Foggia oder wo die Mafia Flüchtlinge versklavte

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Do, 09. März 2017

Ausland

Seit der Staat gegen die kriminellen Clans in der süditalienischen Stadt vorgeht, wird das Ausmaß ihrer Gewaltherrschaft sichtbar.

Diese Mafia hat nicht einmal einen echten Namen. Man kennt die Cosa Nostra aus Sizilien, die Camorra aus Kampanien mit Schwerpunkt in Neapel, die ’Ndrangheta, die in Kalabrien ihr Unwesen treibt, oder die Sacra Corona Unita in Apulien, dem Absatz des italienischen Stiefels. Die Clans in der Umgebung von Foggia im Norden Apuliens werden von den Ermittlern als "Foggiani" umschrieben, manche nennen sie auch "Società Foggiana", also Gesellschaft von Foggia.

Lange konnten die Banden am Gargano, dem Sporn des italienischen Stiefels, weitgehend unbehelligt agieren. Diese mörderische Ruhe wird dieser Tage auf eine harte Probe gestellt. Der italienische Staat stellt sich den Clans entgegen. Der Gargano ist eigentlich als wunderbare Feriengegend berühmt. Seit einigen Tagen eskaliert die Lage aber zunehmend.

Alles begann mit der Räumung der angeblich größten Barackensiedlung in Italien, 30 Kilometer nördlich von Foggia. Die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Bari hatte die Räumung zum Monatsbeginn angeordnet. Seit mehr als 20 Jahren hausten hier zur Haupterntezeit im Sommer bis zu 3000 afrikanische Tagelöhner. Das Elendsviertel war in der Gegend als "Gran Ghetto"", als großes Ghetto bekannt. In dieser Favela zwischen Rignano Garganico und San Severo herrschten unmenschliche Lebensbedingungen, Drogenhandel und Prostitution florierten. Für Hungerlöhne bedienten sich hier kriminelle Organisationen der afrikanischen Erntehelfer, die Männer und Frauen aus Mali, Senegal und Burkina Faso führten das Leben moderner Sklaven.

Als vergangene Woche die Bagger anrückten, zündeten Unbekannte das Lager an. Zwei junge Männer aus Mali kamen in den Flammen ums Leben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und Brandstiftung. Etwa 350 Bewohner wurden in Notunterkünften untergebracht.

In der Kleinstadt San Severo ist die Situation schon seit geraumer Zeit außer Kontrolle geraten. Nahezu 30 Raubüberfälle registrierte die Polizei seit Jahresbeginn. Bürgermeister Francesco Miglio ging aus Protest sogar in einen Hungerstreik. "Ab 19 Uhr haben wir Angst, aus dem Haus zu gehen", erzählt er. Bei Ladenschluss seien die Kassen der Geschäfte voll. "Die Wahrscheinlichkeit, dass einem eine Pistole ins Gesicht gehalten wird, ist extrem hoch", sagt Miglio.

Geschäfte schlossen wegen der zahlreichen Überfälle, vor zwei Wochen ereigneten sich gar drei Raubüberfälle innerhalb einer Viertelstunde. Foggia sieht sich im Würgegriff der Organisierten Kriminalität. So jedenfalls sieht es der Polizeichef der Provinzhauptstadt, Piernicola Silvis. Die Übergänge zwischen Kleinkriminalität und Organisiertem Verbrechen sind fließend.

Die 28 Clans des Gargano sind nicht nur in der Landwirtschaft aktiv. Die Banden sind spezialisiert auf Drogenhandel, Erpressungen und den Überfall auf Geldtransporter. Innenminister Marco Minniti entsendete vor Tagen schließlich eine Hundertschaft Polizisten. Seither hat sich die Lage aber nicht etwa beruhigt, im Gegenteil. Die Clans fühlen sich offenbar vom Staat herausgefordert. So erklären sich die Ermittler die vermutete Brandstiftung.

Ausbeutung im

"Gran Ghetto"

Auch eine Episode vom vergangenen Wochenende gilt ihnen als Indiz für die bedrohliche Entwicklung. Nachts um vier Uhr schoss ein Unbekannter auf mehrere Mannschaftswagen der Polizei und beschädigte diese. Die Autos standen vor dem Hotel, in dem einige der vom Innenminister entsandten Einsatzkräfte übernachten. Der Bürgermeister sieht darin schlicht eine Kriegserklärung an den Staat. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob es sich bei den Schüssen auf die Einsatzfahrzeuge um eine Reaktion auf die verstärkte Polizeipräsenz oder um eine Reaktion auf die Räumung der Barackensiedlung bei San Severo handelt.

Der Einfluss der Mafia-Clans im "Gran Ghetto" war bekannt. Die Mafia profitiert vom Mechanismus, an dessen unterem Ende die afrikanischen Tagelöhner stehen. Diese verdienen in Schwarzarbeit gerade einmal bis zu 30 Euro am Tag bei der Tomatenernte. Ihre "Capos", also ihre illegalen Arbeitgeber, zwingen sie, sogar für Transport und Logistik zu bezahlen. In der abgebrannten Favela funktionierte zudem ein ausgeklügeltes Ausbeutungssystem. Für jede erdenkliche Leistung mussten die Tagelöhner zahlen, von der Matratze über die Aufladung ihres Handys bis zum Wasser für die Dusche.

Insbesondere im Sommer war das "Gran Ghetto" lukrativ für die mafiösen Betreiber, die den Landwirten billigste Arbeitskräfte und der Lebensmittelindustrie niedrige Preise garantierten. Die Räumung der Barackensiedlung ist schmerzhaft für die Hintermänner. Die meist afrikanischen Tagelöhner und das um sie kreisende Geschäft sind nun ihrem Einfluss entzogen worden.