter Opfer kümmerte. Dort traf er den Computer-Spezialisten Yuto Kurosawa, der ebenfalls frustriert war, weil viele freiwillige Helfer nach kurzer Zeit wieder nach Tokio zurückkehrten.

Bei einem Bier beschlossen die beiden Männer, allen Enttäuschungen zum Trotz weiter zu machen. Sie gründeten einen gemeinnützigen Verband für Crowdfundig-Projekte. Einer der ersten Versuche war der Kauf von zwei Pferden, die " emotionale Narben der Kinder in der Katastrophengegend heilen sollten", wie es Nagano formuliert. Auch hier ging es schleppend los, aber kurz vor dem Bankrott kam genügend Geld zusammen und damit auch der Mut für neue Ideen.

Das Unglück gerät anderswo in Japan in Vergessenheit

Inzwischen hat Nagano eine Familie gegründet, die Fischerei seiner Vaters wieder aufgebaut und übernommen. Weil das Unglück in anderen Teilen Japans immer mehr in Vergessenheit gerät und der Aufbau nur schleppend vorangeht, sammelt der heute 29-Jährige auf seiner Website Ishiwari weiter Geld für die Region. Im vergangenen Jahr kamen umgerechnet 450 000 Euro zusammen, die 472 Menschen spendeten. Es gibt sie noch, die Opferbereitschaft.

Auch mit anscheinend unspektakulären Mitteln nützlich sein, ist die Devise für eine ungewöhnlich Initiative. Ohne große Hoffnung hatten sich ein paar Frauen in einem Sammellager für Spenden in Kesennuma umgeschaut, ob es dort etwas Nützliches gibt. Einen Monat nach dem Unglück fanden sie in einem unbeachteten Regal Wolle. Einen ganzen Karton kunterbunter Knäule zum Stricken, ein deutsches Geschenk mit passenden Nadelsets, wie sich herausstellte. Die Verwaltung hatte diese Gabe wohl für unpassend erachtet, weil man Essen oder Bekleidung brauchte und keine Hobby-Ausrüstung. Aber viele Frauen, die in der Turnhalle campierten, waren von dem Fund begeistert. Also rief man die Absenderin der abwegig scheinenden Spende an und bat um Nachschub.

Martina Umemura war überglücklich. Die Deutsche, die 1987 als Medizinstudentin nach Japan kam, heiratete und mit ihrem japanischen Mann und zwei Söhnen in Kyoto lebt, hatte die Erdbebenopfer im Fernsehen gesehen. "Ich wollte etwas tun, das diese Menschen von ihren Schmerzen ablenkt."

Der Tsunami hatte in Kesennuma einen riesigen Öltank umgekippt, der sich entzündete. Märkte, Fischverarbeitungs-Fabriken und andere Betriebe, in denen die Frauen der Stadt gearbeitet hatten, waren in kürzester Zeit niedergebrannt, ein Drittel der Stadt wurde von den gewaltigen Wassermassen überschwemmt. Martina Umemura besuchte den schwer zerstörten Ort und gab Kurse im Stricken. Dabei fand sie talentierte Mitstreiterinnen, denn viele Frauen besaßen durch das Flicken von Fischernetzen handwerkliche Fähigkeiten und Geschick. Zuerst war es nur Zeitvertreib im tristen Notunterkunftsalltag, aber immer mehr Frauen klagten, dass sie keinen Job finden und Geld verdienen müssen. "Wenn wir die Techniken verbessern, können wir aus dem Hobby einen Arbeitsplatz machen", befand die Deutsche und gründete im März 2012 das "Umemura Martina Kesennuma Atelier".

Anfangs produzierte das Mini-Unternehmen Socken und Nackenwärmer, die in Warenhäusern als "Made im Katastrophengebiet" angeboten wurden. Das Sortiment wurde schnell erweitert, die Frauen stellen mittlerweile Pullover und Strickjacken her, die sie zum stolzen Preis von umgerechnet 600 bis 1500 Euro verkaufen können. 2013 wurde ein eigener Laden eröffnet. "Unsere Sachen verkaufen sich im ganzen Land", freut sich Keiko Ito, die zu den Gründern des Strick-Shops gehört. Vor der Naturtragödie hatte sie in einer Fischverarbeitungsfabrik gearbeitet, die der Tsunami zerstörte. "Mit diesem neuen Arbeitsplatz werde ich als 52-Jährige nicht mehr gezwungen, meine Heimatstadt zu verlassen."

Das florierende Strickgeschäft beschäftigt jetzt über 30 Frauen und hat mehr als 140 feste Kunden, die regelmäßig Ware nach Maß bestellen. So verweisen die Frauen auf volle Auftragsbücher für die kommenden zwei Jahre. Die selbst für Japan hohen Preise der handgestrickten Waren verkörpern auch eine Art Solidarität. "Heute profitieren wir noch von den Katastrophenbonus", wissen die Frauen. "Wir werden jedoch Qualität und Design weiter verbessern, um dieses Niveau halten zu können."

Dennoch plagen Gründerin Umemura existentielle Sorgen. Sie muss ihren Workshop am Pazifik räumen. Die Küste soll für den Katastrophenschutz aufgeschüttet werden, um bei ähnlichen Flutwellen nicht erneut überschwemmt zu werden. Die verantwortlichen Experten möchten nicht wieder bittere Vorwürfe hören, sie seien zu sorglos gewesen und zu spät gekommen.

Hilflos musste auch der Tsunami-Experte Fumihiko Imamura vor fünf Jahren im Fernsehen anschauen, wie die Killerwellen den Norden Japans verwüsteten. An Bord eines TV-Hubschraubers besichtigte der Professor von der Tohoku-Universität zwei Tage später das ganze Ausmaß. "Der tragische Anblick von plattgewalzten Häusern und Trümmern, wohin das Auge blickte, machten mich sprachlos." Imamura, dessen Universität direkt im Krisengebiet liegt, hatte in Tokio an einem Regierungsprojekt gearbeitet, um Vorhersagen und Notpläne für Naturkatastrophen in genau dieser Region anhand historischer Daten und neuer Erkenntnisse zu aktualisieren. Das Erdbeben kam für den Wissenschaftler zu früh, die Ergebnisse waren zwar aufgelistet, aber noch nicht für die Desaster-Prävention nutzbar.

Der Professor erinnert sich an weiche Knie und seine Angst, mit den Einwohnern zu sprechen. "Als Tsunami-Forscher war ich geschockt und beschämt zugleich." Ohne Antworten stand er den Fragen und verbalen Angriffen gegenüber. "Warum konnte das passieren, die Fluchtpläne waren untauglich!" Eine Frau klagt, sie habe ihre Tochter im zweiten Stock des Wohnhauses sicher gewähnt und war in den Ort gelaufen, um andere Menschen zu warnen. Die Wucht der Wassermassen zerfetzte das Haus, riss das Mädchen in den Tod. "Ich wusste keinen Trost, die Frau hatte unseren Prognosen geglaubt." Die Expertisen waren in diesem Ort von Wellen mit maximal 50 Zentimeter Höhe ausgegangen. Tatsächlich erreichten die Brecher 30 Meter und wälzten sich auf 110 Kilometer Uferlinie bis zu zehn Kilometer ins Land. Das Beben vor fünf Jahren war mit der Stärke Neun das mächtigste jemals registrierte in Japan und das viertstärkste weltweit. Die meisten der bisher über 16 000 geborgenen Opfer sind ertrunken, weil sie mit einer solchen Naturkraft nicht gerechnet hatten. Der Professor weiß heute: "Wenn unsere Fall-Wahrscheinlichkeiten früher aktualisiert worden wären, hätten sich die Menschen ganz anders verhalten und vielleicht retten können."

Autor: Angela Köhler