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23. Februar 2012 00:01 Uhr
Unruhen
Nach Koranverbrennung: Gewalt in Afghanistan eskaliert
In Afghanistan fliegen wieder Steine, brennen US-Flaggen und Autos, gibt es Verwundete und Tote. Was zur Woche des Friedens werden sollte, eskalierte zu einer neuen Welle von Wut und Gewalt.
Die Regierung der nördlich von Kabul gelegenen Provinz Parwan teilte mit, im Distrikt Schinwar seien am Mittwoch bei den Unruhen nach der Koranverbrennung durch US-Soldaten sechs Menschen getötet und 13 verletzt worden. Aus Sicherheitskreisen im ostafghanischen Dschalalabad hieß es, bei Zusammenstößen in der Hauptstadt der Provinz Nangarhar sei ein Demonstrant ums Leben gekommen. In Parwan hatten Demonstranten versucht, die Distriktverwaltung zu stürmen, und auf Polizisten geschossen. Die Polizei ging gegen den Mob vor.
Auch bei Protesten in der afghanischen Hauptstadt Kabul wurde nach offiziellen Angaben ein Mensch getötet. Demonstranten versuchten, in das Nato-Camp Phoenix in Kabul einzudringen. Auch ein Häuserkomplex, in dem Ausländer leben, soll angegriffen worden sein. Die US-Botschaft und internationale Hilfswerke in Afghanistan sagten aus Sicherheitsgründen alle Reisen ab. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, Stefan Paris, sagte, es gebe bisher keine Vorkommnisse im Zuständigkeitsbereich des deutschen Isaf-Einsatzes in Afghanistan.
Für Präsident Hamid Karsai konnte es schlimmer kaum kommen: Erst am Dienstag hatte er die Taliban erstmals offiziell zu direkten Friedensgesprächen eingeladen. "Um die Ziele des Friedensprozesses festzulegen, lade ich die Führung der Taliban zu direkten Gesprächen mit der afghanischen Regierung ein", sagte er nach einem Telefongespräch mit US-Präsident Barack Obama. "Die uns brüderlich verbundene Regierung von Pakistan bitte ich, als Teil des Friedensprozesses unsere Bemühungen um direkte Gespräche zu unterstützen und zu fördern."
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Pakistan fällt bei dem Friedensprozess eine Schlüsselrolle zu. Bei einem Treffen mit Präsident Asif Ali Zardari und Regierungschef Yousuf Raza Gilani hatte Karsai in der vergangenen Woche in Islamabad auszuloten versucht, ob er den Hilfszusagen Pakistans trauen könne. Gilani versicherte: "Wir werden den Friedensprozess aus vollem Herzen unterstützen." Doch nach Medienberichten war es in Islamabad hinter verschlossenen Türen lautstark zugegangen. Karsai habe Pakistan unbedingt zu der Zusage drängen wollen, Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar zu einer Beteiligung an den Friedensgesprächen zu zwingen. Pakistans Außenministerin Hina Rabbani Khar konterte kühl, es sei eine lächerliche Idee, ihre Regierung könne ihn an den Verhandlungstisch liefern.
Ein Treffen mit dem geistigen Vater der Taliban, Maulana Samiul Haq verlief nicht erfolgreicher. "Karsai hat mich gefragt, was ich tun könne," berichtete Haq der Nachrichtenagentur AP. "Ich habe ihm geraten, zuerst einmal das Vertrauen der Taliban zu erwerben." Wenn Karsai klar sage, was er anzubieten habe und was er von den Taliban erwarte, werde er sich an diesem ehrenhaften Unternehmen beteiligen, betonte Haq ironisch.
Das Gespräch Karsais mit Haq zeigt, wie weit der afghanische Präsident zu gehen bereit ist, um den Friedensprozess voranzubringen. Es war das erste offizielle Treffen eines hochrangigen afghanischen Politikers mit einem Mitglied der ideologischen – und vielleicht auch operationellen – Taliban-Führung in Pakistan. Die Bemühungen Karsais laufen parallel zu Sondierungen der USA, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen. Für Karsai und die USA sind die neuen Unruhen in Afghanistan ein deutlicher Rückschlag. Ausgelöst wurden sie am Dienstag, als bekannt wurde, dass in der US-Militärbasis Bagram Exemplare des Koran verbrannt worden waren. Die Bücher waren offenbar im Militärgefängnis Bagram bei inhaftierten Afghanen konfisziert worden, weil der Verdacht bestand, dass sie einem geheimen Informationsaustausch dienten. Soldaten hatten sie auf eine Müllkippe gebracht und angezündet.
Autor: Karl-Ludwig Günsche und unseren Agenturen
