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21. Juni 2011
Roma-Flüchtlinge
Geboren in Deutschland - ausgewiesen ins Kosovo
Vor einem Jahr hat die Bundesregierung Roma-Flüchtlinge in das Kosovo ausgewiesen. Dort fühlen sich vor allem die Jugendlichen fremd und angefeindet.
Es stinkt nach brennenden Plastiktüten, sobald Adnan Hajreczi die Haustür öffnet. Irgendwo brennt immer der Müll. Wenn er vom Schotter auf den Asphaltweg biegt, riecht es nach Küchenabfällen und ungewaschenen Füßen. Entlang der Straße säumen sich Buden, an denen etwas zu essen verkauft wird oder gebrauchte Schuhe. Dann, am Platz bei der großen Moschee, taucht Adnan ein in die Abgaswolken der alten Lkw und Traktoren. Hier vor dem Ein-Euro-Shop ist Mitrovica am schönsten, sagt er. Schön heißt in dem Fall: fast wie in Dortmund. Adnan Hajreczi steht da und sieht sich um, seine Basketballmütze schräg auf dem Kopf, die Baggy-Hose hängt über den Hüften. Er wirkt wie ein Außerirdischer, gestrandet in einer fremden Zivilisation, im Kosovo.
Es ist seine Heimat, behaupten die Deutschen. "Ziemlich übel hier", sagt Adnan. An der einen Hand hat er Rolex. Das ist sein Hund. Auch in Deutschland geboren wie er vor 21 Jahren. Mit Rolex geht Adnan Gassi, immer vom Haus seiner Familie zur großen Moschee und wieder zurück. Das ist es im Wesentlichen, was er seit seiner Abschiebung aus Dortmund im Juli 2010 von Mitrovica gesehen hat. Rolex mag nicht weiter gehen und er auch nicht. Weiter im Süden wohnen die Albaner. Und in der anderen Richtung jenseits der Brücke im Norden die Serben.
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Abends, wenn es dunkel wird, schießen die Paramilitärs von den Bergen auf ihre erklärten Feinde im Tal und umgekehrt. Zwischendrin liegt Mitrovicas Roma-Siedlung Roma Mmahalla wie ein Prellbock. Oder wie Adnan es ausdrückt: "Die Zigeuner kriegen eben immer eins auf die Fresse."
immer eins auf die Fresse."
Adnan Hajreczi
Eyrup sitzt neben seiner Frau und schweigt. Fast so, als wüsste er nichts mehr zu sagen zu diesem Leben. 22 Jahre haben er und seine Frau in Deutschland gelebt. Verlassen haben sie Mitrovica nach den ersten Unruhen im Kosovo 1989. Eine Festanstellung in Deutschland hatte er selten, weil Arbeitgeber nicht gerade nach Männern suchen, die morgen schon wieder ins Kosovo abgeschoben werden können. Also hangelte sich der Vater von Duldung zu Duldung und von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob durch. Ohne Geld vom Amt ging es nie, aber es ging 20 Jahre lang gut.
Am 20. Juli 2010 fanden die deutschen Behörden jedoch, dass sie genug bezahlt haben für die Hajreczis: Die Polizei klingelte mit der Abschiebeanordnung an der Haustür in Dortmund. Sie gaben der Familie 20 Minuten, um zu entscheiden, was aus zwei Jahrzehnten in Deutschland wichtig sein könnte für das neue Leben im Kosovo. Nach einem Monat Abschiebehaft setzte sich die sechsköpfige Familie in den Flieger nach Pristina. "Freiwillig", so haben sie es in Dortmund unterschrieben.
Eine Woche Flughafenhotel sponserte die kosovarische Regierung. Danach sollten die Hajreczis selbst klarkommen, irgendwie. In Pristina stellten sie fest, dass die Geburtsurkunden der Kinder in Deutschland geblieben waren. Auf die Schule gehen und den Abschluss machen können sie ohne Papiere aber nicht. Wobei den Geschwistern noch Grundsätzlicheres fehlt, um auf einer albanischen Schule etwas lernen zu können. "Wir sprechen Deutsch und Englisch, kein Albanisch", sagt Adnan. Und so sitzen die Kinder Tag für Tag mit ihren ratlosen Eltern in Mitrovica, wo ein Bekannter ihnen ein Dach über dem Kopf organisiert hat. Wenn es Strom gibt, läuft deutsches Fernsehen, und gesprochen wird in der Familie Deutsch. "Unsere Kinder sind schließlich Deutsche", sagt Sevdija.
Aus Deutschland zurückgekehrte Flüchtlingsfamilien wie die Hajreczis verkriechen sich in eine kleine, heile deutsche Welt zwischen brüchigen kosovarischen Mauern. Der Leiter von Unicef im Kosovo, Johannes Wedenig, nennt das Negation der Wirklichkeit. Anders ausgedrückt: Die Flüchtlingsfamilien sitzen im Geiste auf gepackten Koffern und warten darauf, dass sie jemand abholt. Nur – es kommt niemand. 2010 hat Unicef 116 Kinder und Jugendliche interviewt, die nach dem Rückkehrabkommen zwischen Berlin und Pristina vom vergangenen April ins Kosovo abgeschoben worden sind. Das Abkommen regelt, dass das Kosovo alle 14 399 Flüchtlinge aufnimmt, die Deutschland nicht mehr haben möchte. 82 Prozent von ihnen gehören laut Unicef zu Minderheiten wie den Roma oder den albanisch sprechenden Ashkali. Während Deutschland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Hunderttausende Juden aus historischer Verantwortung heraus aufnahm, will es den gleichfalls vom Holocaust betroffenen Roma vom Balkan keine neue Heimat sein. Bei der Hälfte des Personenkreises, der gehen soll, handelt es sich um Minderjährige. Im Gegenzug winken dem Kosovo Visa-Erleichterungen.
Deutschland betrachtet die Reintegration der Flüchtlinge in die fremd gewordene Heimat als kosovarische Angelegenheit. Und die junge Republik nimmt tatsächlich Geld in die Hand für Integrationsprogramme. Doch die Umsetzung in den Kommunen klappt nicht in einem Staat, der gerade mit seinem "Nation-Building" (so das UN-Englisch), also dem Schaffen einer Nation, beschäftigt ist. 74 Prozent der Flüchtlingskinder besuchen laut Unicef keine Schule im Kosovo. Die Studie, die von Unicef Deutschland und Unicef Kosovo initiiert wurde, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Kosovo ist derzeit nicht in der Lage, Kinder und Jugendliche zu integrieren, die aus Deutschland abgeschoben werden.
Wedenig nennt die deutsche Praxis, Flüchtlinge nach Jahrzehnten der Duldung in eine ihnen fremd gewordene Umgebung abzuschieben, einmalig. Gerade die Kinder, die in Deutschland, geboren sind, haben keine Chance, die Welt zu verstehen, in der sie jetzt klarkommen sollen. "Die Praxis, Kinder nach so vielen Jahren und unter solchen Bedingungen abzuschieben, schneidet die Lebenslinien von Kindern einfach ab", sagt Wedenig.
All das muss Gottes Wille sein, sagt Agron Kruaziu. Er hat keine andere Erklärung dafür, wie er in der Kleinstadt Gjakove auf dem blanken Staub des Kosovo gelandet ist. Von 1993 hatte der geduldete Flüchtling jede Arbeit angenommen, um nicht von der Stütze zu leben. 2009 in der Wirtschaftskrise half der Wille allein nicht mehr: Kruaziu wurde arbeitslos. Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung rückte in unerreichbare Ferne.
Das neue Haus der Familie aus Kappel hat keinen Betonboden. Nachts setzt sich die Feuchtigkeit in den Decken fest, und aus der Erde kriechen Skorpione und rote Ameisen. Eigentlich gehören die Kruazius zu den privilegierten Rückkehrern. Anders als die Roma sprechen sie als Ashkali immerhin Albanisch. Vor allem aber bekommen die Kruazius im ersten halben Jahr eine Eingliederungshilfe: Sie haben bei ihrer Ausreise kooperiert, und sie kommen aus dem richtigen Bundesland. Baden-Württemberg leistet sich ein Programm für die Rückkehrer.
nur Tränen."
Agron Kruaziu
Johannes Wedenig glaubt nicht, dass Kinder wie Albina oder Adnan im Kosovo zu halten sind. Gerade weil mit den Reiseerleichterungen, die dem Kosovo für seine Kooperation bei den Abschiebungen in Aussicht gestellt werden, die Tür wieder aufgemacht wird, die gerade geschlossen wurde. Die Roma und Ashkali, die in einigen Jahren nach Deutschland zurückkehren könnten, werden aber weder einen Schulabschluss noch eine Jobperspektive haben.
Der Unicef-Leiter fragt sich, welchen Nutzen die Bundesrepublik von den Abschiebungen eigentlich hat. "Die Investition, die Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten in die Schulbildung der Roma-Kinder gesteckt hat, verpufft." Die Unicef fordert die deutschen Behörden dazu auf, die Interessen der Kinder bei der Entscheidung zu berücksichtigen, ob sie Familien abzuschieben oder nicht. "Alles andere widerspricht der UN-Kinderschutzkonvention, nach der sich staatliches Handeln am Wohl der Kinder zu orientieren hat", sagt Wedenig.
Noch haben die Hajreczis und die Kruazius die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie schreiben Briefe an Anwälte, warten auf Antworten von Bürgermeistern, die versprochen haben, ihnen zu helfen. Bis das Wunder geschieht, wird Adnan Hajreczi weiter mit Rolex zur großen Moschee laufen und wieder zurück.
Roma und Ashkali im Kosovo
Nach Schätzungen der Weltbank beträgt der Bevölkerungsanteil der Roma und Ashkali im Kosovo fünf Prozent. Ein großer Teil von ihnen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Während die Roma eine eigene Sprache sprechen, handelt es sich bei den Ashkali um eine Untergruppe der Roma. Sie spricht albanisch. Bereits im Jahr 2003 veröffentlichte die Gesellschaft für bedrohte Völker eine Studie, in der sie auf die Gefahren für Roma und Ashkali im Kosovo hinwies. Roma-feindliche Ausschreitungen sowie eine systematische Diskriminierung seien sowohl in den albanischen wie auch den serbischen Gebieten des Kosovo an der Tagesordnung. Gleichwohl sind besonders Roma und Ashkali von den Abschiebungen betroffen, die Deutschland seit Abschluss des Rücknahmeabkommens mit dem Kosovo im vergangenen Jahr vornimmt.
Autor: crn
Autor: Cedric Rehman
