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22. Juli 2011 16:03 Uhr

Norwegen

Norwegen unter Schock: Anschlagserie fordert zahlreiche Todesopfer - Blutbad in Jugendlager

Terror in Skandinavien: Nach dem Bombenanschlag in der Oslo mit zahlreichen Todesopfern steht Norwegen unter Schock - zumal sich in einem Jugendlager nahe der Hauptstadt ein noch grausameres Massaker abgespielt hat.

  1. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: dpa

  2. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: AFP

  3. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: AFP

  4. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: AFP

  5. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: dpa

  6. Schwere Zerstörungen in Oslo Foto: dpa

Ein doppelter Terroranschlag erschüttert Norwegen. Eine kräftige Explosion zerstörte am Freitagnachmittag das Regierungsviertel in Oslo fast völlig. Mindestens sieben Menschen kamen ums Leben. Augenzeugen berichteten von einer Autobombe, die vor dem Gebäudekomplex detonierte, in dem die meisten norwegischen Ministerien untergebracht sind. Mehrere weitere Umgekommene sollen noch in den Regierungsgebäuden liegen. 15 Verletzte wurden ins Krankenhaus Ulleval eingeliefert.

Mehr als 20 Tote im Jugendlager?

Wenige Stunden nach dem Attentat in Oslo kam es zu dem Blutbad auf der Insel Utøya, die in einem See nahe der Hauptstadt liegt. Am späten Freitagabend sprach die norwegische Polizei von zehn Todesopfern, doch auch hier könnte die Zahl noch steigen. Medien berichten unter Berufung auf Zeugenanhaben, es habe möglicherweise mehr als 20 Opfer gegeben. 560 Mitglieder der sozialdemokratischen Jugendorganisation feierten friedlich auf der Insel, als ein in Polizeiuniform verkleideter Mann kam und sagte, er müsse im Zusammenhang mit den Bomben von Oslo Ermittlungen anstellen. Laut Augenzeugen rief er ein paar Jugendliche zu sich, dann begann er zu schießen. "Er hat sie regelrecht hingerichtet", sagte ein Zeuge. In Panik flüchteten die anderen, viele verbargen sich in Gräben, andere versuchten, schwimmend Festland zu erreichen. Noch lange waren Schüsse zu hören, ehe Spezialtruppen der Polizei den Attentäter zu überwältigen vermochten.

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Der Attentäter wurde festgenommen. Ob es sich bei dem auf der Insel Festgenommenen um einen Norweger handelte, wollten die Ermittler nicht sagen. Der Mann ist nach Medienberichten identifiziert, er wurde verhört und soll vor den Schüssen auf der Insel in Oslo gesehen worden sein. Es sei noch nicht sicher, welche Waffen er benutzt oder ob er bei den Anschlägen alleine gehandelt habe, sagte Polizist Sverre Sponheim der Nachrichtenagentur NTB.

Warnungen der Polizei

Zwischen dem Bombenanschlag und der Schießerei bestehe ein Zusammenhang, teilte die Polizei am Freitagabend mit. Sie forderte alle auf, das Zentrum von Oslo zu verlassen, Menschenansammlungen zu meiden und zu Hause zu bleiben. Laut Polizeiangaben könnte auf der Insel, auf der das Jugendcamp stattfand, auch Sprengstoff versteckt sein. Regierungschef Jens Stoltenberg hatte ursprünglich geplant, das Camp zu besuchen.

"Auf der Straße liegen blutende Menschen, alles ist von Glassplittern übersät, es herrscht völliges Chaos." Ingunn Andersen
Auch wenn die Zahl der Opfer im Jugendlager höher sein könnte als jene im Regierungsviertel von Oslo: Die Welt blickt vor allem auf die massiven Zerstörungen in der Hauptstadt. "Das ganze Haus wankte, wir glaubten zuerst an ein Erdbeben, alle Fenster barsten", berichtete die Journalistin Ingunn Andersen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion im Regierungsgebäude befand. Doch die Erschütterung war nicht Folge von Naturkräften, sondern eines Anschlags auf das politische Zentrum Norwegens. "Auf der Straße liegen blutende Menschen, alles ist von Glassplittern übersät, es herrscht völliges Chaos," sagte Andersen. Aus dem Gebäudekomplex stieg schwarzer Rauch auf, die Dachetage brannte, das riesige Hausviertel ist eine Ruine geworden. "Man kann auf der einen Seite stehen und auf der anderen hinausschauen", schilderte der Journalist Per Ritzler. Vor dem Haus lag eine völlig ausgebrannte schwarze Limousine. Ein großer Trichter unter dem Wrack spricht für die Theorie, dass in ihr die Bombe versteckt war.

Ministerpräsident ist in Sicherheit

Über das Motiv des Terroranschlags gibt es vorerst nur Mutmaßungen: Norwegens Teilnahme am Krieg in Afghanistan oder an den Bombenflügen über Libyen. Nach Einschätzung der Zeitung "Dagbladet" soll der Angriff gegen das Öl- und Energieministerium gerichtet gewesen sein, das als Symbol für den Wohlstand Norwegens gilt. Auch das Handelsministerium und die Kanzlei von Ministerpräsident Jens Stoltenberg wurden schwer beschädigt. Stoltenberg selbst stieß bei dem Anschlag nichts zu. Er bestätigte, dass er die Explosion gehört habe, wollte in Übereinkunft mit der Polizei aber nichts Genaueres berichten. Auch sein Aufenthaltsort wurde geheim gehalten. Keiner seiner Regierungskollegen zähle zu den Opfern. Wegen der Sommerpause waren die meisten Büros leer oder nur spärlich besetzt. Auch die nahe gelegene Redaktion der Zeitung VG und zahlreiche weitere Gebäude wurden beschädigt und evakuiert. Noch mehrere hundert Meter vom Tatort entfernt zersplitterten die Fensterscheiben, zahlreiche Passanten erlitten Verletzungen.

Aus Furcht vor möglichen weiteren Autobomben sperrte die Polizei das betroffene Viertel großräumig ab, Gerüchte über eine zweite Explosion beim Parlament wurden dementiert. Das Lokalbüro des Fernsehsenders TV2 wurde wegen eines hinterlassenen Paketes geräumt. Alle Krankenhäuser wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Keine Verbindungen zum internationalen Terrorismus?

Norwegische Politiker und Experten sprachen vom schwersten Terroranschlag seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Oslo völlig unerwartet getroffen habe, obwohl Norwegen immer wieder auf den Drohlisten des Terrornetzwerks al-Qaida genannt wurde. Das Nato-Land ist an den Kriegen in Afghanistan und Libyen beteiligt und zog sich auch während der Karikaturenkrise den Zorn radikaler Islamisten zu, als mehrere Zeitungen die dänischen Zeichnungen des Propheten Mohammed nachdruckten.

Die Polizei vermutet die Drahtzieher der Anschläge dagegen im Inland und sieht zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das politische System wende, meldete die Nachrichtenagentur NTB am Abend. Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat.

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Autor: Hannes Gamillscheg mit kh/dpa/afp, aktualisiert um 22.30 Uhr