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21. Mai 2011 00:00 Uhr
Naher Osten
"Es könnte einen eiskalten Frieden geben"
US-Präsident Barack Obama hat Israelis und Palästinenser dazu aufgefordert, Frieden zu schließen. Was denkt Yaacov Lozowick, früherer Direkt or des Yad-Vashem-Archivs, darüber?
Annemarie Rösch sprach mit Yaacov Lozowick (Jahrgang 1957). Er war auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Freiburg.
BZ: Herr Lozowick, sehen Sie die Demokratiebewegungen so positiv wie Obama?
Lozowick: Wir betrachten in Israel zunehmend die Entwicklungen mit Skepsis. Natürlich wäre es toll für uns, wenn es gelingen sollte, in Ägypten und anderen arabischen Ländern Demokratien aufzubauen. Die Erfahrung zeigt, dass demokratische Gesellschaften eher Wege finden, Probleme nicht kriegerisch, sondern friedlich zu lösen. Also wünschen wir der Demokratiebewegung viel Erfolg. Doch wir sehen inzwischen auch Probleme.
BZ: Welche wären das?
Lozowick: Uns ist jetzt bewusst geworden, dass wir 1979 nur Frieden mit der damaligen ägyptischen Führung geschlossen haben, aber nicht mit dem ägyptischen Volk. Plötzlich hören wir von Seiten der Ägypter, dass neu entschieden werden müsse, ob die Friedensverträge beibehalten werden. Doch selbst wenn sich die Ägypter dagegen entscheiden sollten, glauben wir nicht, dass gleich ein Krieg ausbrechen wird. Zudem sehen wir, dass die Liberalen innerhalb der Demokratiebewegung in Ägypten ins Hintertreffen geraten. So wollten sie zum Beispiel, dass man sich Zeit lässt, eine neue Verfassung ausarbeitet und dann darüber abstimmt. Außerdem wird wahrscheinlich bis zu den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Herbst nicht genug Zeit bleiben, eine liberale Partei aufzubauen. Auch die Gewalt gegen koptische Christen gibt uns zu denken.
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BZ: Fürchten Sie, dass islamistische Parteien an die Macht kommen könnten ?
Lozowick: Die Islamisten müssen gar nicht gewinnen, trotzdem können sie Einfluss nehmen. Der jetzige Präsidentschaftskandidat Amr Musa ist kein Islamist, aber er ist auch kein Freund des Westens und sicherlich auch kein großer Demokrat. Leider haben die Liberalen, die den Aufstand maßgeblich gemacht haben, keinen eigenen Kandidaten.
BZ: Was bedeutet das für Israel?
Lozowick: Wie gesagt, wir glauben nicht, dass es Krieg geben könnte, also dass sich wieder zwei Armeen gegenüberstehen. Aber es könnte einen eiskalten Frieden geben. So könnten die Ägypter zum Beispiel Öl und Gaslieferungen an uns unterbinden. Es wäre aber auch denkbar, dass Waffen an die islamistische Hamas im Gazastreifen geliefert werden. Das wäre für uns natürlich gefährlich.
BZ: Wie könnte sich das Verhältnis zu Syrien verändern, sollte es dort zu einem Umsturz kommen?
Lozowick: Es kommt immer auf die Ausgangslage an. Mit der ägyptischen Führung hatten wir ein gutes Verhältnis, das könnte sich verschlechtern. Was Syrien anbelangt, so kann das Verhältnis zu Israel gar nicht mehr schlimmer werden. Egal was dort passiert, viel zu verlieren gibt es für uns in Israel nicht.
BZ: Schwappen die Demokratiebewegungen auch in die Palästinensergebiete?
Lozowick: Die führenden Figuren haben sicherlich Angst und wollen deshalb die Palästinenser bald wählen lassen. Doch im Westjordanland gibt es heute schon mehr Demokratie, mehr freie Medien als im heutigen Ägypten. Im Gazastreifen ist die Lage natürlich anders. Unter der dortigen islamistischen Führung von Hamas gibt es viel Unfreiheit und Gewalt.
BZ: Wie beurteilen Sie Obamas Aufforderung an Israelis und Palästinenser, Frieden zu schließen?
Lozowick: Ich glaube nicht, dass es jetzt einen Frieden geben kann. 85 Prozent der Israelis glauben das nicht. Kein aktueller palästinensischer Führer wird seiner Bevölkerung sagen, dass die Enkel der vertriebenen Palästinenser nicht nach Israel zurückkehren können. Doch das ist eine unserer Bedingungen.
BZ: Was bedeutet das?
Lozowick: Weil es keinen Frieden in nächster Zeit geben wird, müssen wir den Konflikt so gut wie möglich verwalten. Das heißt, wir müssen auf beiden Seiten dafür sorgen, dass es möglichst wenig Gewalt gibt. Denn es sollte möglichst wenig Grund zu neuem Hass geben. Für Israel heißt das aus meiner Sicht, alle Siedlungen im Westjordanland außerhalb des Sicherheitszauns und der Mauer aufzugeben. Unsere Armee sollte nicht länger im Westjordanland präsent sein. Zudem sollte man versuchen, so viel Wohlstand wie möglich auch in den Palästinensergebieten zu schaffen. Vielleicht in 20, oder vielleicht auch erst in 80 Jahren merken Israelis und Palästinenser dann, dass der Konflikt eigentlich vorbei ist und können dann einen Friedensvertrag schließen.
Autor: Annemarie Rösch
