Frankreich

Familie Cousteau setzt sich für Umwelt- und Naturschutz ein

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Mo, 11. Juli 2016

Ausland

Das Meer hat es der Familie Cousteau angetan – in dritter Generation bereits ist nun Céline in Sachen Umwelt- und Naturschutz unterwegs.

Vorsichtig steigt Céline Cousteau die schmale, steile Holztreppe in den ersten Stock des Turms hinauf. In dem kleinen, runden Zimmer mit seiner Steinwand entschuldigt sie sich für die Staubschicht auf den Möbeln. Ein Holzdelfin liegt einsam auf dem schmalen Schreibtisch. Daneben ein Stapel von alten Drehbüchern ihres Vaters Jean-Michel. Cousteau stößt die metallenen Fensterläden auf und blickt in die Ferne auf das Mittelmeer. "Hier kann ich wunderbar konzentriert arbeiten", sagt sie. Dann zieht sie unter dem Schreibtisch einen alten Atemregler zum Tauchen hervor, den einst ihr berühmter Großvater, der Meeresforscher und Kapitän Jacques-Yves Cousteau benutzt hat. Sie legt die Antiquität beiseite und zeigt auf zwei schwarze Festplatten. Darauf ist ihre Arbeit von drei Expeditionen gespeichert: Filmaufnahmen ihres Amazonas-Projekts.

Im vergangenen Jahr ist Céline Cousteau regelmäßig abgetaucht hier in ihren Turm, der früher eine Windmühle war, um auf dem Computer ihren neuesten Dokumentarfilm zu schneiden. Aber auch um ein wenig zur Ruhe zu kommen nach turbulenten Reisen. New York, Amazonas, Monaco, Bahamas, Dubai, London, Paris. Dreharbeiten mit ihrem Team oder mit ihrem Vater Jean-Michel Cousteau, Tauchgänge, Filmfeste, Umweltschutzprogramme für Schulen, Konferenzen, Vorträge, Firmen-Botschafter-Aufträge, Familienbesuche. Nun heißt es: Durchatmen in Sanary-sur-Mer.

Sechs Monate im Jahr, den Winter und den Sommer, verbringt die 43-Jährige hier in dem idyllischen 16 000-Einwohner-Städtchen zwischen Marseille und Toulon an der französischen Mittelmeerküste. Die andere Hälfte des Jahres lebt sie nördlich von New York im Hudson Valley.

Cousteau steigt die Turmtreppe wieder hinunter, tritt in den Garten. Pinien stehen hier, und ein Pool ist abgedeckt mit Holzplatten. "Er ist sehr tief, mein Großvater hat darin seine Unterwasserkameras ausprobiert." Hinter einem Drahtzaun geht es steil bergab zum Meer. Das Haus, das ihre Großeltern nach dem Krieg erbauten, liegt direkt oberhalb einer Felswand mit traumhaftem Blick auf die See.

Im Wohnzimmer sinkt sie in das braune Sofa vor der breiten Fensterfront. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, die vor allem ihre Großmutter zeigen. "Das ist mein Lieblingsfoto von meinen Großeltern", sagt sie: Jacques Cousteau in Marineuniform, Ehefrau Simone daneben im Badeanzug; beide rauchen im Beisein ihrer beiden Söhne und eines Cousins. "Hier im Wohnzimmer machten sie oft Feste, denn nach Kriegsende herrschte eine Freudenstimmung", erzählt Céline. Das Haus hat sich kaum verändert seitdem. In der Wand ist noch eine Einlassung, in die Großvater Cousteau immer den Projektor stellte, um den Gästen seine Dokumentarfilme zu zeigen, die ihn so berühmt machten.

Ein Bullauge schmückt die Haustür, "Baobab" steht darüber, der Name des Affenbrotbaums. Großmutter Cousteau hat den Baum gemocht und das Haus einst danach benannt. Das Baobab-Haus erlebt nun schon die dritte Generation der Cousteaus. Ein Name, der heute immer noch nach Ozeanabenteuer, Meeresrauschen und Engagement für die Umwelt klingt. Célines Großvater, Jacques-Yves Cousteau (1910-1997), der berühmte Meeresforscher und Fernsehstar, hatte sich hier in Sanary einen Traum erfüllt. Sein Erkennungszeichen war die rote Wollmütze, die er etwa in der legendären Fernsehserie "Geheimnisse des Meeres" trug – auf seiner "Calypso", einem ausgemusterten englischen Minenräumschiff, das er zum Forschungsschiff aufgerüstet hatte.

Der ehemalige Korvettenkapitän und Miterfinder der Presslufttauchflasche brachte mit seinen mehr als 100 Filmen und Dutzenden Büchern die Unterwasserwelt in die Wohnzimmer von Millionen – und er kämpfte gegen deren Verschmutzung und Ausbeutung. Célines Vater Jean-Michel wiederum setzt dessen Werk fort als Meeresforscher, Umweltschützer, Filmproduzent und Gründer der Ocean Futures Society, welche die Menschen sensibilisieren will für die Bedeutung der Meere. Jean-Michel lebt im kalifornischen Santa Barbara, Célines Bruder Fabien in New York – er dreht ebenso Filme und legt dabei seinen Schwerpunkt auf den Schutz von Haien. Auch Célines Mutter Anne-Marie war oft auf Forschungsreisen – als Fotografin.

Ein Familienunternehmen für die Ozeane. Célines Lebenslauf lässt allerdings vermuten, sie hätte sich zunächst von der Ozean-Manie ihrer Familie emanzipieren wollen. 1972 in Kalifornien geboren und aufgewachsen in Frankreich und in den USA, studierte sie zunächst Psychologie, machte einen Master in internationalem und interkulturellem Management, lernte das Juwelierhandwerk, ging für ein Praktikum nach Costa Rica. "Meine Eltern ließen mich das machen, worauf ich Lust hatte", sagt sie.

Doch als sie Jahre später bei ihrem Vater mitarbeitete, etwa für die Doku-Serie "Ocean Adventures", erwachte auch bei ihr die Leidenschaft für die Ozeane. Cousteau gründet 2012 ihre eigene Non-Profit-Organisation Cause Centric Productions. Mal in Schwimmflossen, mal in Trekkingschuhen, mal im Kostüm setzt sie sich heute ein für nachhaltige Fischerei, saubere Ozeane, den Schutz der Korallenriffe oder von bedrohten Völkern. "Ich will die Menschen inspirieren, damit sie sich verbunden fühlen mit dem, was auf dem Planeten passiert." Cause Centric unterstützt mit Filmen und Fotos auch kleinere Umweltorganisationen, damit deren Botschaften ankommen. "Natürlich weiß ich, dass mir mein Name dabei von großem Nutzen ist."

Etwa auf der Pariser Klimakonferenz im vergangenen Jahr. Auf einem der vielen Podien sitzen Mitglieder von indigenen Stämmen aus den USA und Kanada und klagen über die Zerstörung ihres Lebensumfeldes, über verschmutzte Flüsse und abschmelzende Gletscher. Politiker diskutieren über den Smog in Peking und die Umweltpolitik Chinas. Dann kündigt der Moderator Céline Cousteau für das Schlusswort an: "Begrüßen Sie dafür die Enkelin einer Legende, nämlich des berühmten Jacques-Yves Cousteau."

In eleganter dunkler Bluse und Stoffhose geht Cousteau auf die Bühne und nimmt das Mikro. Auf der Leinwand hinter ihr sind Fotos zu sehen: Von Céline, wie sie beim Tauchen fotografiert. Von Pinguinen in der Antarktis. Von Walen. Sie schwärmt von dem Moment, in der Nähe dieser Tiere zu tauchen. Man fühle sich ganz klein, "aber auch sehr lebendig und voller Respekt". Walgesänge seien die schönsten Einschlaflieder, die man sich vorstellen könne.

Cousteaus Auftritte mit ihren Kurzfilmen und Fotos führen die Zuschauer an Orte, die für Normalsterbliche kaum zugänglich sind. Eine Filmsequenz zeigt einen Wal, der sich in ein Hunderte Kilo schweres Fischfangnetz verheddert hat – vermutlich von einem illegalen Kutter. Für eine Serie von zwölf Dokumentarfilmen für das chilenische Fernsehen tauchte Cousteau mit einem Team beim Archipel Juan Fernández, als sie auf dem Funkgerät einen Hilferuf eines Fischers hörten. Er hatte den Wal in Not entdeckt. Das Team, nicht weit entfernt, beschloss zu helfen. Das Tier war schon abgemagert, die Seile schnitten in sein Fleisch. Ein Taucher durchtrennte mit einem Messer Seil für Seil, Céline filmte. Nach zwei Stunden war der Wal befreit. "Wir Menschen verletzen, beschädigen, zerstören immer wieder unsere Umwelt, aber wir sind auch fähig, großen Mut zu haben und Dinge zum Positiven zu verändern", sagt Cousteau und fügt hinzu: "Veränderung beginnt im Herzen." Die Zuschauer, gerührt, applaudieren lange.

Cousteau, die fließend Englisch, Französisch und Spanisch spricht, fühlt sich wohl auf der Bühne wie ihr Großvater einst vor der Kamera. Eine Geschichtenerzählerin sei sie, ein Lautsprecher für andere. "Ich will denen Gehör verschaffen, die Tag für Tag kämpfen für die Umwelt – die aber nicht wie ich so eine Bühne bekommen."

Manchmal frustriert es sie, wenn sie auf solchen Veranstaltungen wieder einmal mit dem Verweis auf ihren legendären Großvater vorgestellt wird. Wenn man von einer Person erzähle, fange man doch eigentlich nicht mit den Großeltern an, sondern mit dem, was dieser Mensch mache, sagt Cousteau. "Andererseits ist es normal, dass die Leute an etwas anknüpfen, das sie kennen." Und natürlich weiß sie, dass ihr Name Kapital ist, dass er Vertrauen schafft, wenn es um Umweltthemen und Menschlichkeit geht. "Das ist auch eine Ehre für mich."

Sie erinnert sich gut an ihren ersten Tauchgang im Leben – zusammen mit ihrem Großvater. Damals war sie neun Jahre alt, und Jacques Cousteau fuhr mit ihr vor Monaco aufs offene Meer. Die Tauchstunde dauerte gerade mal wenige Minuten: Flossen, Taucherbrille, "sitzt alles gut?", fragte er. Dann half er ihr mit der Sauerstoffflasche und dem Mundstück, erklärte, wie sie atmen musste. "Das war für mich nicht schwieriger zu lernen als den Buchstaben A zu schreiben." Er hielt ihre Hand, irgendwann ließ sie los, fasziniert von der Schönheit der Unterwasserwelt, von dem angenehmen Gefühl, sich im Wasser zu bewegen. Die Cousteaus, alt und jung, sammelten Seeigel, um sie nachher auf dem Boot zu betrachten.

Doch nicht nur das Tauchen hat sie von ihrem Großvater gelernt: Auch das Vertrauen, Exkursionen in gefährliche Gegenden zu wagen. Dieses Vertrauen braucht sie bei ihrem jüngsten Projekt: Fünf indigene Stämme am Amazonas im brasilianischen Urwald haben sie gebeten, einen Dokumentarfilm über sie zu drehen: über ihre Kultur, ihr Wissen über den Regenwald, ihren Alltag, ihre Sorgen. Im Javari-Tal lebt die größte Zahl von Menschen, die niemals Kontakt mit der Außenwelt hatten. Schon als Kind war Cousteau mit ihrem Großvater in den frühen 80er Jahren in dieser Gegend unterwegs gewesen. Nun will Céline der indigenen Bevölkerung helfen, dass ihre Nöte bekannt werden, dass die Öffentlichkeit Vertrauen bekommt für deren Lebensweise. Denn illegale Unternehmen, Fischer, Gold- und Erdölsucher, Drogenschmuggler, Holzfäller und eingeschleppte Krankheiten bedrohen die Existenz der indigenen Völker. "Es geht um ihr Überleben."

Cousteau und ihr fünfköpfiges Team führten bei drei Expeditionen in den vergangenen drei Jahren Interviews mit einigen der 4000 Stammesmitglieder. Sie filmten ihre eigene Arbeit, die schwierige Reise dorthin über Wasser. Im Herbst 2016 soll der Dokumentarfilm fertig sein. Cousteau plant auch eine Ausstellung, ein Foto-Buch, Schulmaterialien und Vorträge zu dem Thema. Um das alles verwirklichen zu können, verwendet sie zwischen ihren Reisen immer viel Zeit für die Suche nach Sponsoren.

Bei einem ihrer früheren Besuche lernte sie von einem Häuptling der Matis den tieferen Sinn des Begriffs der Nachhaltigkeit. "Wenn ich einen Baum fälle, pflanze ich einen neuen. Wenn ich auf Jagd gehe, töte ich nur das, was ich für das Überleben meiner Familie in den nächsten Tagen brauche." Nur das nehmen, was wir brauchen und nicht den eigenen Garten zerstören: Nachhaltige Entwicklung bedeutet für Cousteau "Rückkehr zu unseren Ursprüngen". Die Überzeugung, dass wir mit unserer Umwelt im Gleichgewicht leben müssen. "Tun wir das nicht, werden wir langfristig nicht überleben." Jeder könne und müsse seinen Beitrag leisten. Für ihre Umweltarbeit zieht sie viele Register.

Cousteau zieht die Tür von Baobab hinter sich zu. Sie läuft die Gasse entlang, vorbei an der Kapelle Notre-Dame de Pitié in Sanary, wo ihre Eltern geheiratet haben. Ein schmaler Weg führt hinunter in den Ort, gesäumt von Kreuzwegtafeln und Kakteen, Mimosen, Rosmarin. Im Hafen von Sanary wiegen sich die Masten der Boote, an Ständen verkaufen Fischer Doraden, Tintenfisch und Barsch. Möwen schreien.

"Sanary ist mein Ruhehafen, das brauche ich, denn mein Leben ist sehr bewegt", sagt Céline. Manchmal geht sie hier vor der Küste tauchen, dazu muss sie nur eine steile Treppe nicht weit von ihrem Haus hinabsteigen, schon kann sie sich ins Meer gleiten lassen.

Ihre tiefen familiären Wurzeln seien hier, und sie habe andere, weniger tiefe in den USA, sagt Cousteau. Sie läuft vorbei an der Gasse mit dem kleinen Tauchermuseum von Sanary, wo die Stadt Jacques-Yves Cousteau gedenkt. Nach ihrem Vater wurde eine Grundschule im Ort bekannt, und die Vorstellung, ihr Sohn gehe dort einmal in eine Klasse, findet sie "ein bisschen komisch".

Das Meer ist heute friedlich. Cousteau lacht, wenn man sie darauf anspricht, dass das französische Wort für Wasser (eau) Teil ihres Namens ist. Ja, Wasser sei Teil ihrer Geschichte. "Aber auch wer das Wasser nicht im Namen hat: Wir sind alle damit verbunden."