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30. September 2009 00:25 Uhr
Brutale Übergriffe
Massaker in Guinea
Die Armee in dem westafrikanischen Staat Guinea hat am Montag ein Blutbad unter Demonstranten angerichtet. Das Massaker könnte der Anfang monatelanger Unruhen sein.
Aus Kreisen der Polizei wurde mitgeteilt, dass fast 160 Tote gezählt worden seien. Die Militärführung wies die Soldaten inzwischen offenbar an, die Toten statt in Leichenhäuser in Kasernen zu bringen, um das wahre Ausmaß zu verschleiern.
Anlass des Massakers war eine Demonstration oppositioneller Gruppierungen, die gegen die sich anbahnende Präsidentschaftskandidatur des Chefs der Militärjunta, Moussa Dadis Camara, protestieren wollten. Die Wahl ist für Januar anberaumt. Die Kundgebung war von der Polizei verboten worden. Dennoch versammelten sich am Montag rund 50 000 Demonstranten vor dem Fußballstadion der guineischen Hauptstadt Conakry, schwenkten Plakate mit der Aufschrift "Nein zu Dadis" und riefen Sprechchöre wie "Nieder mit der Armee an der Macht". Daraufhin eröffneten Soldaten das Feuer mit scharfer Munition und lösten eine Panik aus.
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Nach Angaben der Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte sind mindestens 157 Menschen getötet und 1253 verletzt worden. Das sagte der Vorsitzende Thierno Maadjou Sow. Verschiedenen Quellen zufolge vergewaltigten die Soldaten auch Frauen.
Juntachef Camara gab sich im senegalesischen Radio über die Vorgänge selbst entsetzt. "Ich bin empört", sagte der 45-jährige Hauptmann. Ein Sprecher der Junta verteidigte indessen die Armee: "Wir werden jeden stoppen, der die Autorität des Staates untergräbt", sagte der Offizier.
Moussa Dadis Camara hatte sich selbst am 24. Dezember des vergangenen Jahres zum Chef einer Militärregierung ausgerufen, nachdem zwei Tage zuvor Präsident Lansana Conté gestorben war. Conté hatte den knapp zehn Millionen Einwohner zählenden Staat 24 Jahre lang regiert und ihn zu einem Inbegriff für Misswirtschaft und Selbstbereicherung gemacht.
Camaras Machtübernahme war in der Bevölkerung zunächst auf Zustimmung gestoßen: Selbst Oppositionsmitglieder erhofften sich von der vorübergehenden Herrschaft einer Militärregierung einen ruhigeren politischen Übergang. Camara versprach auch baldige Wahlen und versicherte, dass weder er noch andere Mitglieder der Militärjunta als Kandidaten antreten würden. Seit einiger Zeit deutet sich jedoch ein Gesinnungsumschwung des Juntachefs an: Eine neu gegründete Partei erklärte Camara vor wenigen Wochen zu ihrem Spitzenkandidaten. Und er selbst sagte kürzlich, dass seine Kandidatur allein in Gottes Händen stehe: "Ich trete an oder auch nicht. Niemand kann mich stoppen."
Camaras Kehrtwende führte zu einer dramatischen Verschlechterung des politischen Klimas in Guinea. Bereits seit Wochen organisieren seine Opponenten, die sich in der "Dadis-muss-gehen-Bewegung" zusammengeschlossen haben, regelmäßig Proteste, denen sich meist Zigtausende von Demonstranten anschließen. Es gibt allerdings auch eine weniger populäre "Dadis-muss-bleiben-Bewegung", die eine Kandidatur des unberechenbaren und rhetorisch oft wirren Offiziers befürwortet.
Camara selbst pflegt stundenlang im Fernsehen aufzutreten und liebt eindrückliche Manifestationen seiner Macht. So mussten sich Mitglieder der elitären Präsidentengarde kürzlich vor laufenden Kameras kniend entschuldigen, nachdem sie einen hohen Offizier offenbar schlecht behandelt hatten.
Kenner Guineas gehen davon aus, dass sich die Lage bis zu den Wahlen im Januar noch weiter verschlechtern wird: "Das ist nur der Anfang einer Welle von Protesten", ist der Guinea-Experte der International Crisis Group, Gilles Yabi, überzeugt. Sowohl UN-Generalsekretär Ban Ki Moon als auch die Regierungen in Washington und Paris haben das Blutbad scharf verurteilt und die Armeeführung zur Zurückhaltung aufgerufen. Ban Ki Moon zeigte sich "schockiert von der maßlosen Gewalt der Sicherheitskräfte". "Wir sind tief besorgt über den Zusammenbruch der Sicherheit in Guinea", sagte ein Sprecher der US-Regierung. Die französische Regierung forderte Camara zu einem Rückzug seiner Kandidatur auf. Dieser Schritt würde "die Rückkehr der Ruhe ermöglichen", hieß es am Pariser Quai d’Orsay.
Autor: Johannes Dieterich
