In Nordirland macht sich Unsicherheit breit

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Mi, 23. Januar 2019

Ausland

Bombenanschlag, bewaffnete Überfälle, Panikmache – in Derry und Belfast sorgen republikanische Dissidenten für Unruhe.

LONDON. Neue Nervosität haben in den vergangenen Tagen in Nordirland Vorfälle ausgelöst, hinter denen offenbar republikanische Dissidenten stecken. Während vorigen Samstag in der Stadt Derry ein Pizza-Auslieferungswagen mit einer Bombe hoch ging, haben Gruppen maskierter Männer dort und in Belfast seither mehrfach Überfälle verübt und Anschläge fingiert, um Panik auszulösen.

In mehreren Fällen wurden Fahrer bedroht und Fahrzeuge entwendet. Jedes Mal mussten Spezialeinheiten der Polizei anrücken, weil man befürchtete, die Täter hätten in den betreffenden Autos Bomben hinterlassen. Eine Bombe war am Samstagabend bereits vor dem Gerichtsgebäude von Derry hochgegangen. Dort hatten die Maskierten dem Fahrer eines Pizza-Lieferwagens das Fahrzeug abgenommen und ihn mit einer Schusswaffe bedroht.

Zahlreiche Passanten, darunter Kinder, waren ahnungslos an dem vor dem Gericht abgestellten Wagen vorbei gegangen, bevor die Bombe explodierte. Es sei "pures Glück, dass dabei niemand ums Leben kam", erklärte hinterher die Polizei. In den anderen Fällen waren zur Vorsicht ganze Straßenzüge evakuiert worden. Einmal mussten alte Leute mitten in der Nacht in Schlafanzügen und Bademänteln ihre Häuser verlassen. Ein andermal wurde eine Schule, das St. Mary’s College in Derry, abgesperrt.

Die Schuld an den Aktionen, die gezielter Panikmache dienen, gibt die Polizei einer Organisation, die sich "Neue IRA" nennt. Sie besteht seit 2012 und vereint kleinere Dissidenten-Gruppen wie die frühere "Real IRA" unter einer Führung. Diese Gruppe betrachtet sich als Erbin der ursprünglichen Irisch-Republikanischen Armee, deren Mitglieder seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 die Waffen niedergelegt haben.

Die alte IRA-Garde führt ihren Kampf um die irische Einheit seither gewaltlos. Ihr politisches Vehikel ist die Partei Sinn Fein, die nördlich wie südlich der irischen Grenze erheblichen Einfluss hat. Ihr trotzt eine unbekannte Zahl an Dissidenten, die den nordirischen Friedensprozess nach Kräften zu stören suchen. Aufs Konto der "Neuen IRA" soll eine Reihe von Gewalttaten gehen, darunter die Ermordung zweier Gefängniswärter.

Zu den jüngsten Vorgängen, die große Unruhe ausgelöst haben, erklärte Premierministerin Theresa May, London werde "dafür sorgen, dass wir niemals zu Gewalt und Terror der Vergangenheit zurückkehren". Politiker und Beobachter in der Provinz glauben aber, dass die gegenwärtige Brexit-Ungewissheit und die Frage der möglichen Rückkehr einer "harten" Grenze mitten durch Irland zur allgemeinen Angst beiträgt – und die Dissidenten darin eine Chance für ein neues Erstarken sehen.

Sollte es in Irland erneut zu einer Grenze mit Grenzkontrollen und uniformierten Zollbeamten kommen, fürchtet man in irisch-katholischen Gebieten einen Widerwillen, den sich die Dissidenten zu Nutze machen könnten. Schon jetzt, bestätigt Mark Durkan, der Ex-Vorsitzende der nordirischen Sozialdemokraten und ein Abgeordneter für Derry, sei "ein enormes Gefühl der Beklommenheit überall in der Stadt" zu spüren.